Die alte Identität des Hauses Nr. 13 in der Wilhelmstraße: Unter der neueren Giebelschrift "Schulz und Meerganz" erscheint in den 50er Jahren die alte übermalte Inschrift "Gebrüder Levita".
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Die alte Identität des Hauses Nr. 13 in der Wilhelmstraße: Unter der neueren Giebelschrift "Schulz und Meerganz" erscheint in den 50er Jahren die alte übermalte Inschrift "Gebrüder Levita".

Was wurde aus den Levitas aus Diez?

In Frankreich in Sicherheit, in Litauen erschossen

Spuren einer erschütternden Familiengeschichte

Eine Fotografie aus dem Stadtarchiv Diez, zwischen 1904 und 1907 aufgenommen, verwirrt zunächst den Betrachter: zu sehen ist die Textilwarenhandlung der Gebrüder Levita in der Wilhelmstraße 13. Der, der in dem Hause etwas zu sagen hat, steht eine Stufe erhöht. Die beiden Frauen links und rechts von ihm stehen tiefer und stellen ihn in den Mittelpunkt. Es ergeben sich Fragen: Hier sind keine Gebrüder zu sehen. Wer also sind die Personen auf dem Bild? Wer waren die Levitas? Und warum verschwand dieses jüdische Geschäft 1933 so plötzlich von der Bildfläche?

Bei der Spurensuche in den entsprechenden Archiven ergibt sich eine aufrüttelnde Familiengeschichte: diese ist einerseits von Krieg und Verfolgung, andererseits aber von Liebe und Vergebung geprägt. Sie führt von Diez aus nach Frankreich, einmal sogar nach Litauen.

Max und Bertha Levita lebten seit ihrer Heirat 1888 in Diez, hier wurden ihre vier Kinder Hilda (1891), Hermann (1892), Sofie (1897) und Karl (1908) geboren. Max führte gemeinsam mit seinem Bruder Isaak das auf dem Bild zu sehende Textilgeschäft in der Wilhelmstraße 13. Diese beiden sind die "Gebrüder Levita". Sie verkauften Kurz,- Weiß - und Wollwaren. Isaaks Frau hieß ebenfalls Bertha. Aus dieser Ehe gingen keine Kinder hervor. Isaak starb bereits 1904 mit 52 Jahren.

Also könnten die Personen auf der Fotografie folgende sein: Zum Zeitpunkt der Aufnahme ist Isaak noch nicht lange tot, der alleinige Herr im Haus ist nun sein Bruder Max. Seine Ehefrau Bertha wird ebenfalls zu sehen sein. Die zweite Frau auf dem Bild könnte dann die Witwe seines Bruders sein, die bald auch verstirbt. Das Haus in der Wilhelmstraße 13 wurde nicht lange nach der Bildaufnahme 1907 baulich verändert und aufgestockt. Viele Diezer kennen es als Geschäftshaus Schulz und Meerganz oder später als Geschäft Tabak Thiel.

Auf der Ehrentafel

der Gefallenen

Hermann meldet sich 1914 wie selbstverständlich zum Kriegsdienst und fällt gleich zu Beginn des Krieges im September 1914 in dem französischen Ort Souain. Er wird mit Brustbild auf einer Ehrentafel für die Gefallenen der Stadt Diez abgebildet.

Der Vater Max stirbt 1918 im Alter von 63 Jahren. Das Diezer Adressverzeichnis von 1925/26 verzeichnet nun vier Personen in der Wilhelmstraße 13: Die Witwe Bertha Levita und ihre nunmehr drei Kinder Hilda, Sofie und Karl. Das Geschäft wird von Bertha weitergeführt, Karl ist zu diesem Zeitpunkt Banklehrling in Frankfurt, der sich auf die Geschäftsübernahme in Diez vorbereitet. Sofie wird als "Prokuristin" bezeichnet, sie arbeitet ebenfalls im Familienbetrieb.

