Zusammen mit Helfern laufen die Damen der Rehkitzrettung Aar-Einrich die Wiese ab und halten Ausschau nach Rehkitzen.
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Zusammen mit Helfern laufen die Damen der Rehkitzrettung Aar-Einrich die Wiese ab und halten Ausschau nach Rehkitzen.

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Rehkitzrettung schafft sich eine Drohne an

  • VonMariam Nasiripour
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Verein formiert sich und möchte im kommenden Jahr in der VG Aar-Einrich durchstarten

Burgschwalbach/Kaltenholzhausen – Bei brütender Hitze und direkter Sonnenbestrahlung einen mehrere Hektar großen Acker zu begehen, ist kein Spaß. Doch Ute Lang und ihre Mitstreiterinnen und Helfer tun das seit Mai dieses Jahres regelmäßig, um Rehkitze zu retten. Bereits im vergangenen Jahr hatte Ute Lang zusammen mit Carina Schnee die Idee, die landwirtschaftlichen Felder der Region mit einer Drohne zu befliegen und Ausschau nach Kitzen zu halten, die von ihren Müttern in den Wiesen gesetzt wurden.

In diesem Jahr folgte die Vereinsgründung, um die sich aktuell ein Notar kümmert, wie Uta Lang berichtet. Der Verein soll Rehkitzrettung Aar-Einrich heißen. Als nächstes stehe die Anschaffung einer Drohne an. Ein Investor, der den Kauf finanziert, sei auch schon gefunden. Da sich die Setzzeit dem Ende neigt, soll die Drohne in diesem Jahr nur für Trainingsflüge zum Einsatz kommen. Richtig loslegen möchte der Verein dann im kommenden Jahr. Dann müssen die Helfer nicht mehr bei brütender Hitze die Felder durchlaufen, sondern schicken nur noch die Drohne in die Luft, die dann von oben die Bilder übermittelt.

Wie Ute Lang mitteilt, sei der Verein breit, auch die Felder und Wiesen außerhalb von Burgschwalbach und Kaltenholzhausen zu befliegen. Man tausche sich ohnehin mit anderen Vereinen aus.

Kitze nicht mit bloßen Händen anfassen

Die ehrenamtlichen Helfer um Ute Lang sind aktuell auf den Feldern und Wiesen in Burgschwalbach und Kaltenholzhausen unterwegs. Dabei arbeiten sie auch eng mit einigen Landwirten zusammen, die ihnen mitteilen, wann die Wiese gemäht werden soll. Dann brechen die Helfer auf, laufen den gesamten Acker ab und halten Ausschau nach Kitzen. Werden keine Kitze gefunden, hängen die Freiwilligen blaue Tüten auf dem Feld verteilt auf, um die Rehe abzuschrecken. Wird ein gesetztes Kitz gefunden, sichern die Helfer einen zwei Quadratmeter großen Bereich um den Kitz, den der Landwirt beim Mähen einfach umfährt.

Es gebe auch Fälle, so Ute Lang, da muss ein Kitz weggebracht werden. "Wir heben mit Handschuhen und viel Gras das Kitz in einen Korb oder eine Kiste und bringen es weg", erklärt die Inhaberin von Ute's Geschenkgalerie. Denn Kitze haben nach der Geburt kein Eigengeruch. Sobald ein Mensch ein Kitz berührt, haftet Menschengeruch am Tier und das Kitz wird von der Mutter verstoßen und muss verhungern.

Von Mai bis Juli setzen die Ricken (Muttertiere) ihre neugeborenen Kitze zum Schutz in hohen Wiesen und Feldern. Sie kehren alle vier bis fünf Stunden zurück, um die Kitze zu füttern. Es sind auch genau die Monate, in denen die Landwirte ihre Wiesen mähen und die Heuernte einfahren. So sind bislang schon viele Kitze landwirtschaftlichen Maschinen zum Opfer gefallen. Um so etwas zu verhindern, sind Landwirte verpflichtet, ihre Mähtermine dem zuständigen Jagdpächter mitzuteilen. Dieser beläuft kurz vor dem Mähen das Feld und schaut nach gesetzten Kitzen.

