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Diez: Warum Pfarrer Dolke das Handtuch wirft

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Von: Rolf Goeckel

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Christian Dolke kann wieder lachen: Nach zehn Jahren als Pfarrer von Freiendiez und stellvertretender Dekan hat er seit 1. Januar eine neue Aufgabe in Staffel gefunden.
Christian Dolke kann wieder lachen: Nach zehn Jahren als Pfarrer von Freiendiez und stellvertretender Dekan hat er seit 1. Januar eine neue Aufgabe in Staffel gefunden. © Goeckel, Rolf

Der ehemalige Seelsorger der Jakobusgemeinde verlässt tief enttäuscht seinen Posten

Freiendiez -Mehr als zehn Jahre war er Pfarrer der evangelischen Jakobusgemeinde Freiendiez, seit 1. Januar ist dieses Kapitel seines Berufslebens Geschichte: Pfarrer Christian Dolke (58) hat die Kirchengemeinde als Seelsorger verlassen. Der evangelische Geistliche wechselte ins benachbarte Dekanat an der Lahn, das zum Jahreswechsel aus den Dekanaten Runkel (Sitz in Limburg) und Weilburg entstanden ist. Auslöser für Dolkes Weggang war seine Verärgerung darüber, dass der Dekanatssynodalvorstand (DSV) ihn im Juni des vorigen Jahres fallen gelassen hatte: Er wurde nicht für die Wiederwahl zum stellvertretenden Dekan des Dekanats Nassauer Land vorgeschlagen - ein Amt, das er seit 2016 ausgeübt hatte.

Wenn Pfarrer Dolke über die Geschehnisse im Sommer 2021 spricht, ist ihm die Betroffenheit anzumerken. Dabei geht es ihm zwischenzeitlich schon wieder deutlich besser, wie er sagt. Denn nachdem sich der DSV Anfang Juni - ohne jede Vorwarnung, wie er sagt - gegen seine Wiederwahl ausgesprochen und später obendrein jedes Gespräch verweigert hatte, sei er in ein tiefes Loch gefallen. Dolke war monatelang krank geschrieben und ließ sich in einem kirchlichen Sanatorium behandeln, bevor in ihm der Entschluss reifte, dass er an seine alte Wirkungsstätte nicht mehr zurückkehren wollte.

Um die Enttäuschung des Geistlichen nachvollziehen zu können, ist ein Blick zurück vonnöten. Als Christian Dolke 2011 nach Freiendiez kam, hatte er jeweils zur Hälfte eine Stelle als Gemeindepfarrer und als Dekan des damals noch selbstständigen Dekanats Diez inne. Schon ein Jahr später wurde klar, dass das kleine Diezer Dekanat mit den beiden anderen Dekanaten des Rhein-Lahn-Kreises zum "Dekanat Nassauer Land" fusionieren würde - ein Name, den Dolke übrigens selbst vorgeschlagen hatte. Mit dem ihm eigenen Elan wirkte Dekan Dolke an dem Vereinigungsprozess mit, der, soviel war klar, wahrscheinlich in der eigenen Abschaffung als Dekan münden würde. Und tatsächlich: 2016 wurde Renate Weigel bei Stimmengleichheit mit Dolke per Losentscheid zur neuen Dekanin im Nassauer Land bestimmt; Dolke wurde ihr Stellvertreter.

Da seine fünfjährige Amtszeit zumindest in seiner Erinnerung ohne größere Konflikte verlaufen war, stand aus seiner Sicht einer Wiederwahl durch die Dekanatssynode am 1. Juli nichts im Wege. Für den in Fachingen lebenden Pfarrer eine sichere Sache. Eigentlich. "Ich war frohen Mutes, nachdem mir die Kirchenleitung grünes Licht gegeben hatte und auch die Pfarrerversammlung meine Wahl befürwortete", erzählt Christian Dolke.

"Sie haben nicht den Mut gehabt"

Dass es anders kommen sollte, damit habe er nicht im entferntesten gerechnet. Anfang Juni jedoch entschied der DSV in geheimer Wahl, dass Christian Dolke der Synode nicht vorgeschlagen werden soll. Über mögliche Gründe will der Pfarrer öffentlich nicht spekulieren. Und auch von der Dekanatsleitung ist nichts zu erfahren. Dekanatssprecher Bernd-Christoph Matern erklärt: "Es gab keine Streitpunkte, und falsch gemacht hat er auch nichts." Absprachen habe es mit Sicherheit nicht gegeben.

Doch Dolke stellt fest: "Das ist einmalig in der Geschichte der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau, dass sich ein Dekanatssynodalvorstand über das Votum der Pfarrerschaft hinwegsetzt." Dazu erklärt der Dekanatssprecher: "Die entscheidende Ebene ist der DSV, nicht die Kirchenleitung oder die Pfarrerschaft."

Besonders enttäuscht hat Dolke, dass der DSV seinem Wunsch nach Aussprache, den er während der Synodalversammlung formuliert hat, nicht entsprochen habe. "Sie haben nicht den Mut gehabt, sich mit mir zu treffen." Ein häufig angeklicktes Youtube-Video von der Sitzung, das seinen Gesprächswunsch dokumentierte, war plötzlich aus dem Netz verschwunden, und auch ein vom Dekanat veröffentlichter Pressebericht erwähnte die Gesprächsofferte mit keiner Silbe. Dolkes Urteil fällt daher eindeutig aus: "Ich sollte offenbar totgeschwiegen werden." Nicht einmal ein Abschiedsgottesdienst sei für ihn organisiert worden. Und so verabschiedete sich der Pfarrer von seiner Gemeinde selbst, wenn auch nur schriftlich im Gemeindeblättchen. Dort schrieb er zum Jahreswechsel: "Seit über zehn Jahren habe ich Gottesdienste gehalten, getauft und getraut, in Trauerfällen begleitet. Konfis zur Konfirmation geführt, Gespräche mit den Eltern geführt. Flüchtlinge fühlen sich jetzt hier zu Hause, in Gruppen wurde gebetet und diskutiert. Wunderschön."

Doch auch die Vorgänge, die zu seinem Wechsel ins Nachbardekanat führten - dort ist Dolke derzeit Vertretungspfarrer in Staffel -, verschwieg er nicht. Er schloss: "Ich habe gemerkt, dass ich psychisch nicht in der Lage bin, künftig in diesem Umfeld weiter zu arbeiten. Das Verlassen des Dekanates und der Propstei ist deshalb ein nötiger Schnitt, auch wenn er weh tut."

Nach seiner krankheitsbedingten Auszeit empfindet Pfarrer Dolke heute wieder Freude an der Arbeit, wie er betont, und blickt dankbar zurück auf positive Impulse, die er in Freiendiez und als stellvertetender Dekan habe setzen können. Besonders in Erinnerung bleiben ihm die Mitbegründung des Willkommenskreises Diez 2015, Freizeiten, Fahrten und die Jugendgottesdienste "YouGo" im Raum Diez, aber auch die Überführung von 18 Kitas aus gemeindlicher in dekanatliche Trägerschaft.

Tröstlich ist für den 58-Jährigen der große Zuspruch, den er nach seiner Nicht-Wiederwahl aus der heimischen Pfarrerschaft erhalten habe. Seine Frau Katerina sagt über ihren Mann: "Christian ist sehr beliebt." Mit Blick auf seine künftige Tätigkeit sagt Dolke: "Zurückgekommen ist ein Großteil meiner Kraft, Menschen doch wieder mit Vertrauen und offenem Herzen zu begegnen, gegen Falschheit und gegen Feigheit, dafür mit Fröhlichkeit und Freundlichkeit."

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