Die Stolperschwelle vor dem Diezer Krankenhaus wurde in Gedenken an das Deutsch-Israelitische Kinderheim verlegt, dass im vergangenen Jahrhundert an dieser Stelle stand.
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Die Stolperschwelle vor dem Diezer Krankenhaus wurde in Gedenken an das Deutsch-Israelitische Kinderheim verlegt, dass im vergangenen Jahrhundert an dieser Stelle stand.

Steine gegen das Vergessen

Diez: Für die Opfer des blinden Hasses - und der Tatenlosigkeit

  • vonMariam Nasiripour
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Zum ersten Mal wurden in der Grafenstadt Stolpersteine in Gedenken an die Gräueltaten in der NS-Zeit verlegt

Diez -Sie werden Steine gegen das Vergessen genannt: die Stolpersteine. Sie werden vor dem letzten frei gewählten Wohnort jüdischer Bürger verlegt, um an ihr Schicksal zu erinnern. In Limburg und an der Aar sind bereits einige Stolpersteine verlegt worden. Nun in Diez.

Nach jahrelanger Vorarbeit und Bemühungen wurden gestern die ersten 20 Stolpersteine und eine Stolperschwelle wurden verlegt. Los ging es am Schlossberg 23 vor dem St.-Vincenz-Krankenhaus Diez. Dort stand im vergangenen Jahrhundert ein Deutsch-Israelitisches Kinderheim, dessen Bewohner in einer Pogromnacht vor genau 85 Jahren vertrieben wurden. Die Inschrift besagt: "Schlossberg 23 - Hier stand ab 1893 das Deutsch-Israelitische Kinderheim Diez. Am 20. August 1935 zwangsgeräumt während einer antisemitischen Ausschreitung. Mehr als 40 Kinder und Jugendliche sowie ihre Lehrer mit ihren Familien wurden entwürdigt - diskriminiert - verfolgt - deportiert. Viele von ihnen später ermordet".

Diktatur und Terror des NS-Regimes

"Es ist eine Erinnerung an die Diktatur und den Terror der nationalsozialistischen Herrschaft", sagte Stadtbürgermeisterin Annette Wick in ihrer Ansprache. Es sei die Pflicht jedes Bürgers, diese Gräueltaten anzumahnen, damit sie sich nicht wiederholen, so Wick weiter. Die Stolpersteine sollen die Menschen aufmerksam machen auf die Schicksale der Opfer des blinden Hasses und falscher Ideologien. Die Steine sollen aber auch an den Mut der Helfer und die Tatenlosigkeit vieler erinnern.

Anschließend berichtete Michael Ströder vom Arbeitskreis Stolpersteine des Museums- und Geschichtsvereins über das Kinderheim. Dann lasen die Mitglieder des Arbeitskreises und Schülerinnen der Waldorfschule abwechselnd Augenzeugenberichte aus der Nacht vor, in der die Heimbewohner vertrieben wurden. Bevor Rabbiner Schimon Großberg ein jüdisches Gebet sprach, las Michael Ströder die Namen der Kinder, Jugendlichen und Erwachsenen des Kinderheims vor.

Neben der Stolperschwelle verlegte der Künstler Gunter Demnig drei Stolpersteine für die Familie Kadden, die das Kinderheim geleitet hatte. Zur Verlegung der Stolpersteine waren zahlreiche Menschen erschienen, die mit Maske und Abstand der Zeremonie beiwohnten. Unter ihnen Dr. Christoph Waldecker, Stadtarchivar von Limburg, und Harry Frenzel, Leiter der Obdachlosenunterkunft in Limburg.

Der Arbeitskreis Stolpersteine sei auf Initiative des ehemaligen Diezer Stadtbürgermeisters, Frank Dobra, im Jahr 2018 gegründet worden, erklärte dessen Mitglied Thomas Rösel. Im vergangenen Jahr habe sich der Arbeitskreis unter das Dach des Museums- und Geschichtsvereins Diez und Umgebung begeben.

Zur Verlegung der Stolpersteine sollten urspr��nglich auch die Familien der vertriebenen und ermordeten Diezer Juden eingeladen werden. Aber das sei wegen der Corona-Pandemie nicht möglich, so Rösel. Dazu sei auch ein Gala-Abend geplant gewesen. Aber man stehe mit den Familien in Kontakt. Das Projekt wird durch Spendengelder finanziert. "Das ist die erste Verlegung, aber nicht die letzte", sagte Rösel. (Mariam Nasiripour)

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