Alleine nicht zu schaffen

Stephan Müller ist Jagdpächter für Burgschwalbach und Kaltenholzhausen und berichtet, dass das für eine einzelne Person nicht zu schaffen sei. Deswegen versuche er zum Beispiel mit Vogelscheuchen die Riecken daran zu hindern, ihre Kitze in den Feldern zu setzen. Aber er sagt auch, dass es einige Landwirte gibt, die dem Jagdpächter nicht melden, wann sie ihre Felder mähen wollen. Wird dann ein Kitz von einer landwirtschaftlichen Maschine erfasst und der Jagdpächter erfährt davon, dann droht dem Landwirt eine saftige Geldstrafe. Die Dunkelziffer der so getöteten Kitze sei sehr hoch. Viele Landwirte seien jedoch kooperativ: "Weil er ein süßes Reh nicht töten will." Er sei froh über das ehrenamtliche Engagement von Gruppen und Vereinen, wie dem von Uta Lang und ihren Mitstreitern, so Müller.

Er ergänzt, dass einige Bauern der Meinung sind, dass die Rehkitzrettung nicht effektiv sei. Außerdem werden bei der Begehung durch die Felder zu viel kaputt getreten. Letzteres bestätigt Matthias Heinz, Landwirt aus Burgschwalbach. "Man muss jedoch ehrlicherweise sagen, dass das Absuchen der Wiesen, wobei teilweise zwischen 10 und 15 Personen in Form einer Menschenkette mit möglichst geringen Abständen, um nichts zu übersehen die Wiesen durchkämmen, zu massiven Schäden führt. Dabei wird sehr viel Gras niedergetreten, welches anschließend nur noch schwierig von den Mähwerken erfasst werden kann. Dies schlägt sich auf den Ertrag nieder, was in Zeiten, in denen das Heu ohnehin schon sehr knapp ist, nicht zu unterschätzen ist. Denn auch das Heu dient wiederum dem Tierwohl in Form von Futter", bemerkt er an.

Aber er sehe, genauso wie viele andere Landwirte auch, die Rehkitzrettung grundsätzlich als eine gute und hilfreiche Maßnahme an. Aber genau an diesem Punkt komme es jedoch manchmal schon zu den ersten Schwierigkeiten. Die Heuernte sei stark wetterabhängig, was eine langfristige Planung nahezu unmöglich macht, so Heinz. Oft müsse der Landwirt recht spontan entscheiden und handeln, wobei die Zeit einen wesentlichen Faktor darstelle.

Durch die Kooperation mit der Rehkitzrettung werden die Landwirte in der Flexibilität ihrer Arbeit stark eingeschränkt. Kurzfristige Planänderungen, wie beispielsweise die Mahd einer zusätzlichen Wiese, die nicht eingeplant war, aber nun aus zeitlicher Perspektive doch noch gemäht werden könnte oder aber das Tauschen zweier Wiesen aus bestimmten Gründen führe unter Umständen schnell zu Unmut bei den Helfern der Kitzrettung. "Derartige spontanen Entscheidungen sind in der Landwirtschaft, die von Faktoren wie dem Wetter, der einsatzfähigen Maschinerie, Helfern und noch einigen mehr abhängig ist, jedoch an der Tagesordnung. Es ist nicht immer möglich im Vorfeld die Arbeit genau durchzuplanen und abzuschätzen. Gegebenenfalls kann auch nicht immer abgewartet werden, bis sich genügend Personen des Rettungsteams finden, um die entsprechenden Wiesen abzusuchen", führt er aus.

So ehrenwert das Engagement der Rehkitzretter sei, so müsse es aus Sicht der Landwirte noch etwas optimiert werden, um allen Ansprüchen gerecht zu werden, betont Heinz. Der Einsatz von Drohnen wäre in diesem Fall mit wesentlich geringerem zeitlichen und personellen Aufwand verbunden und würde die Wiesen und somit den Ernteerfolg schonen, schlägt er vor. (Mariam Nasiripour)

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