Der harte Kampf um Lebensmittel im Ersten Weltkrieg

Das Alltagsleben änderte sich nach der Mobilmachung am 1. August 1914 sofort. Vor allem die Versorgung der Bevölkerung mit Lebensmitteln gestaltete sich im Verlauf des Krieges immer schwieriger. Die Versorgung über Bezugsscheine, den Anfang machte die Brotkarte im Frühjahr 1915, brachte keine Verbesserung. Für den Diezer Beigeordneten Robert Heck ist die zunehmende Sterblichkeit von Kleinkindern und alten Menschen in seiner Stadt vor allem Folge der miesen Versorgung. Wer die Möglichkeit hatte, besorgte sich Lebensmittel abseits der offiziellen Versorgungswege, „Schleichhandel“ wurde das genannt.

Offizielle Quellen und Angaben über den „Schleichhandel“ oder den „Schwarzhandel“ finden sich so gut wie nicht. Das Thema wurde während des Krieges in der Öffentlichkeit verschwiegen beziehungsweise nicht aufgegriffen. „In der Zeitung und auch in den Akten des Stadtarchivs findet sich dazu so gut wie nichts“, sagt Joachim Warlies über die Situation in Weilburg. Und Warlies hat viel gelesen über den Ersten Weltkrieg und nachgeforscht, welche Auswirkungen er auf seine Heimatstadt hatte.

Aufmerksam geworden durch Aussagen des Historikers Hans-Ulrich Wehler über das Ausmaß des „Schleichhandels“ während des Ersten Weltkriegs, in einigen Bereichen sollen 50 Prozent der Waren durch diese Art vermittelt worden sein, hat er ganz gezielt nach Hinweisen darauf in Weilburg gesucht – und nichts gefunden. Weder in den Akten der Stadt, noch in der Zeitung. Dennoch, davon ist Warlies überzeugt, hat diese Art des Handels auch in der damaligen Kreisstadt eine wichtige Rolle gespielt und die sozialen Spannungen in der Bevölkerung verschärft. Ihre Lebenssituation über den „Schleichhandel“ verbessern konnten nur diejenigen, die das nötige Geld dazu hatten oder über andere Möglichkeiten verfügten, etwas zum Tausch anzubieten.

Es gibt jedoch andere Quellen, die deutliche Hinweise auf die Bedeutung der „Schleichhandels“ und den damit einhergehenden Spannungen geben, Tagebücher zum Beispiel oder auch Einträge in Schulchroniken.

Der Rektor der Limburger Volksschule I, Karl Michels, äußerte sich in der von ihm verfassten Chronik überaus patriotisch, wenn nicht sogar begeistert über den Kriegsausbruch und übte schnell Kritik an Mitbürgern, die sich nicht solidarisch verhalten: „Unbelehrte, unkluge und selbstsüchtige Menschen hielten das Metallgeld (damit sind Münzen mit einem Goldanteil gemeint, die Red.) zurück, suchten Papiergeld los zu werden oder weigerten sich, Papiergeld zu nehmen. – So bot eine Dame aus sog. besseren Ständen in einem hiesigen Bankgeschäft 100 M Scheine gegen 80 M in Gold an, wurde aber abgewiesen. Ein Bauer weigerte sich, den Kaufpreis eines Ochsen in Papiergeld anzunehmen, bis ihm bedeutet wurde, ,dann erhielte er gar nichts’. – Ein Handelsmann in Hadamar nahm ,aus Gefälligkeit’ den Bauern 20 M Scheine gerne ab – nur zu 15 M Verrechnung. – Diesem Unfuge setzten Behörden, Zeitungen und Schulen sofort die Waffe der Belehrung und Begeisterung gegenüber, in wenigen Wochen war im allgemeinen dem abgeholfen, und das Papiergeld nahm ruhig wieder Vollwert an.“

Und noch eine zweite Erscheinung notierte Michels kurz nach Ausbruch des Krieges in der von ihm geführten Chronik: „Schlimmer war die Hamsterei: Es griff die Furcht um sich, verhungern zu müssen, und so kauften gar viele Waren in großen Vorräten ein: Mehl, Eier, Fett, Zucker, Kaffee, Tee u. s. w. ja sogar Salz. – Die bedenkliche unmittelbare Folge blieb nicht aus. In den Geschäften waren die Vorräte bald ausverkauft; . . . so fehlte es in den ärmeren und in den redlich denkenden Familien manchmal am notwendigsten, während in anderen große Mengen Lebensmittel aufgehäuft und dem Verderben ausgesetzt waren. – Doch war auch dieser Mißstand teilweise bald überwunden. Die Preissteigerung setzte bald ein und konnte nicht mehr vermieden werden.“

1915 notierte Michels: „Und da begann wieder das Hamstern; besonders wurden von den reicheren Leuten viel Schweinefleisch zum Konservieren eingekauft, so daß die Preise für alle Fleischarten stiegen. Dabei wurde das Fleisch immer seltener, da die Bauern umfangreiche Hausschlachtungen vornahmen. Auch alle anderen Lebensmittel stiegen. An Geld fehlte es vielen Leuten nicht: Viele Geschäftsleute verdienten an Kriegslieferungen und durch Spekulationen.“ Und er beklagt, dass unter der allgemeinen Teuerung auch die Beamten litten, die ihr Einkommen nicht durch „Aufschlagen“ erhöhen konnten.