1929 heiratet Hilda George Graindart aus Amiens. Trauzeugin ist ihre Schwester Sofie, die in der Diezer Heiratsurkunde nun ihren Beruf als "Verkäuferin" angibt. Er ist Soldat bei den französischen Besatzungstruppen in Diez. Die oftmals jungen und ledigen Soldaten provozieren ab 1919 mit ihrem regelmäßigen Paradieren auf dem Marktplatz viele Diezer. Umso ungewöhnlicher aber ist, wie die Liebe sogar die französische Armee, die dazu noch den eigenen Bruder getötet hat, treffen kann. Es gibt eben doch Unterschiede zwischen einem unpersönlichen, abstrakten Feind und einem persönlichen, konkreten Menschen. Nun aber haben die Levitas einige Familien gegen sich. Dass für Hilda die Bezeichnung "Franzosenflittchen" fiel, ist nicht belegt, aber vorstellbar. Sie geht mit George nach Frankreich. Später lebt sie mit ihm in Algerien, wo er viele Jahre Offizier in der dortigen Kolonialarmee ist.

Von der Gestapo

deportiert

1933 folgt der Nationalsozialismus, der die restliche Familie Levita in Diez auseinanderreißt.

In einem Brief 1946 an den wieder eingesetzten Bürgermeister Heck blickt Karl verbittert zurück auf diese schlimme Zeit. Bereits 1933 ist er nachts von früheren Schulkameraden angegriffen worden. Er sollte wohl verhaftet werden, was aber misslang. Er nennt einen Täternamen und ihm nicht wohlgesonnene Diezer Familien. Er geht auch auf die Zerstörung des Grabes seines Vaters Max auf dem jüdischen Friedhof ein.

Als Folge der persönlichen Anfeindungen gegen ihn in Diez geht Karl bereits 1933 allein nach Nimes, Südfrankreich, und baut dort die "Etablissements Levita" auf. Er verkauft dort "Articles de Menage en gros", Haushaltswaren. Er heiratet wie seine Schwester nach Frankreich: Annette Sultan ist aus Nimes. Beide bekommen zwei Kinder.

Die Textilwarenhandlung muss verkauft werden. Käufer ist das "rein christliche deutsche Haus" Schulz und Meerganz. Mit Stolz wird der Inhaberwechsel am 20. 9. 1933 in der Diezer Zeitung vermeldet. Bertha und Sofie bleiben zunächst alleine in der Wohnung in der Wilhelmstraße 13 zurück. Als sich 1935 die Übergriffe auf jüdische Familien und Einrichtungen in Diez verstärken, zieht Sofie in die anonyme Stadt Frankfurt, um dort als Hausmädchen unter einfachen Verhältnissen zu leben. Drei Jahre hält Bertha es noch alleine in Diez aus, dann zieht sie unmittelbar vor der Pogromnacht am 9. November 1938 nach Frankfurt zu ihrer Tochter.

Bertha bleibt nicht lange in Frankfurt und zieht im August 1939 weiter zu ihrem Sohn Karl nach Nimes. Nun ist Bertha in relativer Sicherheit. Die meisten nach Frankreich emigrierten Juden überleben die Kriegszeit. In Nimes hatte sich Karl gut integriert. Bertha ist dort 1955 verstorben. Karl und Annette sterben in Montpellier 1992 und 2008. Beide sind in Nimes beerdigt.

Die in Frankfurt zurückgebliebene Sofie wird am 22. November 1941 von der Frankfurter Großmarkthalle aus zusammen mit 991 Mitgefangenen nach Kaunas/ Litauen deportiert. Ihr Name findet sich auf einer Transportliste der Frankfurter Gestapo. Diese gibt an, dass bei dieser Deportation besonders die Abhängigkeit der transportierten Personen von der Fürsorge im Mittelpunkt stand. Deshalb könne man nun in Frankfurt viel Geld einsparen. Aus den Entschädigungsakten ihrer Mutter ergibt sich, dass Sofie 1940 stellungslos war. In Kaunas angekommen, muss Sofie eine Nacht in einer Zelle der zum Gefängnis umgebauten Festung Fort IX verbringen. Nach einem Augenzeugenbericht müssen die Frankfurter Deportierten dann am nächsten Tag, dem 25. November 1941, in Gruppen von 80 Personen in Reihen im Innenhof des Forts antreten. Nach einigen Frühsportübungen werden sie dann im Dauerlauf heraus in Gruben vor den Mauern getrieben, wo sie sich hinlegen müssen. Dann werden sie sofort erschossen. Das Feuer kommt aus Maschinengewehren, die in den bewaldeten Hügeln oberhalb der Gruben versteckt sind. Verängstigte Gefangene, die davonlaufen wollen, werden in die Gruben hinein geprügelt.

Jens Reutzel

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