npp_Stadtkaserne-und-Steinb
+
Um 1930 ist die Aufnahme von der Diezer Stadtkaserne und der nur mit zwei Häusern bebauten "Schöne Aussicht- Straße" entstanden. Der tief eingeschnittene und nach 1945 verfüllte Kalksteinbruch ist am linken Bildrand zu erkennen.

Umstrittenes Bauprojekt

Diez: Öffnet geplanter Bodenaustausch die Büchse der Pandora?

Zeitzeuge berichtet von der Entsorgung von Sprengstoff und Fahrzeugteilen auf dem Gelände

Diez -Ein Investor möchte auf dem zuletzt als Parkplatz der Optonia GmbH genutzten ehemaligen Steinbruch- und Deponiegelände insgesamt 18 Einfamilienhäuser errichten und anschließend nicht verkaufen, sondern nur vermieten. Doch das Projekt ist umstritten, da der Baugrund erst zwischen 1946 und 1969 durch die Verfüllung eines ehemaligen rund 50 Meter tief ins Gelände gesprengten Kalksteinbruchs aufgeschüttet wurde.

Die Angaben von Zeitzeugen werden vom ersten Beigeordneten der Stadt Diez bezweifelt. Vor allem die Aussage von Marco Rosso: "Da geht vieles in den Bereich von Sagen und Märchen - Beweise konnte bislang niemand vorlegen", ärgert den ehemaligen Transportunternehmer Karlheinz Freitag sehr. Seit mehreren Jahrzehnten hat er immer wieder auf die von 1946 an dort deponierten Altlasten hingewiesen. Und Freitag weiß, wovon er redet, denn er war unmittelbar nach dem Krieg aktiv an der Beseitigung diverser militärischer Altlasten beteiligt und hat auch später - im Auftrag der Stadt Diez - dort manchen Lkw mit Müll entladen.

Mit 17 Jahren an

die Front berufen

Der 1927 in Diez geborene Karlheinz Freitag hatte nach der Schulzeit eine Ausbildung zum Autoschlosser abgeschlossen. In der Stadtkaserne bestand seit Mitte der 1930er Jahre eine Motorschule des Nationalsozialistischen Kraftfahrkorps (NSKK), in der Freitag schon als 15-jähriger die Ausbildung vom Krad bis zum dreiachsigen Lkw mit Anhänger absolvierte und die entsprechenden Führerscheine erwarb. Mit 17 Jahren erhielt er den Einberufungsbescheid und wurde Soldat in der "12. SS-Panzer-Divison Hitlerjugend", die 1943 aus rund 20 000 Hitlerjungen aufgestellt und zunächst in der Normandie eingesetzt wurde. Aus amerikanischer Kriegsgefangenschaft in Österreich geflohen, erreichte er nach fünfwöchiger Flucht seine Heimatstadt Diez.

Die französischen Besatzungsbehörden entzogen ihm den Pass und internierten ihn mit drei weiteren Kameraden von September 1945 an für zwei Jahre in der Diezer Stadtkaserne. Ab Anfang 1946 musste dieser Trupp unter französischer Bewachung rund sechs bis acht Tonnen Sprengstoffe, Panzerminen, Granaten und Munition aus Wehrmachtsbeständen, die in den Kellern der Stadtkaserne lagerten, seitlich im ehemaligen Steinbruch eingraben. Der Steinbruch, in dem 1934 der Reichsarbeitsdienst einen Schießstand für die Ausbildung von SA und SS angelegt hatte, war ebenerdig von der Oraniensteiner Straße aus erreichbar und wurde anfangs noch von dort verfüllt.

Über 22 Jahre

Diezer Deponie

Vier Tage vor Kriegsende hatte die Wehrmacht noch rund 100 Pkw und Lkw im Diezer Hain rund um den Sternenplatz abgestellt. Nach Plünderungen sind die räderlosen Wracks von Anfang 1947 an mit Hilfe eines französischen Kranwagens von oben in die Deponie entsorgt worden. In der Folgezeit wurden in die inzwischen städtische Deponie alle Arten von Müll verfüllt: neben dem Inhalt von Hausklärgruben, Bauschutt und Hausmüll auch Asche aus der Stadtgaserzeugung.