Im Schuljahr 1916/17 beschrieb er die Sicherung der Verpflegung mit Kartoffeln: „Viele Mütter gingen mit ihren Kindern als Arbeiter in die Bauerndörfer der Umgebung und brachten abends statt des Barlohnes Kartoffeln heim als Vorrat für den Winter. Die wenigsten meldeten den so gewonnenen Kartoffelvorrat bei der Polizei an. Sie verschwiegen es und kauften auf die ihnen zustehende Kartoffelkarte noch dazu Kartoffeln ein, so daß sie weit mehr im Keller hatten als ihnen zustand. Da die Kartoffelernte so sehr gut ausgefallen war, konnten die Bauern den Leuten entgegenkommen, wie sie auch den anderen Limburgern meist mehr Kartoffeln verkauften, als ihnen Bezugscheine gegeben wurden. Und die Polizei? Die guckte durch alle Finger und – wollte nichts sehen. Man schien es zu billigen, daß sich die Bewohner gut eindeckten.“

Nach Einschätzung des Schulleiters waren die Bewohner quasi zum „Hamstern“ gezwungen. Für Butter, Eier und Rauchfleisch wurde bis zum Vierfachen der vorgeschriebenen Höchstpreise verlangt. „Die Erzeuger“ verkauften eben nicht zu den gesetzlichen Höchstpreisen. „Wer sich auf Gesetzpreise und legale Bezugskarten verläßt, leidet Not, während die Gesetzesübertreter Nahrungsmittel genug haben“, notierte Michels und beklagte, die Gerichte würden die „Hamsterer“ und Schleichhändler meist auffallend milde bestrafen.

Im letzten Kriegsjahr 1918 schrieb Michels in die Schulchronik: „Im Tauschhandel können sich Bauer und Geschäftsmann gegenseitig die Schleichhandelswaren zuschieben, für den Beamten ist nichts da. Der Schuhmacher sohlt Schuhe, macht neue – aber nicht für Geld, sondern zuerst für Butter, Milch, Eier oder für Kleider, Seife, Kaffee, Mehl.“ Selbst die Arbeiter könnten durch die enorm gestiegenen Löhne die Preise zahlen. Doch eine Gruppe ist bei dem System ausgeschlossen: die Beamten. Und deshalb notierte Michels: „Die Stimmung unter den Beamten wird daher immer trüber, mißmutiger, und gar zu leicht dringt das Gift der Unzufriedenheit mit dem herrschenden System in die Reihen der bisher königstreuen Beamten.“

Michels Kollege Freischlad leitete zu dieser Zeit auch eine Schule, in Eschenau. Das Dorf bestand zu dieser Zeit nahezu nur aus Landwirten. Im Herbst 1917 notierte der Dorfschullehrer in der Chronik: „Da regnet es Geld, wenn selbst Dickwurz und Kohlrüden, ja auch Stoppelrüben noch zu Geld gemacht werden und dazu kommt noch, daß auch der beschränkteste Bauer auf dem kleinsten Dörfchen Wucher und Schleichhandel gut abgeguckt hat. Zur Schande unseres Volkes sei es hier niedergeschrieben, daß der Geldteufel die Menschen so in seine Netze verstrickt hat, daß man vor keinen Wucherpreisen mehr zurückschreckt. Es wird nur daran studiert, wie man Gesetze und Höchstpreise umgehen kann, um vor Friedensschluss noch recht reich zu werden. Schlimm nur, daß dieses Unwesen immer mehr um sich greift und nur wenige Fälle zu energischer Bestrafung kommen.“

Der kleine Ort im Kerkerbachtal verfügte zu dieser Zeit über einen eigenen Bahnhof, dort hielten die Züge der Kerkerbachbahn. Während im ersten Kriegsjahr die Zahl der Fahrgäste deutlich gesunken war, stieg sie in den nächsten Kriegsjahren an und erreichte 1917 mit fast 77 000 Fahrgästen einen Höchststand. Der Anstieg der Fahrgäste dürfte einzig und allein dem Umstand geschuldet sein, dass es sich dabei um „Versorgungsfahrten“ handelte. Vor allem Frauen aus den Städten fuhren aufs Land, um sich mit Lebensmitteln zu versorgen.

