Oraniensteiner Konzert

Willemsen sorgte für tolle Premiere in Diez

Ein gelungenes Experiment, eine schöne Premiere, ein vergnüglicher Abend, an den man sich gerne erinnert: Roger Willemsen bei den Oraniensteiner Konzerten.

Von Helmut Zimmermann

Mit einer Überraschung wartete das Märzkonzert der Oraniensteiner Konzerte auf und stand dabei im Zeichen eines Experimentes, das gleichzeitig seine Deutschland-Premiere hatte. Erstmals für Oranienstein und erstmals für die Künstler wurde eine musikalisch-literarische Korrespondenz dargeboten, die sich dem Thema „Landschaften“ widmete. Rezitator Roger Willemsen, bekannter Buchautor, Dokumentarfilmer, Moderator und gerngesehener Gesprächsgast in vielen Diskussionsrunden im Fernsehen, hatte einen Reigen literarischer Texte aus eigener Feder zusammengestellt, die sich auf unterschiedliche Weise mit „Landschaft“ auseinandersetzten.

In seinen einleitenden Worten sagte er, dass neben der Literatur auch der Bezug von Landschaft zur Musik vielfältig gegeben sei, beispielsweise in der Moldau von Bedrich Smetana oder in der Pastorale von Ludwig van Beethoven. Denn Komponisten hätten in Selbstzeugnissen seit Mitte des 19. Jahrhunderts zur Erklärung ihrer Musik immer wieder auf Reisen, Erschütterungen in der Natur und Begegnungen mit der Fremde verwiesen. Auch spreche man von Klang- und Sprachlandschaften.

So führte denn die literarisch-musikalische Reise Roger Willemsens von Rumänien, Serbien, Bayern, Berlin, über die Kreidefelsen von Rügen, die Schwäbische Alb weiter bis zum Meer. Begleitet wurde er von zwei jungen Künstlerinnen, Franziska Hölscher (Violine) und Marianna Shirinyan (Klavier). Passend zu den Textpassagen – die drei Vortragenden hatten das Programm des Abends gemeinsam entwickelt – gaben sie einzelne Sätze aus Stücken verschiedener Komponisten. So von Bela Bartok (1881 – 1945) zwei Sätze aus dessen „Rumänischen Tänzen“ als Einleitung in den Abend, eine an Mahler erinnernde „Improvisation: Andante cantabile“ aus der Sonate op. 2’18 Es-Dur von Richard Strauss (1864 – 1949), die eine schöne Überleitung zu Willemsens Text „Bayrische Deviationen“ darstellte, in der er auf höchst bissig-ironische Weise den Nachweis führte, dass die Bayern mit ihren Eigenheiten deshalb so sind, weil sie mit ihrem Klischee übereinstimmen wollen, dem dann, stilistisch konträr, „Blues. Moderato“ aus der Sonate G-Dur von Maurice Ravel (1875 – 1937) zur Einstimmung in den Trubel auf dem „Berliner Bahnsteig“ (R. Willemsen) folgte. Im „Sasoun Tanz“ von Alexander Harutyunyan (1929 – 2012), einem virtuosen Stück für Klavier, brillierte Marianna Shirinyan mit lyrischem Feingefühl und, in den Fortpassagen, mit ausdrucksstarker Emotion.

Der erste Teil endete mit Anton Weberns (1883 – 1945) „Rasch“ aus seinen Vier Stücken op 7, deren Dissonanzen das unterirdische Leben in der Berliner U-Bahn reflektierten, und mit Weberns „Sehr langsam“ aus derselben Komposition wurde der zweite Teil im leisesten Pianissimo eingeleitet, aus dem sich anschließend sprachlich der „Kreidefelsen auf Rügen“ (R. Willemsen) erhob. Hier wie in allen vorangehenden und nachfolgenden musikalischen Darbietungen stellten Franziska Hölscher und Marianna Shirinyan ihr großes Können in Zusammenspiel, stilistische Sicherheit in unterschiedlichen Musikstilen von Johann Sebastian Bach (zwei Sätze der Sonate c-Moll BWV 1017 als Einrahmung des Abends als erstes und letztes Stück) über R. Strauss, Maurice Ravel, Johannes Brahms Jean Sibelius, Claude Debussy bis zu zeitgenössischen Komponisten. Virtuose Passagen leicht und wie selbstverständlich gebend, technisch brillant wie ebenso im Ausdruck.

Roger Willemsen hörte man gerne zu, auch wenn er einige Passagen zu schnell las. Seine Texte waren literarische Kabinettstückchen, die man gern anhörte, vermittelten sie teilweise doch überraschende (An-)Sichten der besuchten Landschaften und Städte.

Einziger Wermutstropfen dieses Abends war die Lautsprecheranlage, die die Worte Willemsens nicht immer bis in die letzten Reihen transportierte, weshalb etliche Zuhörer nicht alles verstanden. Bei einer ähnlichen Veranstaltung könnte eine bessere Anlage Abhilfe schaffen.

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