Die zehn im März 1945 Gefallenen sind zusammen mit vielen weiteren Gefallenen auf dem Frickhöfer Soldatendenkmal auf zwei Steintafeln eingraviert.
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Die zehn im März 1945 Gefallenen sind zusammen mit vielen weiteren Gefallenen auf dem Frickhöfer Soldatendenkmal auf zwei Steintafeln eingraviert.

Zweiter Weltkrieg

Dornburg: Zwei Monate vor Kriegsende mussten sie ihre Leben lassen

Erinnerung an das Schicksal von zehn Soldaten aus Frickhofen

Frickhofen -Anfang März 1945 hatten die westalliierten Armeen im linksrheinischen Gebiet zwischen der holländischen Grenze und Neuss die Wehrmachtseinheiten an den Rhein zurückgedrängt. Südlich von dem letzten deutschen Brückenkopf bei Wesel war in der zweiten Fallschirmjägerdivision der Frickhöfer Leutnant Georg Staudt im Einsatz. Seine Einheit ging am 6. März entgegen dem Haltebefehl Hitlers bei Rheinhausen mit Schlauchbooten über den Rhein. Der damals 30-jährige Staudt war am Tag vorher in der nahe gelegenen Stadt Moers gefallen. Seither ruht er auf der Kriegsgräberstätte in Kamp-Lintfort.

Georg Staudt aus dem Posthaus in der Bahnhofstraße (heute Posthorn) machte Ostern 1934 am Gymnasium in Hadamar Abitur. Seine Mitgliedschaft in der Hadamarer Pfadfindergruppe mit Standort im Konvikt setzte er auch als Student in der Lehrerausbildung fort. Allerdings war er gezwungen, für einen Studienplatz in die SA einzutreten. Als die Nazis die katholische Jugendarbeit immer stärker einschnürten, gründete er 1935 in Frickhofen mit einem Dutzend Sturmscharjungen zwei Pfadfindersippen und leitete sie als ihr erster Stammesführer. "Einmal kam er direkt nach einer SA-Übung zu unserer Gruppenstunde," erzählte ein Zeitzeuge, "und vor unseren Augen schälte er sich aus der braunen Uniform zum klufttragenden Pfadfinder heraus. Als fertiger Lehrer wurde er 1937 nach Ostpreußen versetzt. Das haben wir als Strafverordnung empfunden wegen seiner Pfadfinderaktivitäten."

Peter Schardt aus der 'Korlches' genannten Familie im Zentrum Frickhofens gehörte zum Jahrgang 1901. Er ernährte als Schuhmachermeister seit Ende der 20er Jahre eine sechsköpfige Familie. Seit dem Kriegsbeginn war er dienstverpflichtet im Basaltstein-Verladewerk Saxonia. 1943 bekam er die Einberufung zur Wehrmacht. Das war sehr ungewöhnlich, einen 42-Jährigen mit vier halbwüchsigen Kindern zu der kämpfenden Truppe einzuziehen. Die Familie war sich damals sicher, dass hinter der Einberufung eine Schikane der örtlichen NS-Parteiführung stand. Schardt hatte in den Jahren 1940 bis 1942 den ghettoisierten Frickhöfer Juden regelmäßig die Schuhe repariert.

Peter Schardt gehörte zu den deutschen Truppen, die in Erwartung einer alliierten Rheinüberquerung bei Wesel und dem nördlich gelegenen Rees zur Verteidigung des rechten Rheinufers aufgestellt waren. Am 10. März hatte eine Wehrmachtseinheit die letzte Niederrheinbrücke bei Wesel gesprengt.

Die folgende Offensive der Alliierten bestand aus zwei Operationen: In der Nacht vom 23. auf den 24. März überwanden britische und amerikanische Truppen mit Schlauchboten und Amphibienfahrzeugen den Rhein und bildeten bei Rees und Wesel erste Brückenköpfe. Am Tag drauf setzten alliierte Flugzeuge 1300 Lastensegler mit Infanteriesoldaten und Material sowie 10 000 Fallschirmspringer am Dierforstener Wald ab. Sie wurden von deutschen Einheiten beschossen, unter anderem von einer Batterie der schweren Flakabteilung auf dem Kugelberg bei Brünen. Alliierte Jagdbomber trafen die Flakstellung am 24. März schwer. Vermutlich starb Peter Schardt bei einem dieser Angriffe. Der Todesort des damals 44-jährigen Familienvaters wird jedenfalls mit Brünen angegeben. Auf der Kriegsgräberstätte in Rees-Haldern fand er seine letzte Ruhestätte.

Schlacht um den Nordrhein

In Zeitraum der Schlacht um den Nordrhein war die Wehrmacht an der Ostfront in nicht minder heftige Kämpfe verwickelt: Die Schlacht um Ostpommern dauerte vom 10. Februar bis 4. April 1945. Dort waren die deutschen Truppen der vielfachen Überzahl der Roten Armee hoffnungslos unterlegen. Dementsprechend waren die Verluste auf deutscher Seite sehr hoch. Einer der Vermissten/Gefallenen war der damals 21-jährige Werner Brötz, Mitglied eines Panzerregiments. Er starb am 23. März bei der Stadt Stargrad, etwa 50 Kilometer südöstlich von Stettin. In dieser Stadt hatten 50 Jahre vorher zwei Frickhöfer Handelsfrauen aus der Familie Gröschen ihren Handelsstandort.