Wie so etwas aussah, hat die Diezerin Lucie Meckel ihrem Kriegstagebuch anvertraut. Am 22. April 1917 notierte sie den Besuch einer Bekannten aus Frankfurt, die „Einkäufe auf dem Land“ machen wollte. Einen ganzen Tag war die Frau aus der großen Stadt unterwegs und nachdem sie Balduinstein, Hirschberg und Langenscheid abgeklappert hatte, präsentierte sie abends „hochbeglückt“ ihre Habseligkeiten: 23 Eier, ein halbes Pfund Butter, ein Brot zu drei Pfund, Gerste und eine Tasche Äpfel. Lucie Meckel kommentierte dies mit den Worten: „Es ist gar traurig, daß man um so eine geringe Menge Lebensmittel so weit reisen u. den Bauern so viel gute Worte geben muß.“

Wenige Tage später gab es am 2. Mai einen „Glückstag“ im Hause Meckel. Der als Leutnant an der Front dienende Bruder hatte bei einem im Urlaub befindlichen Kameraden ein Speck- und Schmalzpaket für die Familie in Auftrag gegeben, das ankam. Zudem gab es von einem Metzger zwei Pfund Schwartenmagen ohne Fleischkarte „ganz im Geheimen“ und von der Verwandtschaft in Altendiez noch ein halbes Pfund Butter. „Also wir schwelgen heute in Hochgenüssen“, vermerkt die Tagebuchschreiberin.

Im Oktober 1916 war die Rückkehr von Schwägerin Berta aus Berlin Thema. Sie war zwölf Tage in der Hauptstadt und lernte dabei die Not dort kennen. Lucie Meckel schrieb in ihr Tagebuch: „Schlechter, viel schlechter wie hier, geht es dort mit der Lebensmittelversorgung.“ Während die Familie in Diez gerade ihre 40 Zentner Kartoffel geliefert bekam und damit über einer sicheren Vorrat verfügte, mussten in Berlin die Kartoffeln noch pfundweise pro Tag abgeholt werden. Von einem sicheren Wintervorrat keine Rede. Ein Besuch von Bruder Fritz während seines Fronturlaubs später in Berlin wurde ohne Hinweise auf die Versorgungslage in der Hauptstadt vermerkt. Am 12. Juli 1917 ist die Lage in der Hauptstadt allerdings noch einmal Thema im Tagebuch geworden. Von einer Tante aus Berlin kam eine Karte bei Meckels an. Hunger und Not in Berlin waren der Anlass. „Schickt uns, was ihr schicken könnt“, lautete die Aufforderung an die Verwandtschaft. Doch schicken konnte die auch nichts. Stattdessen gab es eine Einladung an die Tante und eine weitere Verwandte, nach Diez zu kommen. Die Antwort per Telegramm kam prompt: Kommen.

Die Versorgung mit Lebensmitteln war häufig ein Thema. Am 25. November 1916 vertraute Lucie Meckel ihrem Tagebuch an, wie die Familie an ihre Butter kommt: „Der Butterhandel wird ganz im geheimen betrieben.“ Neben der offiziellen Ration von einem Pfund gab es einen Aufschlag durch die Altendiezer Verwandtschaft von einem halben bis einem Pfund pro Woche. Doch auch für Meckels wurden die Lebensmittel immer knapper. Sie mussten von ihrem Vorrat an Kartoffeln abgeben, und wenn einmal Wurst auf den Tisch kam, gab es ein Freudengeschrei.

Die Versorgung der Bevölkerung war auch für Robert Heck, den Diezer Beigeordneten, der im Krieg immer wieder auch den für längere Phasen erkrankten Bürgermeister vertritt, eine wichtige Aufgabe. Und er bemühte sich um Linderung, zum Beispiel um die Einrichtung einer Kriegsküche, die die bedürftige Bevölkerung in Anspruch nehmen konnte. „Die Hungernot und Teuerung der Lebensmittel“, notierte Heck am 28. Februar 1917 in seinem Tagebuch, „machen erschreckende Fortschritte. Immer mehr Lebensmittel verschwinden vom Markt. Fisch ist nicht mehr zu haben. Fleisch, Brot und Kartoffeln werden täglich knapper.“

Es gab die Lebensmittel, aber nicht auf offiziellem Weg und zu überhöhten Preise. „Einjeder umgeht die gesetzlichen Bestimmungen, und nimmt, was er bekommen kann, ganz einerlei zu welchem Preis; denn hier heißt es: Hilf dir selber.“ Allerdings wusste Heck, der in seiner täglichen Arbeit im Rathaus durchaus Einblick in das Geschehen hatte, dass es bei dieser Art der Verteilung auch Verlierer geben musste, denn nicht alle waren in der Lage, die geforderten Preise zu zahlen.

Und für Heck stand außer Frage, dass die Unterernährung auch Folgen in Diez hatte. Kinder und Greise starben nach Einschätzung von Heck an „Entkräftung“. Kinder und Greise aus Familien, die nicht in der Lage waren, die Preise des „Schleichhandels“ zu zahlen.

Zu Beginn des letzten Kriegsjahrs „kapitulierte“ Heck vor den Zuständen. Am 1. Januar 1918 vertraute er seinem Tagebuch an: „Die Ernährung angehend, so geht es mir jetzt bedeutend besser. Ich mache es wie die Anderen und nehme, was ich bekommen kann, ganz einerlei, ob ich dabei gegen die Gesetze verstoße oder nicht. Von dem, was einem zuteilt wird, kann keiner leben. Der Schleichhandel feiert wahrhaft Orgien.“

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