m Ortsrand von Frickhofen wurde eine Wiese mit Pestiziden gespritzt und abgemäht. Wegen der Herbstzeitlose, sagt der Landwirt. Doch Naturschützer protestieren.
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m Ortsrand von Frickhofen wurde eine Wiese mit Pestiziden gespritzt und abgemäht. Wegen der Herbstzeitlose, sagt der Landwirt. Doch Naturschützer protestieren.

Naturschutz contra Landwirtschaft

Dornburg: Heftiger Streit um eine Wiese

  • vonAnken Bohnhorst-Vollmer
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Um die Ausbreitung der Herbstzeitlose zu bekämpfen, spritzt ein Landwirt seine Wiese mit Pestiziden. Dafür zeigen ihn Umweltschützer an. Sie sagen, auf der Grünlandfläche wachsen seltene Orchideen. Der Landkreis widerspricht.

Dornburg -Rund 70 Zentimeter reckt sich das Männliche Knabenkraut mit seiner lilafarbenen, zylindrischen Blüte in die Höhe. Die Pflanze blüht von Ende April bis Anfang Juni, duftet kaum und produziert keinen Nektar. Trotzdem ist sie ökologisch wertvoll. Sie gehört in die Familie der Orchideen, und die sind geschützt.

Auch auf der rund 7200 Quadratmeter großen Wiese am Ortsrand von Frickhofen, die Herbert Stahl seit Jahren an die Landwirte Wolfgang und Gabriele Höhler aus Niederbrechen verpachtet. Die mähten die Fläche bislang einmal im Jahr, verarbeiteten den Schnitt zu Heu und verkauften es als Viehfutter. Dann stellte sich heraus, dass in dem Gemähten die hochgiftige Herbstzeitlose in so großen Mengen vorhanden war, dass das Heu wertlos wurde. Familie Höhler spritzte die Wiese, und der Ärger begann. Das war im Mai.

Was Familie Höhler nicht wusste: Bereits im Frühjahr hatte die Regionalgruppe der Hessischen Gesellschaft für Ornithologie und Naturschutz (HGON) Herbert Stahl mitgeteilt, dass sie eine Wiese in Frickhofen kaufen wolle und sich für Stahls Parzellen interessiere. Stahl willigte ein. Man vereinbarte einen Ortstermin und erschrak: Die Grünfläche war mit einem Pestizid behandelt worden, sämtliche Blumen, auch das Männliche Knabenkraut, waren eingegangen. Nur das Gras hatte der Spritzkur standgehalten. Dabei sei das Wiesengrundstück "eine Besonderheit gewesen, weil dort seit Jahrzehnten geschützte, seltene Orchideen wie das Männliche Knabenkraut vorkommen", sagt HGON-Sprecher Dieter Stahl.

Daneben sei "auch mindestens ein geschützter Schmetterling, der Dunkle Wiesenknopf-Ameisenbläuling, betroffen", ist Dieter Stahl überzeugt. Der Falter ernähre sich in seinem frühen Entwicklungsstadium ausschließlich von den Blütenköpfen des Großen Wiesenknopfs, der jetzt ebenfalls vernichtet worden sei. "Es ist ein Totalschaden auch für andere Pflanzen wie die echte Wiesenschlüsselblume, die mittlerweile zur Rarität auf den Wiesen geworden ist."

Hobby-Imker spricht

von "Naturnotstand"

Ebenfalls in Mitleidenschaft gezogen sind die Bienen von Hobby-Imker Hubert Hecker. Er sagt: "Selbst wenn man mir versichert, das Pflanzengift sei bienenungefährlich - die Blüten sind jedenfalls zerstört." Er spricht von einem "Naturnotstand" und wundert sich, dass die Bürger ständig aufgefordert würden, Blühstreifen anzulegen, während "hier eine blühende Wiesenfläche in der Größe von mehreren Fußballfeldern abgespritzt" worden sei. Für den HGON ist der Einsatz von Pestiziden auf der Naturwiese in Frickhofen unverzeihlich.

Restlos zornig aber wurden die Vereinsmitglieder, als Landwirt Höhler erklärt habe, das Amt für Landwirtschaft habe dieser Art der Herbstzeitlosen-Bekämpfung zugestimmt. Das sei "absurd", sagt Dieter Stahl. Die HGON erstattete Anzeige gegen den Landwirt aus Niederbrechen.

Wolfgang und Gabriele Höhler hätten schon deshalb nicht spritzen dürfen, weil sie mit der Bewirtschaftung dieser Wiese im Hessischen Programm für Agrarumwelt- und Landschaftspflege-Maßnahmen (HALM) aufgenommen worden seien, sagt Verpächter Herbert Stahl. Dieses Konzept dient der Förderung einer besonders nachhaltigen und biologisch vielfältigen Landbewirtschaftung in Hessen. Dazu stellt Gabriele Höhler klar: Sie seien aus dem HALM-Programm ausgeschieden, gerade weil sie die Herbstzeitlose bekämpfen wollten. Denn die vermehre sich "wie ausgesät".

Dass andere seltene Pflanzen vernichtet wurden, stimmt Gabriele Höhler zufolge ebenfalls nicht. Das bestätigt auch Jan Kieserg, Sprecher des Landkreises: Am Tag der Anzeige "wurde die betroffene extensive Grünlandfläche kontrolliert, und der Bewirtschafter der Fläche konnte entsprechende Unterlagen zur Dokumentation der dort durchgeführten Pflanzenschutzmittelausbringung vorlegen. Die Ausbringung des Pflanzenschutzmittels diente der Bekämpfung der sehr giftigen Herbstzeitlosen. Die Blüten und Samen sind für Tiere gefährlich, da sie im Futter, insbesondere im Heu, nicht als hochgiftig erkannt werden."

Einen Schaden an seltenen Pflanzen habe man nicht feststellen können. "Bei der Vor-Ort-Kontrolle wurde die Fläche als eine artenreiche und in bestimmten Bereichen feuchte Grünlandfläche eingestuft. Orchideen konnten auf der genannten Fläche zu diesem Zeitpunkt nicht gefunden werden", teilt Kieserg mit. "Zusammenfassend kann festgestellt werden, dass der Landwirt den gesetzlichen Vorschriften entsprechend gehandelt hat."

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