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Elz: Die Kirmesjugend ließ sich nicht unterkriegen

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Die Kirmesjubilarin Bertel Schäfer ist heute 95 Jahr alt und liebt die Kirmes immer noch - in diesem Jahr feiert sie das Kirchweihfest mit ihrer Familie, unter anderem mit ihrem Großneffen Josef Schäfer. Auf dem Bild im Hintergrund der Backessteg am Schützenhof, nach wie vor ein Zentrum des Elzer Festes.
Die Kirmesjubilarin Bertel Schäfer ist heute 95 Jahr alt und liebt die Kirmes immer noch - in diesem Jahr feiert sie das Kirchweihfest mit ihrer Familie, unter anderem mit ihrem Großneffen Josef Schäfer. Auf dem Bild im Hintergrund der Backessteg am Schützenhof, nach wie vor ein Zentrum des Elzer Festes. © Anette in Concas

Die 95 Jahre alte Berta Elisabeth Schäfer erzählt, wie nach dem Krieg das Kirchweihfest gefeiert wurde

Elz - Elz -„Sein die Zeire noch so oarm, än so schlecht, dass Gott erboarm, Kjärmes feiern mär erscht recht. Doat es heilig Elzer Recht.“ Dieser ersten Strophe des Elzer Kirmeslieds, das Paul Blättel vor 100 Jahren schrieb, sind die Kirmesburschen und -mädchen immer treu geblieben. Eine, die ein Lied davon singen kann, ist Berta Elisabeth Schäfer, liebevoll von allen Freunden und Familienmitgliedern „Bertel“ genannt. Die 95-jährige Elzerin feierte vor 75 Jahren mit ihrem späteren Mann Günter Schäfer Kirmes, ist also eine echte Kirmes-Jubilarin.

Die 1927er waren 1947 der zweite Jahrgang nach dem Krieg, der das Kirchweihfest beging, 1948 feierten die Jahrgänge, die aus dem Krieg zurückgekommen waren. Aber zurück zu unserem Kirmesmädchen. Die Zeiten waren so arm, „es gab nichts zu reißen und zu beißen“, erinnert sich Bertel Schäfer heute. Daher gab es auch keine Frei wie heute. Die Kirmesburschen baten einfach die Eltern um Erlaubnis, mit ihrem Mädchen Kirmes zu halten. Auch Günter Schäfer machte sich auf den Weg und besuchte Berta und Johann Schäfer in ihrer Bäckerei. „Natürlich haben meine Eltern ja gesagt, in Elz geht das ja gar nicht anders“, sagt Bertel Schäfer und lacht.

Schnaps selbst aus Schlehen gebrannt

Auch wenn es nichts gab, die Kirmesjugend ließ sich nicht unterkriegen. Getränke gab es kaum. Also wurde der Schnaps für die Kirmeskrüge selbst gebrannt, und zwar aus Schlehen, die im Herbst vorher gesammelt wurden.

Mit den Kleidern war es ähnlich. Auch hier waren echte Kreativität, Flexibilität und Gemeinschaftssinn gefragt. Das Bäckermädchen bekam ein Kleid aus einem Stoff, der eigentlich für Nachthemden bestimmt war und von einer geschickten Heimatvertriebenen genäht wurde, die damals beim Förster Seidel untergekommen war. Die Nachbarin steuerte ein schwarzes Samtband bei. Auch in den Schuhläden gähnte die Leere.

Glücklicherweise hatte der Patenonkel des Kirmesburschen, Karl Braun, in Elz „Janne Koll“ genannt, eine Sattlerei. Sie stand dort, wo heute der Parkplatz des Josefshauses ist. Er steuerte ein Stück Leder bei. Genäht wurden die Schuhe vom Schuster Gerstelauer im Oberdorf. Ähnlich war es bei den anderen Mädchen. Da wurde gesucht, ausgeliehen, anprobiert, geschneidert und geändert, was das Zeug hielt.

Für die Hüte ihrer Burschen sorgten die Kirmesmädchen selbst. „Bergs Maria“ hatte in jenen Jahren ein Textilgeschäft in der Rathausstraße. Sie wusste, wo es Papierblumen gab und stattete die Mädchen gerne aus. Die schmückten mit Hilfe von Draht und diesen gebastelten Blumen „alte Hüte“. Bertels kleiner Bruder, Karl Schäfer, hat den fertigen Hut dann am Kirmessamstag zu Günter Schäfer gebracht.

Moralische Vorbereitung

Und dann kam das Kranzbinden. Acht Tage vorher fuhr die Kirmesjugend mit Bauernfuhrwerken in den Wald. Die jungen Leute holten das Grün für den Kranz und die Tannenspitzen für die Mini-Kirmesbäume, die an den Gaststätten aufgestellt wurden. Der Kranz selbst wurde beim „Bast“ (jetzt Nassauer Hof) gebunden. Im Gegensatz zu heute waren die Kirmesmädchen alleine. „Wir hatten aber trotzdem viel Spaß“, versichert Bertel Schäfer. „Geholfen hat uns nur die damalige Wirtin, Maja Fiegel. Sie wusste genau, wie der Kranz haltbar wurde.“

Die moralische Vorbereitung auf das Kirchweihfest übernahmen in den Jahren um 1947 Heimatdichter Paul Blättel und natürlich Pfarrer Kaspar Fein, der übrigens später wegen seines Widerstands gegen die Nazis erster Ehrenbürger in Elz wurde. Und obwohl die Kirmesjugend dadurch bestens auf das große Fest vorbereitet war, durften die Mädchen beim Hochamt nicht mit den Kirmesburschen in die Kirche einziehen. Womöglich fürchtete der Pfarrer, die reizenden jungen Damen könnten die Kirmesburschen zu sehr ablenken.

Zum Teil haben sie das sicher auch geschafft. Über die Hälfte der Jungs und Mädchen aus diesem Jahrgang hat anschließen geheiratet. Natürlich gab es auch Fahrgeschäfte wie Schiffschaukel, Pferdchenkarussell und „Hau den Lukas“. Schausteller Arnold wohnte direkt am Hirtenplatz (späteres Haus Nejedly) und bescherte den jungen und den alten Elzern vergnügliche Stunden. Das tat auch der Schuster Ignatz Berneiser, der mit seiner Kapelle über alle Kirmestage spielte.

Am Kirmesdienstag, Punkt 24 Uhr wurde die Kirmes übergeben, indem der Jahrgang 1927 die Kirmeshüte dem folgenden Jahrgang überreichte. Die jungen Leute zogen die Hüte auf und tanzten einen letzten Tanz. Dann war Schluss. Auch ohne Handy und Computer, nur mit dem Gespür für das Echte, das wirklich Wesentliche, hat dieser Jahrgang den Geist der Kirmes bewahrt - zusammenzuhalten und gemeinsam zu feiern. Und so wären wir zum guten Schluss beim Kirmesschrei: „Un wenn die Stern vom Himmel falle, die Elzer Kirmes wird gehalle“.

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