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BU: Über die Digitalisierung der Arbeitswelt diskutierten (von links) Sebastian Hebeisen (DGB), Daniel Frank (Katholisches Klinikum Koblenz-Montabaur), Michael Leukel (Itex Gaebler), Oliver Stettes (Institut für Wirtschaft) und Philippe Lorenz (Stiftung neue Verantwortung). Foto: Bohnhorst-Vollmer

Diskussionsveranstaltung in Montabaur

Digitalisierung der Arbeitswelt: Zukunfts-Chancen 4.0

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„Arbeitsmarkt der Zukunft – Horrorszenario oder neue Freiheit?“ Zu diesem Thema lud die Wirtschaftsförderungsgesellschaft Westerwald jetzt Vertreter der Wirtschaft und Wissenschaft in die Stadthalle ein.

Dass die Digitalisierung die Arbeitswelt verändern wird, steht fest. Welche Auswirkungen diese Entwicklung auf den Arbeitsmarkt, auf Gesellschaft und Politik haben werden, darüber gehen die Meinungen indes auseinander, stellte Landrat Achim Schwickert in seinem Grußwort fest. Daher freue er sich, diese Diskussionsveranstaltung als „Start-up“ eröffnen zu dürfen. Zugleich mahnte der Landrat, sich dem Thema Digitalisierung nicht zu verschließen. Wo Möglichkeiten der technologischen Weiterentwicklung bestünden, würden diese auch ausgeschöpft. Wichtig sei daher, dieses Fortschreiten „mit gesundem Menschenverstand zu begleiten“.

Für einen lebhaften Schlagabtausch sorgte denn auch das Referat von Philippe Lorenz von der Berliner „Stiftung neue Verantwortung“. Das Fazit seiner „Szenarienstudie zur Arbeitswelt 4.0“ lautet: Arbeitsplätze fallen weg, und vorhandene Arbeit muss durch sogenanntes Crowdworking neu organisiert werden. Der Grundgedanke des Crowdworking ist, dass Unternehmen verschiedene Arbeiten in kleine Projekte zerlegen und diese an externe Mitarbeiter vergeben. Immer wichtiger wird Lorenz zufolge auch die Aus- und Weiterbildung, die in Deutschland standardisiert und damit nicht auf die individuellen Bedürfnisse von Arbeitgebern und Arbeitnehmern zugeschnitten seien. Dabei müssten gerade „die Leute hinter der Lernkurve“ eingebunden werden.

Dies geschehe hierzulande nicht, weil „auf dem Ausbildungsmarkt noch immer falsche Anreize“ gesetzt würden, sagte Lorenz. So sei etwa bei kaufmännischen Berufen, die am stärksten nachgefragt würden, der höchste Digitalisierungsgrad zu erwarten. Richtiger sei aber, sich beim Ausbildungsangebot an der Frage zu orientieren: „Welche Qualifikation wird gerade nachgefragt?“ Qualifizierung und Weiterbildung müssten an das individuelle Arbeitnehmerprofil anknüpfen.

Diese Vorgabe wies Dr. Oliver Stettes von Institut für Wirtschaft, Köln, zurück. Das Ausbildungssystem in Deutschland sei vorbildlich, betonte er. Klar sei aber auch, dass „die Ausbildung nicht durch das ganze Leben trägt“. Auch Daniel Frank vom Katholischen Klinikum Koblenz-Montabaur warnte, „Panikmache ist falsch“. Die Digitalisierung sei eine „steuerbare Chance“. Das Thema Outsourcing – oder Crowdworking – sei für das Klinikum nicht relevant. Auch bei dem Westerwälder Industrie-Textilpflegebetrieb Itex Gaebler ist diese Verlagerung der Arbeit an externe Freiberufler derzeit keine Option, erklärte Unternehmenssprecher Michael Leukel. Dennoch sei es geboten, „Leitplanken einzuziehen“, um festzumachen „wie wir in Zukunft leben wollen“, sagte DGB-Sprecher Sebastian Hebeisen.

Philippe Lorenz blieb dabei. Nach seiner Meinung geht die „Relevanz von Aus- und Weiterbildung zum Job“ immer mehr verloren. Als Beispiel für seine These verwies er darauf, dass derzeit bundesweit 30.000 junge Menschen auf Basis einer Ausbildungsordnung aus dem Jahr 1998 zu Bankkaufleuten ausgebildet würden. Das sei eine Ausbildungsmaßnahme, die an der Digitalisierung des Arbeitsmarktes vorbeiziele und den Fachkräftemangel verschärfe. „Mit Digitalisierung hat der Fachkräftemangel nichts zu tun“, widersprach Oliver Stettes und erklärte: „Die Hälfte Ihrer Prognosen werden nicht eintreffen.“

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