Natürliche Kälte

Warum in Dornburg auch an heißen Tagen frostige Temperaturen herrschen

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Wer die Hitze aktuell nur schwer ertragen kann, sollte einfach mal zur natürlich kältesten Stelle im Kreisgebiet fahren. Die Nassauische Presse war gestern, am bisher heißesten Tag des Jahres, in Dornburg am Ewigen Eis.

Vereisungen erwartet man in unseren Breitengeraden nicht unbedingt im Hochsommer. Und doch sind im Bereich an der Dornburg zwischen Frickhofen und Wilsenroth in einer Tiefe von zwei bis acht Metern Vereisungen festzustellen.

Benno Schopf, Vorsitzender des Museums- und Kulturvereins Wilsenroth, zeigte uns gestern Nachmittag, welch kühle Luft aus dem Inneren des Berges strömt. Der Luftzug dort wirkt auf der Haut wirklich kalt und erfrischend. Am Rand des Berges misst Schopf die Temperatur: sechs Grad plus um 14 Uhr, wo anderswo glühende Mittagshitze herrscht. Im Berg sei aktuell eine Temperatur von vier Grad messbar, sagt Schopf.

Dass dort selbst im Sommer unter der Erde noch Eis vorkommt, hat laut dem Fachmann seinen Ursprung in der Eiszeit. Dort habe sich der Berg mit seinen Basaltschichten wie ein Kälteakku aufgeladen. „In Hessen ist dieses Phänomen einmalig“, betont Schopf. Mit natürlichen Öffnungen unten und oben am Berg und einem Höhenunterschied von 80 Metern funktioniert das System wie ein Kamin. Im Winter zieht kalte Luft von unten in den Berg und kühlt ihn ab. Die wärmere Luft zieht oben aus dem Berg wieder heraus.

Das „Ewige Eis“ in Dornburg haben im Juni 1839 Gemeindearbeiter entdeckt. Wie der 71-jährige Schopf berichtet, wollten sie für den Ausbau der Straße von Frickhofen nach Wilsenroth lose Basaltsteine am Südhang der Dornburg auflesen. Zu ihrer Verwunderung entdeckten sie dabei, dass mitten im Sommer die Steine 50 bis 60 Zentimeter unter der Oberfläche festgefroren und mit einer Eisschicht überzogen waren. Diese Entdeckung wurde an die herzoglich nassauische Landesregierung nach Wiesbaden gemeldet. Die beauftragte dann Fachleute mit der Untersuchung dieser Vereisungserscheinungen am Südhang der Dornburg. Bei Grabungen am 7. September desselben Jahres fanden sie bis in zwei Meter Tiefe zwischen lockerem Gestein festes Eis. Vereiste Steine, an denen kleine Eiszapfen hingen, waren noch bis in einer Tiefe von fünf bis sechs Metern vorhanden. Zwei Meter tiefer war keine Vereisung mehr festzustellen.

Bei weiteren Untersuchungen wurde 1840 mit Hilfe von brennenden Kerzen ein periodischer Luftzug an mehreren Stellen des Hanges festgestellt, wie Schopf erläutert. Im Januar 1847 konnte festgestellt werden, dass die Luft, die auf dem fast ebenen Gebiet im oberen Teil des Hanges an einigen Stellen ausströmte, viel wärmer als die Außenluft war. Infolge dieser warmen Luftströmungen blieb kein Schnee an diesen Stellen liegen.

Die Untersuchungsergebnisse damals ergaben, dass sich im Winter die Vereisung im Berg durch die am Fuß des Hanges einströmende Luft bildet und im Sommer nur zum Teil wieder abschmilzt. Da es zu dieser Zeit noch keine Kühlschränke gab, wurde am Ewigen Eis 1869 / 70 sogar eine Brauerei Dornburg, Grill & Co errichtet. Die teilweise in den Berg eingebauten Keller- und Kühlräume der Brauerei durchströmte eisig kalte Luft von null Grad Celsius. Die Brauerei ließ auch die beiden heute noch erhaltenen Stollen anlegen.

Benno Schopf lässt im Winter Schnee dort hineinschütten, um Besuchern demonstrieren zu können, dass sich der Schnee durch den Kühlungseffekt dort lange hält. Durch das Gitter am Eingang ist auch gestern noch der letzte Rest Schnee sichtbar. In den Stollen dürfen Gäste aus Sicherheitsgründen nicht. Darum ist der Eingang vergittert. Am Hang selbst darf nichts mehr verändert oder untersucht werden, da der Bereich des Ewigen Eis’ mittlerweile unter Naturschutz steht.

Studien ergaben, dass im Sommer von der etwa acht Meter dicken vereisten Zone eine etwa 2,5 Meter dicke Schicht abtaut. Im Sommer schmelzen nach Schopfs Aussagen täglich rund sieben Tonnen Eis. Die Grundfläche der vereisten Geröllhalde sei etwa 2400 Quadratmeter groß. Für den Erhalt der Eisschicht braucht es anhaltende, strenge Frostperioden im Winter, miteinander verbundene Spalten, Klüfte und Ritzen im Berginneren, die einen freien Luftzug durch den Berg ermöglichen. Schopf sagt, dass das Ewige Eis viele Interessierte aus der Ferne anziehe, sogar Gäste aus Amerika.

Der Weg zum Eis:

Wer bei der Hitze einen Abstecher ins Ewige Eis machen möchte, fährt von Frickhofen in Richtung Wilsenroth. Auf der rechten Seite kommt kurz nach dem Ortsausgang auf der rechten Seite ein Parkplatz am Waldrand. Von dort sind es etwa 400 Meter Fußweg.

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