Die Todesmeldung vom älteren Sohn war ein fürchterlicher Schlag für die Wagner-Familie Peter und Maria Brötz vom Ende der Langestraße. Ein Dreivierteljahr vorher war ihr jüngerer Sohn Karl-Heinz im Alter von 18 Jahren in Lettland gefallen. Die Mutter hatte vor dem Bild des Älteren gebangt, gebetet und geklagt, dass die Kriegsfurie doch ihren zweiten Sohn verschonen möge. Es blieb ihr nur ein Foto und nicht einmal das Wissen um eine würdige Grablege. Erst 2006 wurden die Gebeine des Kriegsverstorbenen auf dem Kriegsgräber-Sammelfriedhof 'Neumark Glinna Stare Czarnowo' beigesetzt - neben 32 500 weiteren deutschen Kriegstoten aus dem Großraum Pommern.

Als im September 1944 die Spitzen der alliierten Armeen die Grenzen des Deutschen Reichs im Osten und Westen erreichten, gab die Hitler-Regierung den Militärbehörden die Anweisung, die letzten Bevölkerungsreserven für die Wehrmacht zu mobilisieren.

"Wahnsinnig harte" Grundausbildung

Der damals 31-jährige Landwirt Martin Jakob Schardt aus Frickhofen war leicht behindert am Bein. Deshalb war er in den ersten vier Kriegsjahren nicht eingezogen worden. Da kam im Spätherbst 1944 plötzlich der Einberufungsbefehl - für einen hinkenden Soldaten? Neben der beschriebenen militärischen Situation lag noch ein politischer Grund für seinen Militärgestellung vor: Die Familie Schardt/Flugge in der Limburger Straße hatte bei einer der monatlichen Winterhilfesammlungen den von der örtlichen NSDAP festgesetzten Pflichtbeitrag nicht erbracht. Der Nazi-Sammler blaffte die Leute an: "Schämt euch was, dass ihr so wenig gebt. Dabei ist euer Sohn noch zu Hause und nicht an der Front!" Dieser unverhohlenen Drohung folgte postwendend der Einberufungsbefehl.

Die militärische Grundausbildung mit ganz jungen Rekruten empfand Schardt als "wahnsinnig harte" Soldatenschinderei. Es sollte aber noch schlimmer kommen.

Schardt wurde im März 1945 einer Einheit zugewiesen, die auf der rechten Mittelrheinseite die linksrheinisch vorstoßenden Amerikaner aufhalten sollte. Der Feldwebel der kleinen Soldatengruppe von 27 Mann im Hönninger Wald nahe der Stadt Rheinbrohl hatte nur ein einziges Flakgeschütz, mit dem er auf vermutete Stellungen der Amerikaner auf der anderen Rheinseite schießen ließ. Durch Stellungswechsel der Flak machte er die Gegner glauben, sie hätten einen ernsthaften Widerstand mit größeren Truppenverbänden vor sich. Die Amerikaner planten daraufhin eine größere Angriffsoperation mit schwerer Artillerie und Jagdbombern. Bei einem dieser Angriffe starb Martin Jakob Schardt am 15. März 1945. Seine Leiche wurde später mit einem Pferdefuhrwerk nach Frickhofen geholt und auf dem hiesigen Friedhof beigesetzt.

Weitere Märzgefallene aus Frickhofen waren:

Der 51-jährige Georg Schneider wurde als Volkssturmmann ohne militärische Ausbildung zu einem Fronteinsatz im Hintertaunus gezwungen. Die Luftschläge der vielfach überlegenen Amerikaner führten zu seinem Tod am 24. März 1945.

Sein 22-jähriger Sohn Erich starb eine Woche vor seinem Vater am 18. März im Reservelazarett Eisenberg im Land Thüringen, das kurze Zeit später die Amerikaner eroberten und drei Monate danach an die Sowjets übergaben.

Willibald Schardt war der Bruder von Günter Schardt. Der wegen seiner Verwundung freigestellte Student kam am 12. März 1945 als 20Jähriger in Friedberg durch Bomben ums Leben.

Alois Eilberg, Flakartillerie-Soldat, fiel am 19. März 1945 in Schlesien mit 23 Jahren.

Josef Petry, verheiratet, ein Sohn, starb am 30. März 1945 25-jährig durch Kopfschuss in Neckargemünd.

Theobald Schmidt, Jahrgang 1912, Vater einer Tochter, erlag am 31. März 1945 im Reservelazarett Groß Herrlitz im Kreis Troppau, damals Mährisch-Schlesien, seinen Verwundungen. Seine Mutter starb ein Jahr später aus Gram über den Kriegstod ihrer drei Söhne.

Die zehn im März 1945 Gefallenen sind auf dem Frickhöfer Soldatendenkmal auf zwei Steintafeln eingraviert. Sie starben als Opfer von Krieg und nazistischer Gewaltherrschaft wie die weiteren 140 Kriegsverstorbenen aus der Gemeinde. Von Hubert Hecker

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