Ein beliebtes Thema in Lesezirkel, Lesekreisen oder Erzählcafes: das Poesiealbum. Unser Foto zeigt eine Runde bei Kaffee und Kuchen im Heimatmuseum in Hahnstätten. Auch in Altenheimen oder Seniorenresidenzen, wie zum Beispiel bei der AWO in Diez, kommt dieses Thema immer wieder einmal auf das Jahresprogramm.
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Ein beliebtes Thema in Lesezirkel, Lesekreisen oder Erzählcafes: das Poesiealbum. Unser Foto zeigt eine Runde bei Kaffee und Kuchen im Heimatmuseum in Hahnstätten. Auch in Altenheimen oder Seniorenresidenzen, wie zum Beispiel bei der AWO in Diez, kommt dieses Thema immer wieder einmal auf das Jahresprogramm.

Rein schreiben und dazu gehören

Hahnstätten/Diez: Das Facebook des letzten Jahrhunderts

  • VonRolf-Peter Kahl
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Jedes Mädchen hatte ein Poesiealbum

Hahnstätten/Diez -Wer heute viele Freunde hat, der ist in einem der zahllosen sozialen Netzwerke im Internet registriert: myspace, studivz, Bebo, wer-kennt-wen und etliche mehr. Der wohl berühmteste Freundesammler aller Zeiten ist der Amerikaner Mark Zuckerberg. Er hat mit Facebook die weltweit wohl größte Freundesammler-Plattform gegründet.

Doch wer nun meint, das "Freundesammeln" sei erst im Zeitalter des Internets entstanden, der liegt verkehrt. Das Poesiealbum gehörte früher zur Grundausstattung jeder Schülerin aus bürgerlichem Hause und diente dazu, sich von Eltern, Geschwistern, Verwandten, Bekannten, Freunden und Freundinnen, ja sogar von den Lehrkräften Sprüche, Lebensregeln, moralische Appelle und Literatur (die für das Leben helfen sollen) eintragen zu lassen.

Ein gut gefülltes Poesiealbum mit möglichst vielen Einträgen verschiedener Personen galt als Beweis für die eigene Beliebtheit. Dies ist bei Facebook heutzutage nicht anders. Früher war es nur nicht ganz so einfach. Ich hatte selbstverständlich auch eins. Und wie heute auf Facebook war es wichtig, dass sich möglichst viele Freunde im Album verewigten. Damals taten sie das allerdings statt mit Fotos und Youtube-Filmen mit blumigen Zeichnungen (oder manchmal auch mit bunten Glanzbildern) und moralträchtigen, für Kinder oftmals auch unverständlichen Versen.

Der Renner "Mach es wie die Sonnenuhr, zähl die heitern Stunden nur" ging ja noch. Doch ich grübelte lange, was mir wohl meine damalige Lehrerin sagen wollte, die schrieb: "Eines ist Not, deinem Leben mitzugeben geistiges Brot"? Fast schwindelerregend hoch, dieses Niveau.

Jungs hatten ein Freundschaftsbuch

Der Brauch, den Ertrag des Freundesammelns zeigen zu können, begann schon im 16. Jahrhundert. In dieser Zeit ist das Poesiealbum entstanden, damals noch Stammbuch genannt. Freunde verewigten sich mit Namen, Wappen und Spruch, später kamen Widmungen und Zeichnungen dazu. Im 19. Jahrhundert war das Poesiealbum besonders bei Mitgliedern von literarischen Zirkeln, die so ihre Verse zum Besten gaben, en vogue.

In Kinderhände geriet das Poesiealbum erst in den 1950er-Jahren. Zunächst meist nur in Mädchenhände. Buben besaßen kein Poesiealbum! Buben besiegelten Freundschaften mit Blut, nicht mit Blümchen und Gedichten. Erst einige Jahre später waren die Kinder emanzipierter, auch Jungs begannen, schriftlich Freunde zu sammeln. Das Buch hieß dann oftmals nicht mehr Poesiealbum, sondern schlicht "Freundschaftsbuch". Man musste sich nicht mehr mit Zeichnen abmühen und brauchte auch keine Verse mehr zu suchen. Alles war vorgegeben - Lieblingstier, Lieblingsband, Lieblingsserie, das will ich werden - diese Fragen galt es nur noch ausfüllen, dazu sein Foto einkleben, und fertig war der Freundschaftsbeweis. Logisch, dass das bei den Jungs besser ankam. Und die Alben sind auch heute noch nicht ganz aus der Mode.

Nur was viele Eltern und Großeltern erschreckend finden, ist die Tatsache, dass die Poesie-Alben heute eher Comic-Heften ähneln. Da wird nicht mehr mit Füller geschrieben - fein säuberlich. Nein - da wird mit Kuli oder Filzstift gearbeitet, das Buch nicht vernünftig behandelt und Löschblätter kennen die Kinder von heute nicht mehr. Doch Sammlerwert haben die Alben heutzutage sowieso nur noch bis zu dem Tag, an dem die Kids erstmals mit Facebook in Berührung kommen. Alles war dabei, Lustiges und Ernsthaftes.

Einige der bekanntesten Verse

Hier sind ein paar dieser Sprüche zu lesen:

"Lebe glücklich, lebe froh, wie der Mops im Haferstroh";

"Rosen, Tulpen, Nelken, alle Blumen welken, nur die eine nicht- das Vergissmeinnicht".

"Sei wie ein Veilchen im Moose, bescheiden, sittsam und rein, nicht wie eine stolze Rose, die immer bewundert will sein".

"In allen - vier Ecken - soll Liebe - drin stecken".

"Liebe Freunde groß und klein, haltet mir mein Album rein!

Und reißt mir keine Seiten raus, sonst ist es mit der Freundschaft aus." Zum Eintrag ins Poesiealbum gehörte aber nicht nur ein passender Spruch oder ein passendes Gedicht, sondern auch eine passende Unterschrift wie "Deine Schulfreundin Berta" oder "Dein dich immer liebender Onkel Hans".

Ein typischer Eintrag in ein Buch aus dem vergangenen Jahrhundert.

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