Streit

Elternhaus soll saniert werden: Frau setzt Bruder vor die Tür

Dramatische Szenen spielten sich gestern in Hadamar ab. Das Haus, in dem ein Mann seit seiner Geburt lebt, wurde zwangsgeräumt. Seine Schwester, die zugleich Eigentümerin der Immobilie ist, will sanieren. Der Mann und seine Freundin wohnen vorübergehend in einem Hotel .

Am Ende gibt es nur Verlierer in dieser Sache: Eine Frau, die auf ihr Recht pocht und deshalb als kaltherzig gilt, ihr Bruder mit seiner Freundin, die nicht nachgeben wollen, aber schließlich doch weichen müssen, eine Bekannte des Paares, die nicht versteht, dass ihre Vorstellungen von Moral und Gesetz so weit auseinanderklaffen können und ein Schiedsmann, der sich immer wieder um eine Einigung der Geschwister bemüht und doch nichts erreicht hat.

Außerdem beteiligt in Hadamar im Limburger Land sind ein Gerichtsvollzieher, zwei Streifenbeamte der Polizei, ein Mann vom Ordnungsamt, ein Taxifahrer – und fünf Möbelpacker. Letztere sind diejenigen, die nach mehr als einer Stunde lautstarker Auseinandersetzungen die ganze Last dieses Dramas schleppen müssen. Sie sind bestellt worden, weil das Haus, in dem Peter Richard (Name von der Redaktion geändert) seit seiner Geburt gelebt hat, das ihm aber nicht gehört, an diesem Morgen geräumt wird. Es ist eine Zwangsräumung, veranlasst von Richards Schwester, Eigentümerin der Immobilie. Seit Jahren will sie das 160 Quadratmeter große Haus sanieren und umbauen lassen. Nach Beendigung der Baumaßnahmen könnten ihr Bruder und seine Freundin wieder einziehen, sagt sie.

Das will Peter Richard aber nicht. Er will gar nicht erst ausziehen. „Seit drei Uhr bin ich wach. Seit Tagen habe ich nichts gegessen“, schreit er durch die geschlossenen Fenster, als sich der Gerichtsvollzieher und zwei Polizeibeamte dem Haus nähern. „Ich werde verrückt! Das gibt’s doch nicht, dass man so mit Behinderten umgeht.“ Tatsächlich sind Richard und seine Freundin schwerbehindert. Darüber gibt es mehrere Atteste, und auf die hatten sie bis zuletzt gesetzt.

„Behinderte setzt man nicht vor die Tür“, hatte Richard immer wieder gesagt. Selbst dann noch, als ihm vor zwei Monaten der Brief mit dem Termin zur Zwangsräumung präsentiert wurde. Weil es keineswegs unwahrscheinlich war, dass es dazu kommen könnte, hatte die Stadt Hadamar bereits im August Hilfe angeboten, sagt Peter Wilhelmy vom Ordnungsamt. Peter Richard lehnte ab. Vor wenigen Tagen sprach Wilhelmy den Steinbacher erneut an, forderte ihn auf, die nötigsten Sachen zusammenzupacken, „für alle Fälle“. Wieder weigerte Richard sich.

Auch, als Gerichtsvollzieher und Polizei vor seiner Tür stehen. Er werde nicht öffnen, ruft er. „Ich mach das nicht!“ Die Stimme überschlägt sich. Er reißt ein Fenster auf. Nein, das überlebe er nicht, und die Schwester sei schuld. Die solle sich schämen, findet auch eine Nachbarin, die das Geschehen vom Gehsteig aus beobachtet. Auf den umliegenden Balkonen ist das Interesse an dem Spektakel ebenfalls erwacht. Die Schwester fühlt sich sichtbar unwohl. „So ist das nicht, Peter “, versucht sie den Bruder zu beruhigen. Er habe viel Zeit gehabt, sich eine andere Wohnung zu suchen. Der will davon nichts hören.

Sein Anwalt habe gesagt, er brauche sich keine Sorgen zu machen, schreit er. Nur ist der Anwalt nicht da. „Mach die Tür auf, sonst geht sie kaputt“, sagt Lothar Leinz, der Schiedsmann. Richard reißt die Tür auf und wird später gemeinsam mit seiner Freundin von den Polizisten aus dem Haus geführt. Er in Unterwäsche, sie in Leggins und dünnem Pullover. Vorbereitet haben sie nichts. Das erledigen jetzt die Beamten, holen Wäsche, Medikamente und Dokumente aus dem Haus. „Und die Karten für das Schlagerkonzert in der Stadthalle“, ruft Richards Freundin. Da wollte sie doch hin. Aber der will nicht mehr. Wenn er abtransportiert werden soll, wolle er sterben, kreischt er aus Wut und Verzweiflung, schimpft, stampft auf den Boden und weint. „Wie Vieh“ fühle er sich, als ihn Peter Heuser vom Ordnungsamt schließlich in ein Taxi schiebt.

Für das Wochenende wird das Paar in einem Hotel untergebracht. „Dann sehen wir weiter“, sagt Peter Wilhelmy.

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