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Er würgte sie, bis sie auf Zehenspitzen stand

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Von: Rolf Goeckel

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Gerichtsprozess im Kreis Limburg-Weilburg.
Gerichtsprozess im Kreis Limburg-Weilburg. © picture alliance / dpa

Angeklagter (35) erhält ein Jahr Freiheitsstrafe.

Diez -Straftaten, Alkohol und Drogen ziehen sich wie ein roter Faden durch das Leben des 35-jährigen Angeklagten: Seit 20 Jahren stand der gelernte Steinbildhauer immer wieder vor Gericht, musste mehrmals ins Gefängnis, machte eine Entzugstherapie, wurde rückfällig und dann auch wieder straffällig. Die Tat, wegen der er gestern vor dem Diezer Amtsgericht stand, hat sich an einem frühen Morgen im Oktober 2017 ereignet. In einem Mehrfamilienhaus in der Verbandsgemeinde Aar-Einrich geriet er mit seiner heute 41 Jahre alten Freundin in Streit und wurde handgreiflich. Er würgte sie derart heftig, dass sie blaue Flecken am Hals davontrug. Auch die damals zwölfjährige Tochter wurde Opfer des Angeklagten: Als das Mädchen die Polizei rufen wollte, zerrte er ihr das Handy vom Ohr und riss ihr dabei ein Büschel Haare aus.

Lautes Geschrei und Türknallen hatte das Mädchen aus dem Schlaf geweckt, wie sie vor Gericht berichtete. Sie habe das Röcheln der Mutter gehört und gesehen, wie der Angeklagte ihr die Hand so fest an die Kehle drückte, dass sie "auf Zehenspitzen an der Wand" stand. Die Tochter schrie, dass er sie loslassen sollte; kurz darauf flüchteten Mutter und Tochter ins Kinderzimmer. Später setzte sich der Streit im Badezimmer fort. Als der Angeklagte auch die Tochter schlagen wollte, forderte die Mutter ihn zum Verlassen des Hauses auf, was er auch tat. Vor dem Haus nahm ihn die von einer Nachbarin gerufene Polizei fest.

"Wir mussten ihn fesseln, denn er war permanent höchst aggressiv, bis in die Zelle", erinnerte sich eine heute 32-jährige Diezer Polizeibeamtin an das Geschehen von damals. In der Hosentasche des Angeklagten wurden 38 Gramm Haschisch mit hohem Wirkstoffgehalt gefunden. Die Analyse eines Gutachters ergab, dass der "Stoff" noch recht frisch gewesen sein muss. Der Angeklagte hingegen hatte behauptete, dass der "Stoff" zu seinen "Altbeständen" gehört habe, auf den er wegen seiner Schmerzen zurückgegriffen habe.

"Er zeigt weder Reue noch Einsicht"

Die Lebensgefährtin, die nach eigenen Angaben mit dem in Untersuchungshaft sitzenden Angeklagten bis heute verlobt ist, spielte die Tat ihres Freundes herunter. Nicht er, sondern sie habe zuerst zugeschlagen und ihn geschubst; er habe lediglich reagiert. Eine Aussage, die Richter Martin Böhm verwunderte: Warum sie das damals nicht bereits der Polizei gesagt habe; bei der polizeilichen Vernehmung habe sie noch erzählt, dass der Angriff von ihm ausgegangen sei. Antwort: Das hätten die Beamten gar nicht hören wollen, behauptete die 41-Jährige. Ob er an jenem Tag betrunken war? Daran könne sie sich nicht mehr erinnern. Es sei für sie beide damals eine "schwierige Zeit" gewesen, sagte sie. Seit einem Motorradunfall, bei dem sie ihr Baby verloren habe, sei er depressiv gewesen und habe unter Schmerzen gelitten. "Ab und zu mal" habe er auch Alkohol konsumiert. Und ja, sie hätten häufig gestritten, aber er sei "psychisch angeschlagen" gewesen.

Psychische Probleme und eine stark verminderte Schuldfähigkeit infolge von Alkohol und Drogen attestierte dem Angeklagten auch der als Zeuge geladene Sachverständige Dr. Volker Hofstetter. Er diagnostizierte eine "antisoziale Persönlichkeitsstörung", "geringe Frustrationstoleranz" und einen "parasitären Lebensstil". "Ich sehe weder Reue noch Einsicht", so Hofstetter, der die Zukunftsaussichten für den 35-Jährigen pessimistisch beurteilte.

Richter Martin Böhm folgte dem Plädoyer des Staatsanwalts und verurteilte den Angeklagten wegen vorsätzlicher Körperverletzung in Tatmehrheit mit Betäubungsmittelkonsum zu einer Freiheitsstrafe von einem Jahr ohne Bewährung. In einer Erziehungsanstalt muss er sich einem Drogen- und Alkoholentzug unterziehen. Strafverteidiger Andreas Götz hatte auf fahrlässige Körperverletzung der Tochter und eine Geldstrafe plädiert. Sein Mandant habe sich gegen seine Lebensgefährtin lediglich verteidigt und in Notwehr gehandelt, sagte Götz.

Das sah Richter Böhm anders: Die Aussage der Lebensgefährtin sei von "Entlastungseifer" geprägt gewesen, weil sie ihn "nicht in die Pfanne hauen wollte". Dagegen seien die Angaben der Tochter "konstant, schlüssig und glaubwürdig". Strafmindernd wertete Böhm, dass die Tat lange zurückliegt, der Angeklagte vermindert schuldfähig war und die Frau nicht erheblich verletzt worden sei.

Allerdings sei der Angeklagte mehrfach einschlägig vorbestraft, unter anderem wegen vorsätzlicher Körperverletzung, wegen Drogen- und Alkoholdelikten. Auch seien die Folgen der Tat bis heute sichtbar: Die 16-jährige Tochter, die vor Gericht nicht in Anwesenheit des Angeklagten aussagen wollte, leidet unter Schlafstörungen und musste sich einer Psychotherapie unterziehen. Sie lebt von der Mutter getrennt und wächst bei Tante und Onkel auf. Rolf Goeckel

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