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Nach dem Abitur möchte Hussain Mohammadi Physik studieren und sich für den Natur- und Umweltschutz engagieren.

Fluchtgeschichten

Mit Fleiß und Talent zum Stipendium

Hussain Mohammadi kam vor fünf Jahren als Flüchtling aus Afghanistan nach Deutschland. Inzwischen arbeitet er auf sein Abitur hin.

Elz – Der 17-jährige Hussain Mohammadi hat seine familiären Wurzeln in Afghanistan, ist aber im Iran geboren. Als Flüchtling kam er im Sommer 2015 nach Deutschland und lebt mit seiner Familie in Elz. Während sich Gleichaltrige mit Ballerspielen oder Musikvideos die Zeit vertreiben, liest er Kafka und Goethe auf Deutsch oder Harry Potter auf Englisch. Er begeistert sich für mathematische Formeln und die Gesetze der Physik.

Hussain schaffte den Realschulabschluss mit Note 1,8

Die Realschule schloss der Jugendliche im Sommer mit der Note 1,8 ab; seit Kurzem geht er auf ein berufsbildendes Gymnasium in Limburg. Schon heute peilt er ein Studium der Physik an und möchte später mal im Bereich des Umwelt- und Naturschutzes forschen und arbeiten.

Als einer von 21 Jugendlichen aus Hessen wurde Hussain Mohammadi nun für ein Stipendium der Start-Stiftung ausgewählt. Mit einem dreijährigen Bildungs- und Engagementprogramm fördert die Start-Stiftung herausragende Schüler und Schülerinnen mit Migrationserfahrung.

Im Iran durfte Hussain nur bis zur 5. Klasse in die Schule

„Im Iran durfte ich nur bis zur fünften Klasse die Schule besuchen“, erzählt Hussain. Die weiterführende Schule hätte Schulgeld gekostet. Das konnte seine alleinerziehende Mutter, die sich und die beiden Kinder mit Näharbeiten über Wasser hielt, unmöglich aufbringen. Als die Familie 2015 nach Deutschland kam, wurde der damals zwölfjährige Bub altersgemäß in die siebte Klasse eingeschult. „Ich konnte kein Wort Deutsch und musste mir den Stoff von zwei Jahren selbst aneignen“, erinnert er sich. Schon damals verordnete sich Hussain einen strengen Tagesplan, den er heute noch akribisch einhält: Um 5 Uhr klingelt der Wecker, und noch vor dem Frühstück bereitet er sich eine Stunde lang auf den Schultag vor. Für die Hausaufgaben gibt er sich Zeit bis 18 Uhr. Nach dem Abendessen lernt er nach eigenem Lehrplan noch mal zwei Stunden Deutsch und eine Stunde Mathe.

Tipp zur Bewerbung auf ein Stipendium kam von der Englischlehrerin

„Der Tipp, mich bei der Start-Stiftung um ein Stipendium zu bewerben, kam von meiner Englischlehrerin zu Beginn der zehnten Klasse“, erzählt der talentierte 17-Jährige. Denn um besser lernen zu können, wünschte er sich sehnsüchtig einen Laptop.

Also machte er sich schlau, was es mit dieser Stiftung auf sich hat und wie die Bewerbungsvoraussetzungen sind. Für die Online-Bewerbung reichte das Halbjahreszeugnis und ein Empfehlungsschreiben des Klassenlehrers aus, dann begann eine Zeit der Ungeduld. Aber nach fünf Wochen kam eine Antwort. „Als einer der überzeugendsten Bewerber wurde ich zu einem Auswahlgespräch eingeladen“, erzählt Hussain stolz. Mit Bravour bestand er Tests in Deutsch, Mathe sowie Allgemeinwissen. Darüber hinaus überzeugte er die Kommission mit seinen Zielen und Wünschen für die Zukunft. Als die Bestätigung kam, dass der junge Elzer als Stipendiat anerkannt ist, war seine Freude grenzenlos. „Ich habe nun zum ersten Mal in meinem Leben das Gefühl, wirklich genau das tun zu dürfen, was mir liegt, dass meine Meinung zählt, und dass ich unsere Gesellschaft aktiv mitgestalten kann“, sagt er.

Die anderen 20 hessischen Stipendiaten habe er bereits in Online-Meetings kennengelernt und ist fasziniert von der Vielfalt. Selbst Schüler, deren Familien aus Indien und Südamerika einwanderten, sind dabei.

Viel Austausch und ein eigenes Projekt entwickeln

Im ersten Jahr des Programms geht es vor allem darum, sich über die verschiedenen Kulturen auszutauschen. Im Weiteren sollen sich die jungen Menschen aktiv für eine nachhaltige Entwicklung und eine zukunftsfähige Gesellschaft einbringen und ihre Erfahrungen teilen. Am Ende des dreijährigen Programms steht ein eigenes gemeinnütziges Projekt, das die Stipendiaten selbst planen, entwickeln und umsetzten.

Die Start-Stiftung hilft den Jugendlichen durch Workshops, Akademien und andere Angebote, ihr Potenzial voll zu entfalten. Die Stipendiaten erhalten jährlich 1000 Euro, um davon Bücher und Schulmaterial zu kaufen. „Außerdem hat mir die Stiftung kostenfrei ein Notebook zur Verfügung gestellt“, freut sich Hussain. (Von Kerstin Kaminsky)

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