Ob es irgendwann noch einmal zu einer Auferstehung der "Sachsenhäuser Kirmes" kommt?
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Ob es irgendwann noch einmal zu einer Auferstehung der "Sachsenhäuser Kirmes" kommt?

Es gibt noch Hoffnung

Diez: 150 Jahre Sachsenhäuser Kirmes

  • VonRolf-Peter Kahl
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Die Anfänge des Festes liegen weit zurück

Diez -Die Sachsenhäuser Kirmes fand vor vier Jahren immer am ersten Augustwochenende statt. Doch 2017 verkündete die Sachsenhäuser Kirmesgesellschaft (KG) schweren Herzens das Ende des Kirchweihfestes. Das Kosten-Nutzenverhältnis war derart in Schieflage geraten, dass die KG selbst all ihre Rücklagen verbraucht hatte und weitere Feste nicht mehr finanzierbar gewesen wären.

Die Anfänge

der Kirmes

Im Jahre 1871 wurde die erste Kirmes in der "Brückenvorstadt", jenseits der Lahn, gefeiert. Dies ist so historisch belegt und festgehalten. Ein Kenner der Materie, der bereits verstorbene, frühere Stadtarchivar Fred Storto, bestätigte dies schon während seiner damaligen Amtszeit und er versicherte zudem, dass die Diezer bis zum Jahre 1841 eine Kirmes in der Stadt auf dem Alten Markt ausgerichtet haben. Dann jedoch wurden die Diezer abstinent, was das Kirmesfeiern angeht. 30 Jahre lang hat es in den Mauern der Stadt keine Kirmes mehr gegeben, bis die "Sachsenhäuser" sich des vergessenen Brauchtums besannen und dem Fest gleichsam zur Wiedergeburt verhalfen. Zunächst in Erinnerung an die Diezer Kirchweihe feierten sie am 1. September, später verlagerten sie das Fest auf das erste Augustwochenende.

Was aber nicht in den Geschichtsbüchern steht, ist die Frage, warum sich die Diezer "Säcker" das Heft von den "Sachsenhäusern" hatten aus der Hand nehmen lassen. Hier kann man nur mündliche Überlieferungen bemühen. Und da gab es den einen oder anderen Spruch aus der Sachsenhäuser Richtung. Beispielsweise: "Die Säcker waren einfach zu zaghaft, vielleicht auch etwas geizig, hatten zusammengenommen einfach nicht den Mumm, wieder eine eigene Kirmes auf die Beine zu stellen".

Da waren ihnen die Sachsenhäuser, die von jeher als fröhliche und feierwillige Menschen bekannt waren, schon immer eine Nasenlänge voraus. So erzählten sich die alten Sachsenhäuser: "Wo immer übber de Brück die Bassgeige brummte, versammelten sich in Windeseile eine fröhliche Runde, der eine holte ein paar Flaschen Wein aus dem Keller, der andere schnitt ein Stück Schinken vom Haken und ein dritter spendierte einen Laib Brot und schon war die schönste Feier im Gang. Es war ein Mann Gottes, der katholische Pfarrer Toni Pistor, der diesen etwas leichtlebigen Menschenschlag ins Herz geschlossen hatte, seinen Schäfchen aus den Mauern der Stadt vorzog, was man an seinem überlieferten Zitat unschwer erkennen konnte: "Die Sachsnehäuser sind auch Diezer, aber die Diezer sind noch lange keine Sachsenhäuser."

Feste Regeln

Unvergesslich auch die früheren Regeln, von denen die Kirmes geprägt war. So war es ungeschriebenes Gesetz: wer Kirmesbursche werden wollte, musste in Sachsnehausen wohnen, besser noch gebürtiger Sachsenhäuser sein. Später wurden die Sitten etwas gelockert. Es reichte aus, ein "Liebchen" in Sachsenhausen zu haben. So hatten dann auch junge "Säcker" die Möglichkeit, den Hut mit den hoch aufgesteckten Blumen ein Mal in ihrem Leben - vier Tage lang - als Statussymbol zu tragen.

Später haperte es dann an Sachsenhäuser Kirmesburschennachwuchs. Was sollte man machen? Die Kirmesburschen hängten zwei, drei oder sogar mehrere Jahre dran. Daher stammt auch die Wortschöpfung vom "ewige Kermesborsch". Die Kirmes ging den Sachsenhäusern über alles. Da fuhren die Burschen - junge und alte - Samstag mit dem Fuhrwerk in den Wald, holten frisches Grün und legten es den Sachsenhäusern vor die Tür. Spätnachmittags hatten die Anwohner die Zweige angebunden und mit Fahnen ihre Häuser geschmückt.

Abends wurden dann die neuen Kleider angelegt, die Lockenschere war schon den ganzen Tag in Tätigkeit gewesen, in letzter Minute der Rocksaum doch noch etwas umgeschlagen und festgepinnt. Die Herren der Schöpfung kamen meist nicht so gut weg. Ihr schon an den Ellenbogen und Knien etwas blanker Anzug wurde zum x-ten Mal aufgebügelt. Wer Glück und den Lohn für den Schneider hatte, kam ohne blanke Stellen daher. Aus dieser Zeit stammt die Frage: "Sie haben einen schönen Anzug an. Wo lassen Sie wenden?"

Nicht nur für Schausteller und Festwirt, sondern für alle Handelstreibenden und Dienstleister war die Kirmes ein "Mordsgeschäft". Frisöre, Metzger, Bäcker, Konditoren, Stoffverkäufer, Schneider, alle machten vor Kirmesbeginn ihren Reibach. Wenn schon kein komplett neues Outfit drin war, wenigstens die Hoar" mussten geschnitten sein, der Festbraten musste in der Röhre schmurgeln und die Torte unter der Schale im Keller stehen.

Damals wurde beim Essen und Trinken noch richtig zugeschlagen, die Menschen mussten durchweg körperlich hart arbeiten und brauchten ihre Kalorienzufuhr, die ja beileibe nicht alltäglich war. Aus dieser Zeit soll auch der Wahlspruch eines wohlbeleibten Sachsenhäusers stammen: "Flaasch und Worscht is mei leijbst Gemies."

Nochmal 30 Jahre bis zur nächsten Kirmes?

Drei Jahrzehnte feierten die Diezer keine Kirmes, bis die Sachsenhäuser die Tradition vor 150 Jahren wieder aufleben ließen. Jetzt ist die Kirmes wieder im "Dornröschenschlaf". Wird es jetzt wieder so lange Zeit dauern, bis sich Sachenhäuser, Säcker und vielleicht sogar die Freiendiezer zusammentun, um die Kirmes wieder zum Leben zu erwecken? Immerhin feierten ja die Freiendiezer einen "Sachsenhäuser-Kirmesmontag-Gedächtnisfrühschoppen". Eine leise Hoffnung besteht also.

Rolf-Peter Kahl

Kirmesbaumstellen bei der Sachsenhäuser Kirmes.

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