Das letzte Gelöbnis von Wehrpflichtigen in der Freiherr-vom-Stein-Kaserne in Diez.
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Das letzte Gelöbnis von Wehrpflichtigen in der Freiherr-vom-Stein-Kaserne in Diez.

Aussetzung der Wehrpflicht

Diez: Tage zählen gehörte einfach dazu

  • VonRolf-Peter Kahl
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Fast auf den Monat genau endete vor zehn Jahren die letzte Grundausbildung von Wehrpflichtigen der Bundeswehr in der Diezer Freiherr-vom-Stein-Kaserne

Diez -Generationen von jungen Männern hatten es gemacht: die Tage gezählt, die sie beim "Bund" noch zu dienen hatten. Und das Ergebnis wurde dann oft recht laut mit der "Tagesmeldung" verkündet. Zum Beispiel: "42 Tage und der Rest von heute!" Das Maßband gehörte bis zum letzten Wehrpflicht-Quartal zur Standardausrüstung von jungen Rekruten. 42 Tage hatten sie gemeinsam mit ihren Kameraden noch zu absolvieren - oder wie es im Bundeswehrjargon lautete: "abzureißen!" Und da waren die Wochenendtage mit eingerechnet.

Auch die rund 80 Rekruten des letzten Diezer Wehrpflichtigen-Quartals von Januar bis Februar 2011 machten "Tagemeldungen". Zwar beschränkten sie sich dabei auf die Zeit der Grundausbildung - doch dies taten sie im vollen Bewusstsein, dass ihr Quartal ein ganz besonderes, ein historisches darstellte. In der 57-jährigen Tradition der Bundeswehr als Wehrpflichtarmee, gehörten sie zu den letzten Rekruten, die in der Diezer Kaserne bei der 6. Kompanie des Nachschubbataillons 462 diese Grundausbildung absolvierten. Danach wurden nur noch Freiwillige eingezogen.

"Stillgestanden" zum "Wegtreten". Seit die allgemeine Wehrpflicht 1956 eingeführt worden war, klangen Generationen junger Männer solche Kommandos in den Ohren. Immer im gleichen Ton.

Nach Angaben des Verteidigungsministeriums haben seit dem 1. April 1957 rund 8,5 Millionen junge Deutsche ihren Pflichtdienst unter den Fahnen der Bundeswehr abgeleistet. Wie viele davon in Diez als anschließende Logistiker, Nachschieber und Transporteure ihre Grundausbildung durchlaufen haben, ist nicht mehr feststellbar. Mehrere tausend Soldaten dürften es jedoch gewesen sein.

Die Dauer der Wehrpflichtzeiten war verschieden. Es begann mit zwölf Monaten, später waren es 15, in den 60er und 70er Jahren sogar 18 Monate. Anschließend wurde die Dauer in verschiedenen Stufen wieder reduziert. Zwischenzeitlich waren es zehn, neun und zuletzt sechs Monate. Und die jungen Männer waren all die Jahre damit beschäftigt, sich mit der Enge und der kargen Einrichtung ihrer Stube, mit den lauten Befehls- und Kommandostimmen auf den Fluren und dem Auftrag in den nächsten Wochen zu einer "verschworenen Gemeinschaft" zu werden, anzufreunden.

Eingewöhnungsmarsch nach Heistenbach

Man darf im Rückblick jedoch feststellen, dass alle Rekruten, diese "knochenharte Zeit" überlebt haben. Eine Zeit, in der sie sich später gerne an ihren ersten Geländetag erinnerten. Mit einem sogenannten "Eingewöhnungsmarsch" ging es nach Heistenbach. Normal sind die knapp fünf Kilometer ja keine große Laufleistung. Doch mit all dem Gerät und der Ausrüstung mussten einige der Rekruten schon mal an ihre Grenzen gehen. Und dann den ganzen Tag Bewegungsarten auf dem Übungsplatz. Wiese rauf und Wiese runter. Immer wieder. Oder es ging in das Schießkino in der Kaserne. Üben und Trainieren für das erste "scharfe" Schießen auf der Schießanlage in Hirschberg. Und einen Rahmendienstplan hatten die Soldaten auch schon kennengelernt. Tätigkeiten die zu bestimmten Zeiten immer wieder anstanden. So wurde der Ablauf eines Tages "von anderen bestimmt". Aufstehen um 5.15 Uhr. Körperhygiene. Vollzähligkeitsappell. Marsch zum Frühstück. Stuben- und Revierreinigen. Um 7 Uhr Antreten beim Spieß. Alles meist im Laufschritt. Bis 11.15 Uhr dann Unterricht oder praktische Ausbildung. Eine Stunde Mittagspause. Nachmittags wieder Ausbildung. An einem "normalen" Tag gegen 17 Uhr Dienstende. Doch sehr oft hatten die Rekruten Dienst bis in die späten Abendstunden". Nach knapp drei Wochen bekamen sie erstmals die Gelegenheit, nach Dienstschluss die Kaserne zu verlassen, um ihren Standort Diez kennenzulernen. Dort durften sie dann im "Rührt Euch" stehen oder sitzen und der Blick musste nicht ständig "frei geradeaus" sein. Ein Blick zu hübschen Mädels war durchaus erlaubt.

Höhepunkte in der Grundausbildung bildeten für den Großteil der Rekruten mehrtägige Biwaks in Heistenbach, Schießtage in Hirschberg und das feierliche Gelöbnis. Eine feierlich-festliche Atmosphäre herrschte auf dem Appellplatz in der Diezer Freiherr-vom-Stein-Kaserne. Angehörige warteten gespannt darauf, dass die letzten Wehrpflichtigen das Treuegelöbnis zu Staat und Bundeswehr ablegten.

Mütter, Väter, Geschwister und Freunde waren bei diesem wichtigen Moment dabei, als die jungen Männer ihren "Amtseid" leisteten und den Dienst an der Waffe offiziell antraten. Es war ein besonderer Moment - der Einmarsch mit der Truppenfahne, ein paar Reden, dann das feierliche Gelöbnis und zum Schluss die Nationalhymne. Und auch dieses letzte, historische Quartal ging einmal zu Ende. Am allerletzten Tag hieß es dann Spinde ausräumen, Klamotten verpacken - Waffen, Stuben und Reviere nochmals gründlich reinigen. Es herrschte Aufbruchstimmung. Die Soldaten waren zu ihren Stammtruppenteilen versetzt worden und meldeten sich noch am gleichen Tag bei ihren neuen Einheiten.

Als Fazit meldete der Großteil aller Rekruten: "dass dicke Freundschaften entstanden seien, da besonders die Stuben- und Gruppengemeinschaft einfach sensationell gewesen seien". Und mit einem gewissen Stolz meinten einige von ihnen: "Wir können unseren Kindern und Enkeln mal erzählen, das wir zu den letzten Wehrpflichtigen gehörten."

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