Geschichte in Elz

Agnes Müller erzählt von früher: Es war nicht alles besser, aber vieles anders

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Früher war nicht alles besser, sondern anders, sagt das Elzer Urgestein Agnes Müller. In mehreren Teilen berichtet die heute 87-jährige Frau aus ihrem Leben, das sich zunächst in der Nähe des Josefshauses abgespielt hat und später in der Robert-Koch-Straße nahe dem Südbahnhof. Im heutigen Beitrag geht es um ihre Kindergarten- und Schulzeit.

Wenn sie nicht endlich „mit dem Babbeln aufhören“ würde, bekäme sie von Fräulein Michels ein Heftpflaster auf den Mund geklebt. An diese Drohung und daran, dass sie danach den ganzen Morgen den Kopf beinahe unter die Tischkante gesenkt hielt, um nicht aufzufallen, erinnert sich Agnes Müller so genau, als sei es erst gestern geschehen. Dabei liegt die Situation, in der dieser Satz fiel, fast 85 Jahre zurück. Agnes war gerade im Kindergarten und sollte still sein bei der Andacht, beim Essen, beim Erzählen und Vorlesen von Fräulein Michels und den Nonnen, die die Einrichtung im Josefshaus mit liebevoller Strenge leiteten. „So war das früher“, sagt die 87-jährige Elzerin und lacht. Alles ganz anders eben.

Mit fünf Geschwistern wuchs Agnes Müller auf und zwar in unmittelbarer Nachbarschaft zum Josefshaus, dem heutigen Caritas-Seniorenzentrum. Auch damals war dort neben dem Kindergarten ein Altenheim untergebracht. Und „eine

Nähschule

für junge Mädchen, die lernen sollten, was man für’s Leben braucht“. Agnes brauchte nicht viel. Die Eltern hatten eine Bäckerei, einen Lebensmittelladen und ein bisschen Landwirtschaft, wie fast jeder im Dorf. „Es war die arme Zeit. Jede Familie war Selbstversorger.“ Haus und Scheune sicherten das Überleben. Die Familien waren groß, Angebot und Ansprüche nicht. Die Anforderungen an die Kinder aber, die seien schon höher gewesen als heute. „Dass wir alleine in den Kindergarten gingen, das war selbstverständlich“, erinnert sie sich. Geschwister und Nachbarkinder spazierten gemeinsam. Hin- und Hertransportieren der Kleinen, das war nicht drin. „Die Eltern mussten schaffen.“ Also nahm Agnes ihre kleine Schwester an die Hand, überquerte die Straße und ging zu den Nonnen in den Kindergarten, zweimal am Tag: morgens und nach dem Mittagessen noch einmal. Das Josefshaus war nah und vertraut. „Ich habe mich schon als Kind mit dem Haus verbunden gefühlt.“

Als Agnes Müller sechs Jahre alt war, begann für das Mädchen, das immer gern erzählte, die Schulzeit. 28 Mädchen und 33 Buben wurden in die erste Klasse eingeschult. 61 Kinder in einer Klasse. Auf der einen Seite des Schulzimmers saßen die Mädchen, auf der anderen die Buben. Zuständig für die gesamte Jahrgangsstufe war ein Lehrer. An Herrn Ross, Herrn Enders und an Rektor Görge erinnert sie sich. Und, fragt die alte Dame keck, „hat es uns geschadet“, in einem so großen Klassenverbund unterrichtet worden zu sein? Nein. Die Schüler lernten Disziplin und wurden mit dem erforderlichen Rüstzeug ausgestattet. Agnes wechselte auf die Marienschule und fuhr jeden Tag nach Limburg. Jedenfalls bis zum 26. März 1945, dem Tag ihrer Entlassungsfeier nach der achten Klasse. Feierlich sollte es werden. Nicht so aufwendig wie die Schulabschlussfeiern heute, aber doch ein besonderer Tag war geplant. Tatsächlich wurde es ein besonderer Tag. Denn am Tag vor der Zeugnisausgabe an Agnes Müller und ihre Klassenkameraden hatte der letzte Angriff auf Limburg stattgefunden, und wenige Stunden später rollten die Panzer oben am Elzer Wald entlang, erinnert sie sich. Der Krieg war vorbei. Abgangszeugnisse gab es nicht. „Da war ich mit der achten Klasse fertig und bekam kein Abgangszeugnis“, sagt sie. Die meisten Lehrer seien „in der Partei“ gewesen und nach Kriegsende entweder untergetaucht oder entlassen worden. Das war natürlich ein Knüller: jahrelang die Schulbank drücken und dann keine Urkunde dafür bekommen. Auch nachträglich erhielt Agnes Müller kein Zeugnis. „Übrigens bis heute nicht“, erzählt sie vergnügt. Nun ja. Ihren weiteren Lebensweg hat das fehlende Zeugnis nicht durchkreuzt. Aber darüber berichtet die Seniorin in der nächsten Geschichte.

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