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Dort, wo einstmals die Alte Turnhalle stand, später ein Discounter sowie ein Groß- und Einzelhandelsgeschäft ihre Waren vertrieben, wird bald ein großer Mehrgenerationen-Wohnpark entstehen.

"Lost Places"

Hahnstätten: Von der Turnhalle zum Wohngebiet

  • vonRolf-Peter Kahl
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Wo einst Sport getrieben wurde, entstehen Wohnungen

Hahnstätten -Als vor fünf Jahren der Discounter Lidl in der Aar-Gemeinde für immer seine Türen schloss und auch das benachbarte Groß- und Einzelhandelsgeschäft, "Euro-Markt Gazi" nicht mehr weiter machte, fragten sich viele Bürger, was mit dem großen Gelände und den verlassenen Immobilien passieren würde.

Diese Frage ist im Sommer dieses Jahres insoweit beantwortet worden, als bekannt wurde, dass ein privater Investor auf der Gesamtfläche ein Wohnungsbauprojekt mit insgesamt 58 Wohneinheiten verwirklichen möchte. Dazu wird auch das Gebäude des Euro-Marktes und der Lidl-Markt, der an der Stelle eines historischen Gebäudes - der ehemaligen Turnhalle - erbaut worden war, abgerissen.

Hahnstätter bauten sich eine Turnhalle

Alles begann, nachdem der damalige Gemeinderat im Dezember 1907 dem 1885 gegründeten Turnverein unentgeltlich Bauholz überließ und Landwirt Wilhelm Kröller den Platz in den Wiesen, unterhalb des "Ouwernaaserweeg" zum Bau einer Turnhalle zur Verfügung stellte. Eine Sammlung im Dorf erbrachte stolze 3000 Mark. Bauern spannten Pferdefuhrwerke und Ochsenkarren für den Antransport von Bruchsteinen ein. Sand wurde aus der Aar herangeschafft. Unter großer Beteiligung der Einwohnerschaft ging es ans Werk und bereits am 2. Mai 1909 erfolgte die Grundsteinlegung.

Die Halle erhielt eine meterdicke Bruchsteinmauer als stabilen Unterbau. Die Wände entstanden aus gebrannten Ziegelsteinen. Nachdem das Dach aufgeschlagen und gedeckt war, ging es an den Innenausbau. Der Boden bestand aus langen, einseitig gehobelten Brettern und an der Westseite entstand eine Bühne mit Treppenaufgang. Große Fenster sorgten für ausreichend Tageslicht. Zwei Räume für Gerätschaften, eine Toilettenanlage und ein kleiner Saal im ersten Stock waren weitere Einrichtungen.

Über eine Holztreppe an der Nordwand gelangte man auf die Empore und in den kleinen Saal. Auch ein Holzbollerofen wurde eingebaut. An die südliche Seite des neuen Gebäudes kam eine repräsentative Treppe mit einer Doppeltür. Durch sie gelangte man auf das Außengelände, das seit 1881 als Marktplatz genutzt wurde.

Nach dem Bau der Turnhalle, die in der Umgebung ihresgleichen suchte, begann eine Blütezeit des Vereins. Dass sich der Neubau nicht nur auf dem sportlichem Sektor bezahlt machte, beweist die Tatsache, dass der Turnverein bereits im November 1909 zur Tanzmusik einlud, das von der Gemeinde von "3 Uhr mittags bis 1 Uhr nachts" genehmigt wurde - jedoch erst nach Zahlung von 6 Mark "Lustbarkeitssteuer".

Ein Ort für Sport

und Kultur

Auch der 17 Jahre ältere Männergesangverein nutzte die Halle zur Ausrichtung von Tanzveranstaltungen. Für den Ort war die Halle eine ungemeine Bereicherung des Dorflebens. Die Schuljugend durfte ihren Sport dort ausrichten. Die Vereine konnten feiern. Dann kam der Erste Weltkrieg und alles kam zum Erliegen. Gleichwohl wurde bereits 1919 der Turnbetrieb wieder aufgenommen und auch das kulturelle Leben kehrte in die Turnhalle zurück.

Die Menschen standen zusammen. Für einen Familienabend des Gesangvereins brachte jeder Sänger Holz zur Feuerung mit in die Halle. Eine Kohle-Spende gab es vom Kalkwerk Schaefer. Die Halle wurde immer wieder für Tanz- und Faschingsveranstaltungen sowie Theateraufführungen genutzt.

Während des Zweiten Weltkrieges erfuhr die Turnhalle eine ganz andere Art der Nutzung. Sie diente der Unterbringung von Kriegsgefangenen. Anschließend brachte man tonnenweise Getreide zur Lagerung hinein. In dem unbeschädigten Gebäude wurde im August 1946 der Sportbetrieb wieder aufgenommen. Und am 8. September fand der Kommersabend für das Heidebergsportfest statt.

Ebenfalls im September feierten die Hahnstätter die erste Nachkriegskirmes. Der MGV brachte in den 50er Jahren mit dem "Weißen Rößl", den Stücken "Die schöne Postmeisterin" oder "Die Bettelprinzessin" bekannte Theateraufführungen auf die Bühne. Im selben Jahrzehnt wurde die Halle grundsaniert und umgebaut. Allein das Einziehen einer Zwischendecke machte sich später bezahlt. Ein Hallenwart sorgte ab sofort für Sauberkeit, Disziplin und Ordnung.

Ein Blick ins Jugendschutzgesetz aus jener Zeit wird die Jugend von heute wohl nur zum Kopfschütteln veranlassen, denn 1955 durfte der Nachwuchs bis 16 Jahre nur in Begleitung der Eltern an Veranstaltungen wie Tanz, Maskenbälle und dergleichen bis 21 Uhr, Jugendliche bis 18 Jahre bis 23 Uhr teilnehmen. Gleichwohl ranken sich um diese Zeit Geschichten um das "Kellerchen" der Turnhalle.

Halle wird an Gemeinde verkauft

Dort unten habe sich so mancher seinen ersten Schwips geholt oder seinen ersten Kuss bekommen. Wieviel Lieder mögen dort unten geschmettert worden sein? Für die junge Generation ging da unten angeblich die Post ab. Auch in den 60er Jahren wurde saniert und umgebaut und im Mai 1964 eröffnete die "Tus-Klause". Betrieben wurde sie bis 1996 von unterschiedlichen Wirtsleuten. Es war eine Kneipe über die die ältere Generation noch gerne erzählt.

1981 wurde die Vereinshalle an die Gemeinde verkauft und nannte sich fortan Bürgerhaus und die "Tus-Klause" wurde zur "Bürgerklause". Zwar wurde die Halle den Vereinen weiterhin kostenfrei zur Verfügung gestellt, dennoch begann in den Folgejahren ein politisches Possenspiel, das wohl seinesgleichen suchte. Die Halle wurde am 19. Juli 1997 abgerissen, durchaus auch aus Folgen, die das 1975 erbaute Schul- und Sportzentrum an der Jahnstraße nach sich gezogen hatten. Rolf-Peter Kahl

Die alte Turnhalle wurde auch gerne für kulturelle Veranstaltungen genutzt.

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