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Elisabeth Niedzwetzki mit Mann Ronny und Sohn Jonah. Drei Stunden nach der Geburt konnten sie wieder nach Hause.

Eine ungewöhnliche Einrichtung in Diez

Rekord-Jahr trotz Corona-Einschränkung

  • vonMariam Nasiripour
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Das Geburtshaus Lebensstern feiert in diesem Jahr seine fünfjährige Erfolgsgeschichte

Jonah Samuel Niedzwetzki hat am vergangenen Mittwoch um 11 Uhr das Licht der Welt erblickt. Schon drei Stunden nach der Entbindung konnte die erschöpfte Mutter mit ihrem neugeborenen Sohn das Geburtshaus Lebensstern in Diez wieder verlassen.

Jonah ist quasi ein Jubiläumskind: Die Einrichtung wurde vor fünf Jahren von Nadine Ulbricht und Cornelia Klemm aufgebaut. Anlass war die Schließung der Geburtsstation am Diezer Krankenhaus. "Wir wollten einen geschützten Raum für werdende Mütter schaffen", sagt Cornelia Klemm. Nach langer Suche fanden sie das Haus in der Emmerichstraße 1 a in der Innenstadt. Etwa acht bis neun Wochen dauerten die Umbauarbeiten.

Seit 2015 sei das Geburtshaus nicht nur räumlich, sondern auch personell gewachsen, so Klemm. Aktuell arbeiten dort neun Hebammen, drei Hauswirtschafterinnen und drei Bürokräfte. Aber eins habe sich nicht geändert: das Leitbild und die Idee hinter Lebensstern. Es gehe darum, dass Frauen in einem geschützten Raum, ihre Schwangerschaft und die Geburt ihres Kindes ungestört und in ruhiger Atmosphäre erleben können. Außerdem habe die Einrichtung ein Qualitätsmanagement-System eingeführt und wird regelmäßig von den gesetzlichen Krankenversicherungen zertifiziert.

Frauen sollen

sich wohlfühlen

Aber was ist der Unterschied zu einem Krankenhaus? "Wir intervenieren nicht so viel. Wir lassen der Geburt ihren natürlichen Lauf. Bei uns bekommen die Frauen auch keine Schmerzmittel oder andere Medikamente", erzählt Klemm. "Wir bieten stattdessen Massagen und Homöopathie an."

Der Vorteil des Geburtshauses sei, so Klemm, dass die Frauen die Hebammen kennen, die später ihre Babys entbinden. Dieser Umstand und die ruhige und gemütliche Atmosphäre seien wichtig und entscheidend für eine stressfreie Geburt. "Wenn die Frau die Hebamme kennt, die später auch bei der Entbindung dabei ist, dann fühlt sie sich viel wohler", fährt sie fort. Außerdem würden sich die Hebammen bei den regelmäßigen Terminen eine Stunde Zeit für die Frauen nehmen und ihnen zuhören. Sie hätten ein offenes Ohr für die Sorgen und Ängste der Schwangeren.

Im Geburtshaus Lebensstern werden die Vorsorgeuntersuchungen immer noch klassisch durchgeführt. "Wir ertasten alles mit unseren Händen, auch ob das Baby verkehrt herum liegt. So wie das schon immer gemacht wurde und auch noch gemacht wird", sagt Klemm. Außer den regulären Untersuchungen bietet das Haus auch viele verschiedene Geburtsvorbereitungskurse für werdende Eltern an.

Besuch beim Frauenarzt ist Pflicht

Dennoch besteht die Einrichtung darauf, dass die werdenden Mütter einen Frauenarzt aufsuchen und einen Ultraschall sowie andere spezielle Untersuchungen dort durchführen lassen. Denn dies darf das Geburtshaus nicht. Trotzdem sähen viele Frauenärzte das Geburtshaus als Konkurrenz und weigerten sich, mit der Einrichtung zusammenzuarbeiten, bedauert Klemm.

Auch die Nachbetreuung werde im Geburtshaus groß geschrieben. In den ersten zehn Tagen nach der Entbindung besucht eine Hebamme die Frau zweimal am Tag. Dabei achten die Hebammen unter anderem darauf, ob der Nabel richtig verheilt ist, das Kind richtig gestillt wird, auch stetig zunimmt und sich gut entwickelt. Das Wochenbett, also die Betreuung nach der Geburt, dauert zwölf Wochen. Die ersten drei Wochen werden die Frauen zu Hause besucht. Danach wird die Nachsorge im Geburtshaus weiter geführt. Und auch für die Zeit nach der Entbindung bietet das Geburtshaus werdenden Eltern und dem Kind verschiedene Kurse wie Babymassage an

Klemm betont aber auch, dass im Geburtshaus nur gesunde und unkomplizierte Geburten möglich sind. Sollten während der Schwangerschaft oder der Entbindung Komplikationen auftreten, dann werden die Frauen an ein Krankenhaus verwiesen. Und auch Zwillingsgeburten seien im Geburtshaus nicht möglich.

Jede schwangere Frau, die das Geburtshaus aufsucht, hat die Wahl. Sie kann sich während ihrer gesamten Schwangerschaft in die Hände der Hebammen der Einrichtung begeben und auch ihr Kind dort zur Welt bringen. Sie kann sich aber auch nur für eins davon entscheiden. "Es gibt auch Frauen, die während ihrer Schwangerschaft bei uns waren, aber für die Entbindung lieber ins Krankenhaus gehen, weil sie dort Schmerzmittel bekommen", sagt Cornelia Klemm.

Der kleine Jonah war die 545. Geburt in fünf Jahren im Geburtshaus. Waren es im vergangenen Jahr noch 130 Geburten, stieg die Zahl der Entbindungen 2020 im Geburtshaus Lebensstern auf 141, und das Jahr ist noch nicht vorbei. Die Corona-Pandemie habe auch dessen Arbeit schwer und kompliziert gemacht. So dürfen Väter nicht mehr mitkommen zu den Vorsorgeuntersuchungen. Sie dürfen nur bei der Entbindung dabei sein. Und auch die Kurse finden nur noch auf digitalem Weg statt. Manche wie die Babymassage müssen sogar ausfallen.

Und auch die Hausbesuche bei den werdenden Eltern seien eine Herausforderung. Aber da dürfen die Väter wenigstens dabei sein und aus sicherer Entfernung zuschauen, wie das Kind richtig gewickelt oder gewogen wird. Zwar gibt es weiter das Kennenlerngespräch in der Einrichtung, aber der Rundgang durch das Haus wurde durch einen virtuellen ersetzt. Mariam Nasiripour

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Weitere Informationen gibt es im Internet unter www.geburtshaus-lebensstern.de.

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