Bis zum Bau einer Schrankenanlage und dem Einsatz eines Müllwärters war die Zufahrt zur Deponie nachts und an Wochenenden offen. Erst, nachdem dort unter anderem Tierkadaver oder zahlreiche Fässer mit unbekannten Inhalten aufgefunden wurden, kam es zum Bau einer Schranke und dem Einsatz von Aufsichtspersonal, erinnert sich Freitag.

Erst 1969 war der Steinbruch weitgehend verfüllt und eine rund fünf bis sechs Meter starke Erdschicht wurde über dem Müll aufgebracht. 1970 kam es zum Verkauf des Geländes. Den vorderen, aus festem Gestein bestehenden Bereich erwarb der Autofuhrbetrieb Freitag, der dort Lastkraftwagen abstellte und auf dem später das Wohnhaus gebaut wurde. Das ehemalige Deponiegelände erwarb die Bundeswehr für die Anlage dringend benötigter Parkplätze für die Soldaten der Wilhelm-von-Nassau-Kaserne. Für die Ableitung des Oberflächenwassers von den asphaltierten Parkplätzen zur Straße "Schöne Aussicht" wurden 1972 rund 15 Kanalgullis und 500 Meter Kanalrohre eingebaut. Im Juli 1994 wurden durch das Büro "Björnsen Beratende Ingenieure GmbH" aus Koblenz für Gasmessungen sechs Bohrungen von knapp fünf Metern Tiefe in die Deckschicht vorgenommen. Aufgrund der in der nordöstlichen Ecke auch 1998 gemessenen leicht erhöhten Werte an "Leichtflüchtigen halogenierten Kohlenwasserstoffen (LHKW)" wurde eine jährliche Kontrollmessung empfohlen. Gegen eine Wiedernutzbarmachung der Fläche als Parkplatz hatte das Büro keine Einwände.

Eine im Februar 1998 erfolgte Kanalbegutachtung mit Kameras zeigte zahlreiche Brüche, auseinandergezogene Rohrmuffen und lange Risse. Aufgrund der lahnseitigen Absenkung des Geländes wird das Wasser seit über 20 Jahren nicht mehr über die Kanalisation abgeleitet, sondern versickert überwiegend in den Deponiebereich und in die aufgeschüttete Hangkante zur Lahn hin.

In der Nähe sind Wasserschutzzonen

Rund 300 Meter östlich der Altdeponie beginnt parallel der Lindenallee im Hain das Wasserschutzgebiet (WSG) I und in 900 Meter Entfernung liegt ein Tiefbrunnen, aus dem die Stadt Trinkwasser entnimmt. Zwar wird das Trinkwasser regelmäßig untersucht und blieb bislang ohne Beanstandungen, die auf Giftstoffe aus der Deponie hinweisen, allerdings gibt es am Fuß der Deponie im Bereich der Oraniensteiner Straße auch keine Messstelle, an der eventuell in Richtung Lahn durchsickernde Schadstoffe ermittelt werden könnten.

Bauen in belasteten Bereichen

Die SGD-Nord schreibt auf ihrer Internetseite zu diesem Thema: Ergibt sich für ein Baugrundstück ein Bodenbelastungsverdacht, ist vor einer Nutzungsänderung ein Nachweis erforderlich, dass von der Altlast keine Beeinträchtigungen der Bodenfunktionen ausgehen, die geeignet sind, Gefahren, erhebliche Nachteile oder erhebliche Belästigungen für den Einzelnen oder die Allgemeinheit herbeizuführen und somit auch für die Zukunft kein Sanierungsbedarf besteht. Ferner müssen bei Altablagerungen die generelle Bebaubarkeit, die Anforderungen an gesunde Wohn- und Arbeitsverhältnisse sowie die Belange des Umweltschutzes gewährleistet sein. Die Nachweise sind durch einen im Altlastenbereich erfahrenen, unabhängigen Gutachter zu erbringen. Hans-Peter Günther

Der Blick vom Aussichtspunkt am Diezer Soldatenfriedhof über die auf dem ehemaligen Deponiegelände von der Bundeswehr hergerichtete Parkplatzfläche ist beeindruckend. Ob sich diese Fläche allerdings als Baugebiet für Wohnhäuser eignet, ist in der Grafenstadt im Augenblick noch umstritten.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare