Mit einem blauen Auge kam ein 44-jähriger Angeklagter vor dem Schöffengericht in Diez davon.
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Mit einem blauen Auge kam ein 44-jähriger Angeklagter vor dem Schöffengericht in Diez davon.

Prozess vor dem Schöffengericht

Diez: Angeklagter kommt mit einem blauen Auge davon

  • vonMariam Nasiripour
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Richter schließt Verhandlung ohne Verurteilung - Zeugin überzeugte nicht mit ihren widersprüchlichen Aussagen

Diez -Mit einem blauen Auge kam ein 44-jähriger Angeklagter vor dem Schöffengericht in Diez davon. Die Staatsanwaltschaft hatte dem gelernten Bäcker und gebürtigen Kasachen räuberische Erpressung und Körperverletzung vorgeworfen. Er habe die Dienste einer Prostituierten in Anspruch genommen, sich anschließend aber geweigert, sie dafür zu bezahlen. Als die Geschädigte von ihm die Bezahlung verlangte, habe er sie gewürgt und geschlagen. Wegen widersprüchlicher Aussagen der Geschädigten und Zeugin konnte das Gericht dem Angeklagten den ersten Anklagepunkt nicht nachweisen.

Die Körperverletzung hatte der Angeklagte bereits in seiner Aussage vor Gericht eingeräumt. Da er aber im Januar dieses Jahres wegen Widerstands gegen Vollstreckungsbeamte, Beleidigung und Körperverletzung vom Amtsgericht Wiesbaden verurteilt wurde und diese Verurteilung schwerer wiege als der aktuelle Fall, schloss der Vorsitzende Richter Dr. Dennis Graf den Fall ohne eine Verurteilung. "Die Wahrheit ist schwierig zu ermitteln", sagte Richter Graf abschließend.

Der Fall sei etwas komplizierter, hatte bereits zu Beginn der Verhandlung der Verteidiger angemerkt. Und er wurde im Laufe des Donnerstagvormittags komplizierter, verworrener und unverständlicher. Der Verteidiger führte aus, dass der Angeklagte die Geschädigte durch die in Anspruchnahme ihrer Dienste kennengelernt habe. Nach und nach seien sich die beiden dann näher gekommen und daraus hätte sich eine toxische und dysfunktionale Beziehung ergeben.

Immer wieder um Geld gebeten

Der Angeklagte bestätigte die Ausführungen seines Verteidigers. Er und die Geschädigte seien nach bereits kurzer Zeit zusammengekommen. Anfangs habe er sie für ihre Dienste bezahlt, später nicht mehr. Bei ihren regelmäßigen Treffen hätte die Geschädigte ihm von ihren Problemen erzählt und ihn immer wieder um Geld gebeten. Er habe ihr das Geld aus Liebe und Mitleid gegeben - insgesamt 5000 Euro. Er hätte die 26-Jährige sogar seiner Familie und seiner 15-jährigen Tochter vorgestellt. Es war sogar geplant, so der 44-jährige Angeklagte, zusammenzuziehen.

Der besagte Vorfall habe sich im August 2020 ereignet. Zu dieser Zeit sei der Angeklagte, weil wohnungslos, mit der Geschädigten in ein Hotel in Laubach gefahren, um Zeit mit ihr zu verbringen. Im Laufe des Abends habe die Geschädigte weitere 1000 Euro von ihm haben wollen und ihm sogar mit dem Leben seiner Tochter gedroht. Deswegen hätte er die 26-jährige Frau gewürgt und sie gegen die Wand des Hotelzimmers gedrückt. Worauf sie sich dann entschuldigte. Auf die Frage des Richters warum er trotzdem mit ihr zusammenziehen und zusammen sein wollte, antwortete der 44-Jährige: "Weil ich sie geliebt habe."

Anschließend habe die Geschädigte ihn unter dem Vorwand, zu ihr nach Hause fahren zu wollen, in eine Falle gelockt, wo er dann von zwei kräftigen Männern mit Stöcken bedroht wurde, die sein Auto verbeult hätten. Das sei alles gelogen, sagte dagegen die Geschädigte, die als Zeugin aussagte. Sie hätte mit dem Angeklagten nie eine Beziehung gehabt und wollte auch nicht mit ihm zusammenziehen. Sie habe auch weder seine Familie, noch seine Tochter persönlich kennengelernt.

Als er diese Ausführungen hörte, konnte sich der Angeklagte nicht mehr zurückhalten und warf ihr vor, zu lügen und ihn ausgenutzt zu haben. Da platzte Richter Dr. Graf der Kragen und er rief den Angeklagten zur Ruhe auf. Doch davon ließ sich dieser nicht wirklich beeindrucken, denn er störte die Aussage der Zeugin immer wider mit seinen Zwischenrufen und brachte den Richter dazu, ihm mit Konsequenzen zu drohen, sollte er nicht still sein.

Auf sein Drängen hin die Telefonnummer verraten

Der Angeklagte habe sie auf dem Straßenstrich in Montabaur kennengelernt, berichtete die 26-Jährige. Anschließend hätte er sie regelmäßig aufgesucht, wobei er nur zwei Mal ihre Dienste in Anspruch genommen habe. Die anderen Mal habe er sich nur mit ihr unterhalten wollen. Auf sein Drängen hin, habe sie ihm ihre Telefonnummer und Privatadresse gegeben. Ab diesem Zeitpunkt hätte er sie entweder daheim aufgesucht oder sie angerufen. Sie habe sich von ihm belästigt und bedrängt gefühlt.

Dieses Verhalten konnte Richter Dr. Dennis Graf nicht nachvollziehen. Er fragte die Zeugin immer wieder warum sie dem Angeklagten ihre Telefonnummer und ihre Privatadresse verraten hatte und ob sie das bei jedem Kunden machen würde. "Ich gebe meine Telefonnummer und Privatadresse nicht jedem", hatte die Zeugin darauf erwidert. Aber der Angeklagte hätte sie dazu überredet.

Das besagte Ereignis in einem Hotel in Laubach im Landkreis Gießen schilderte die Zeugin ganz anders als der Angeklagte. Dieser hätte sie in der Nähe ihrer Wohnung aufgesucht und sie gebeten, ein paar Tage mit ihm zu verbringen. Daraufhin hätte die Zeugin ihm ihren Preis genannt, womit der Angeklagte einverstanden gewesen sei. Anschließend seien die beiden ins Hotel gefahren. Hier warf der Richter ein, dass laut ihrer Aussage bei der Polizei, ein Freund des Angeklagte sie begleitet hätte. Nach mehrmaligen Fragen durch Richter Graf fiel der Zeugin plötzlich ein, dass doch ein Freund des 44-Jährigen mitgefahren war.

Er wollte außerdem wissen, welchen Betrag sie mit dem Angeklagten vereinbart hatte. Diese Frage konnte die Zeugin aber nicht konkret beantworten. Erst waren es 1200 Euro, dann 1300 und später sogar 1400 Euro. Als Richter Graf der Geduldsfaden zu reißen schien, legte sich die Zeugin auf 1200 Euro fest. "Das ist aber sehr günstig", warf die Staatsanwältin ein und wollte wissen, ob die Zeugin das Geld vorab kassiert hatte. Das verneinte die Zeugin, sie hätte dem Angeklagten vertraut, dass er sie nicht betrügen würde.

Und sie fuhr fort, dass er weder sie für die Tage, die sie zusammen im Hotel verbracht hatten, bezahlt hätte, noch für die Verpflegung, obwohl er es zugesagt hatte. Auf die Frage der Staatsanwältin, warum sie dann nicht einfach wieder abgereist sei, hatte die Zeugin keine überzeugende Antwort. Verwirrend war auch ihre Aussage, dass sie sich für den Hotelaufenthalt weder eine Reisetasche gepackt, noch eine Zahnbürste eingesteckt hätte. Die Zeugin widersprach sich ein paar Mal darüber, ob der Angeklagte sie geschlagen oder geschubst habe. Diese widersprüchlichen Aussagen der Zeugin führten dazu, dass Richter Graf das Verfahren ohne Verurteilung schloss.

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