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Hier lagen vier Stolpersteine zum Gedenken an Familie Ellendmann. Die Steine sind weg. Was aus ihnen geworden ist, wissen Thomas Lang (von links), Martina Hartmann-Menz, Ingrid Friedrich und Matthias Schmidt nicht.

Polizei ermittelt

Keine Spur von verschwundenen Stolpersteinen

  • vonAnken Bohnhorst-Vollmer
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Der Gehsteig wurde aufgerissen, um Glasfaserkabel im Erdreich zu versenken. Anschließend wurden die Plaketten neu verlegt – angeblich. Denn sie sind nicht mehr da.

Elz – Die Initiatoren der Stolperstein-Verlegung in der Gemeinde sind ratlos. Wo sind die Stolpersteine aus der Mühlstraße und vor allem: Wie konnten sie verschwinden? Das Pflaster ist jedenfalls makel- und lückenlos. Auch dort, wo ursprünglich die Tafeln installiert waren und wo jetzt eigentlich ein Loch klaffen müsste.

Eine Erklärung dafür hat niemand. Thomas Lang, Fraktionsvorsitzender der SPD in der Gemeindevertretung, hofft, dass irgendjemand irgendetwas gesehen hat und die Denkmäler irgendwie wieder auftauchen. Mathias Schmidt (CDU), Vorsitzender der Gemeindevertretung, sagt, der Vorfall bestürze ihn. Historikerin Martina Hartman-Menz ist ebenfalls fassungslos, betont aber, man solle nicht spekulieren und erst recht nicht Verdächtigungen streuen. Und Ingrid Friedrich (CDU), Erste Beigeordnete der Gemeinde, hat zwar auch keine Erklärung für das Verschwinden von vier angeblich im Boden verankerten Stolpersteinen. Aber sie hat eine recht präzise Erinnerung an die Umstände des Verschwindens, an den 1. September, an dem Bürger ins Rathaus gekommen seien, weil die Steine mit den Gedenktafeln in der Mühlstraße fehlten. Jene Gedenkplaketten, die der Künstler Gunter Demnig im Mai 2017 und im gleichen Monat des darauffolgenden Jahres in das Pflaster verlegt hatte und die an die Familie Ellendmann erinnerten.

Vater Isaak Ellendmann, Mutter Bella sowie die Töchter Fanny und Ruth hatten hier ihre letzte Wohnung in Freiheit, ehe sie von den Nationalsozialisten vertrieben und schließlich ermordet wurden. Ihre Daten sind in die Messingtafeln eingraviert. Sie sollen die Erinnerung wachhalten. "Für uns, für die nachfolgenden Generationen, für immer", sagt Ingrid Friedrich. Das könnte schwer werden ohne diese Erinnerungsstützen.

Baufirma schweigt

Die Beigeordnete, die derzeit Bürgermeister Horst Kaiser (CDU) vertritt, bestätigt auch, dass das Pflaster des Gehwegs im Juni aufgebrochen wurde. Allerdings mit Absicht, weil eine Baufirma in diesem Bereich Glasfaserleitungen verlegen sollte. Zuständig gewesen ist Friedrich zufolge das Unternehmen Jacobi Bau aus Bad Camberg, das sich bis Redaktionsschluss nicht zum Sachverhalt geäußert hat. Angeblich sei aber nach den Tiefbauarbeiten der Bürgersteig wieder hergestellt, der Boden verfüllt, die Oberfläche gepflastert und die vier Stolpersteine dorthin gesetzt worden, wo sie seit zwei, beziehungsweise drei Jahren lagen. Das habe die Baufirma jedenfalls Bürgermeister Horst Kaiser (CDU) gegenüber versichert, sagt Ingrid Friedrich.

Der Bürgermeister wiederum hatte Mitte September bei der Polizei Anzeige erstattet. Wegen "Sachbeschädigung und Schändung eines Denkmals", sagt SPD-Mann Thomas Lang. Dass eine Anzeige vorliegt, bestätigt Claudia Schäfer-Simrock, Sprecherin der Polizeidirektion Limburg-Weilburg. Angaben über den aktuellen Ermittlungsstand macht sie nicht, bestätigt aber, dass der Staatsschutz den Fall übernommen hat. Stolpersteine sind politische Mahnmale.

Und deren Errichtung sei in der Gemeinde nicht nur auf positive Resonanz gestoßen, räumt die Beigeordnete Friedrich ein. Als der Künstler Gunter Demnig bei seinem ersten Besuch in Elz im Mai 2017 die Plaketten für Isaak und Bella Ellendmann vor dem Haus Nummer 14 in der Mühlstraße verlegte, habe ein Anwohner laute Musik aus dem rechtsradikalen Milieu abgespielt, um die Gedenkveranstaltung zu stören. In der Augustastraße, in der am gleichen Tag ebenfalls Stolpersteine ins Pflaster eingelassen wurden, sei sogar ein Autofahrer mit seinem Wagen auf die Teilnehmer zugefahren, um sie zu bedrohen. Das habe sie entsetzt, sagt Friedrich. Einen Zusammenhang zum Verschwinden der vier Ellendmann-Steine will sie dennoch nicht herstellen. Sie hält es wie Martina Hartmann-Menz, die darauf besteht: "In unserem Land gilt immer noch die Unschuldsvermutung." Und weiter sagt sie, man müsse die verschwundenen Stolpersteine ersetzen. Anken Bonhorst-Vollmer

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