Sexuelle Übergriffe

Missbrauchsprozess: Abgründe hinter Burgmauern

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In 27 Fällen soll sich ein heute 54 Jahre alter Mann an Jugendlichen sexuell vergangen haben. Im Zentrum der Anschuldigungen stehen Treffen in der Jugendbegegnungsstätte Burg Balduinstein.

Einige wenige Worte, und die Strategie des Verteidigers ist offenkundig. Im Namen seines Mandanten räumt der Anwalt die vom Staatsanwalt erhobenen Vorwürfe ein, „die Taten werden nicht bestritten“. Was den Zeitraum angeht, heißt es allerdings: „sind wir nicht sicher“. Hintergrund der ganz wesentlichen Einschränkung, die für den Ausgang des Prozesses und damit für das Strafmaß entscheidend sein könnte: das Alter der beiden geschädigten Jungen.

Bestätigt sich der Verdacht der Anklage, wäre der Hauptbetroffene anfangs erst zwölf Jahre alt gewesen; kann der Angeklagte seinen Standpunkt vom zeitlichen Ablauf der Übergriffe beweisen, würde der Junge mindestens 14 Jahre alt gewesen sein . . . Neun Zeugen, darunter die als Nebenkläger auftretenden jungen Männer, sollen zur Klärung des Sachverhalts beitragen. Im Zusammenhang mit Missbrauchsvorwürfen in der Pfadfinder-ähnlichen Organisation sind mehrere Verfahren gegen erwachsene Betreuer anhängig.

Der Staatsanwalt wirft dem freiberuflich tätigen Cutter und Kameramann vor, im Zeitraum von Juli 2002 bis Juli 2006 als Gruppenführer der autonomen Wandervögel seinen pädophilen Neigungen freien Lauf gelassen zu haben. Heißt, er habe dem Jungen beim gemeinsamen Aufenthalt im Turmzimmer in die Hose gegriffen und ihn durch gegenseitige Berührungen sexuell missbraucht. Mindestens einmal im Monat soll sich der in Köln lebende Angeklagte dem Kind unsittlich genähert haben. Der Junge, im Verlauf der Verhandlung fällt der Begriff „Lieblingspimpf“, habe sich zunächst gewehrt, doch „der Angeklagte ließ nicht locker“, weist die Anklage massive Anschuldigungen auf. Dreimal sei ein damals 13-Jähriger dabei gewesen.

Gleich mehrere Stunden lang widmet sich das Schöffengericht Person und Sachverhalt. Angefangen von der bewegten Schulzeit über (teils gescheiterte) Versuche in Studium und Ausbildung bis hin zur wechselvollen beruflichen Laufbahn trugen die Juristen Details zum Werdegang eines Mannes zusammen, der „seit frühester Kindheit“ den Jugendorganisationen eng verbunden war. „Es war meine Welt, irgendwie“, erläuterte der ledige Angeklagte die über Kontakte der Mutter entwickelten Interessen. 2005 wurde er Mitbegründer der autonomen Wandervögel in Balduinstein, dort, wo er schon Anfang der 90er-Jahre Mitglied im Trägerverein der Burg geworden war.

Als „erwachsener Anhang“ sah er sich hinter dem Gruppenführer, jemand, der „einfach da war“, ohne offizielle Funktion. Jemand, der Fahrten organisierte. Im vergangenen Jahr, als die Ermittlungen begannen, sei er ausgetreten, „um Schaden von der Einrichtung abzuwenden“. Anschließend wurde er mit einem Hausverbot belegt. Eine Therapie absolvierte er zwischen 2006 und 2009.

Schilderungen, die von Anwälten und Richterin immer wieder hinterfragt werden, offenbaren aus den Jugendgruppen Einzelheiten, die zumindest auf Strecken merkwürdig erscheinen. Statt ihrer Namen verwenden die Jugendlichen skurrile Synonyme. Die Vorliebe für gewisse Wanderstiefel trugen dem Angeklagten selbst den Spitznamen „Caligula“ ein (antike Quellen beschreiben den römischen Kaiser als wahnsinnigen Gewaltherrscher).

Vor Gericht verneint der in Mülheim geborene Angeklagte ein Interesse an Kindern, findet aber „pubertierende Jungen attraktiv“. Den Staatsanwalt veranlasst das zu der Frage, wie es zwischen persönlichen Neigungen und dem Interesse für Jugendgruppen denn um das Problembewusstsein bestellt sei. „Ich habe es unter Kontrolle, dachte ich“, antwortet der 54-Jährige. Sexualität habe nicht im Vordergrund gestanden, „ich bin in Jugendgruppen groß geworden“.

Begonnen, so die Einlassung, habe es bei einem Zwischenstopp auf dem Weg zu einem Segeltörn an der Adria im Oktober 2003. Die beiden Jungen hätten im Zimmer sexuelle Handlungen vorgenommen und ihn zum Mitmachen aufgefordert. Beim ersten Mal sei die Initiative von den beiden ausgegangen, „danach von mir“. Kennengelernt hatte der Kameramann die Gruppe bei einem Filmprojekt im Rahmen einer Videowerkstatt im Mai des gleichen Jahres.

(hbw)

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