Das Ehepaar Martina und Lutz Kirchhof ist spezialisiert auf Musik der Barock- und Renaissancezeit. In ihrem Haus haben sie ein paar schöne, alte Saiten-Instrument an die Wand gehängt.
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Das Ehepaar Martina und Lutz Kirchhof ist spezialisiert auf Musik der Barock- und Renaissancezeit. In ihrem Haus haben sie ein paar schöne, alte Saiten-Instrument an die Wand gehängt.

Gespräch mit Musikern

Konzerten vor Publikum entgegenfiebern

Ungewissheit, wann es weitergehen kann, zermürbt Musiker.

Elz -"Es kam zunächst nur schleichend, ich wusste nicht, was auf mich zukommt", erinnert sich Jürgen Faßbender aus Elz. Er ist Chorleiter von acht Chören, mit denen er regelmäßig probt. Hinzu kommen das Männerchor-Ensemble "Cantabile Limburg" und der Landesjugendchor Hessen, mit denen er Probenwochenenden anstatt wöchentlicher Proben durchführt.

Anfang März 2020 fand noch ein Konzert des Landesjugendchores in Bad Homburg statt, im Anschluss erreichte Faßbender die Nachricht vom Lockdown. "Ich habe das zunächst auch noch nicht ganz so ernst genommen, dachte, das ist hoffentlich bald wieder vorbei. Dass es sich über ein Jahr hinziehen würde, hätte ich nie gedacht".

Dann aber hagelte es Absagen. Der "Quartettverein Villmar" wollte im vergangenen Jahr sein 100-jähriges Bestehen feiern. Ging nicht. Das große Deutsche Chorfest mit Chören aus ganz Deutschland wurde abgesagt. Faßbender wollte mit zwei seiner Chöre daran teilnehmen, mit dem Landesjugendchor war ein Sonderkonzert geplant. Sein zusammen mit Uwe Henkhaus, Ernie Rhein und Jochen Stankewitz neu herausgegebenes Chorbuch "Three" sollte dort vorgestellt werden. "Ich war sehr enttäuscht", sagt Faßbender, der auch gefragter Juror, Workshopleiter und Gastdirigent bei Chorveranstaltungen im In- und Ausland ist.

Sechs Absagen für internationale Festivals hat er bereits jetzt für den Sommer 2021. Aufgegeben hat Faßbender deshalb aber nicht. "Wenn man nicht regelmäßig probt, entsteht ein Loch und es ist schwer, dann irgendwann wieder reinzukommen, geschweige denn an dem vorherigen Level anzuknüpfen", weiß er. Faßbender hat sich online-Formate für die Probenarbeit mit seinen Chören überlegt. Mit allen hat er weiter geprobt, von Juli bis September sogar Präsenzproben mit Hygienekonzept halten können.

"Bei online-Proben machen zwar nicht alle mit, aber bei einigen Chören bis zu 80 Prozent der Sängerinnen und Sänger", erzählt er. Manche älteren Sänger scheuen sich zwar noch etwas und auch Menschen, die berufsbedingt viel Zeit vor einem Monitor sitzen, haben nicht die größte Lust, abends noch in ihrer Freizeit zu zoomen, dennoch ist der Zuspruch ermutigend.

Hart getroffen hat es auch Martina und Lutz Kirchhof aus Weilburg-Kubach. Das Ehepaar ist spezialisiert auf Musik der Renaissance- und Barockzeit. Martina Kirchhof spielt verschiedene Gamben, alles Nachbauten alter Originalinstrumente, Lutz Kirchhof ist Lautenist. Unzählige dieser schönen alten Saiten-Instrumente hängen in ihrem Haus an den Wänden.

Auch sie dachten, dass nach drei bis vier Wochen alles wieder seinen normalen Gang gehen würde. "Dann wurde es aber völlig ungewiss, wie und wann wir wieder Konzerte geben könnten", sagt Martina Kirchhof. "Die Veranstalter waren verunsichert, einige - vor allem kleinere - haben die Zeit nicht überstanden. Wir haben natürlich täglich geübt, von Termin zu Termin gehofft. Lutz Kirchhof hat die Zeit genutzt, ein Musik-Video mit alter Musik, kombiniert mit Naturaufnahmen, zu produzieren. Das kann er glücklicherweise in seinem alten Fachwerkhaus in Kubach im eigenen Studio machen. "Man ist als Musiker ja immer irgendwie beschäftigt", findet er.

Zu komplizierte

Antragsverfahren

"Die staatliche Corona-Hilfe haben wir erst gar nicht beantragt", räumt Martina Kirchhof ein. "Wir hätten das Geld, das wir bekommen hätten, wahrscheinlich komplett an einen Steuerberater zahlen müssen". Die Antragsverfahren finden beide zu kompliziert und unausgegoren. Da Kirchhofs dann an ihre Ersparnisse gehen mussten (Martina: "die sind ja nicht unendlich"), hat sie einen Teilzeit-Job im Telefon-Marketing angenommen. "Ich habe außer meiner Musikerausbildung auch mal eine kaufmännische Lehre absolviert", erzählt sie. Aber für diese Art Job sei sie nicht rigoros genug. Nun hat sie ein Stipendium beim Deutschen Musikrat beantragt. In diesem Projekt geht es darum, die verschiedenen Gamben und die dazugehörige Musik vorzustellen.

Barockspezialistin ist auch die Weilburgerin Friederike Kremers. Die freiberufliche Violinistin und Bratschistin hat eine künstlerische Ausbildung absolviert und ist diplomierte Orchestermusikerin. Kremers hat vor etwa 20 Jahren das Kammerorchester "Main-Barock-Orchester" Frankfurt mitgegründet. Außerdem spielt sie bei "L'arpa festante" München sowie "Cantus Cölln" unter der Leitung des renommierten Dirigenten Konrad Junghänel. Alle drei Orchester sind auf die sogenannte historische Aufführungspraxis spezialisiert. Für alle fielen fast sämtliche Auftritte im Jahr 2020 flach.

"Ausgehungert

nach Musik"

"Mit dem "Main-Barock-Orchester" haben wir im Sommer mal an drei aufeinanderfolgenden Tagen jeweils drei Konzerte pro Tag gegeben, damit möglichst viele Menschen uns hören konnten", berichtet Kremers. Dabei durften allerdings nur jeweils 30 Menschen ein Konzert besuchen. "Die Leute waren ausgehungert nach Musik und Konzerten. Sie waren dankbar, dass wir gespielt haben und unglaublich nett, haben uns Zuspruch gegeben durchzuhalten", erzählt sie.

Es sei eine sehr emotionale Zeit gewesen. "Nach unserem ersten Konzert nach dem Lockdown mussten viele von uns Musikern weinen", erinnert sie sich. Völlig weggebrochen ist für die Virtuosin auch ihre Kooperation mit dem Weilburger Gymnasium Philippinum, mit dem sie bisher einen Werkvertrag hatte.

Wie auch Martina Kirchhof hat Friederike Kremers ein Stipendium beim Hessischen Ministerium für Wissenschaft und Kunst beantragt und auch erhalten. Damit war es ihr möglich, mit einem kleinen Ensemble mit Schülern des Philippinum Händels Wassermusik zu erarbeiten und in Weilburg in Open-Air-Konzerten auf dem Marktplatz und im Schlossgarten aufzuführen. "Es geht auch darum, Zeit mit den Schülern zu überbrücken, sie bei der Stange zu halten und immer wieder zu motivieren", sagt sie. Etwas Geld verdient sie mit Unterricht ihrer Schüler, teilweise auch im Online-Format.

Sie ist dankbar, dass ihr Mann Martin Krähe, Leiter der Weilburger Musikschule Oberlahn, ein festes Einkommen hat. "Befriedigend ist das aber nicht, wenn man nicht sein eigenes Geld verdient und auf den Verdienst des Mannes angewiesen ist", gesteht sie. Sie weiß, dass viele Musikerkollegen nur deshalb nicht Hartz IV beantragen, weil sie das als erniedrigend empfinden. Kremers hofft darauf, dass bald wieder etwas mehr Normalität einkehrt.

Das hofft auch das Ehepaar Kirchhof. "Wir möchten so gerne wieder Konzerte spielen, schließlich ist das ja auch heilsam", meint Lutz Kirchhof. Inständig hofft er, dass nicht viele Veranstalter aufgeben müssen. Er weiß aber auch, dass sich durch die "Auszeit" Energie angesammelt haben wird, die Menschen Kultur und Konzerte vermissen und sich darauf freuen.

Sorge um

Bestand der Chöre

Faßbender macht sich Sorgen um den Bestand einiger Chöre im heimischen Raum. Viele haben sich seit fast einem Jahr nicht mehr getroffen, weder physisch noch virtuell. "Die Vereinslandschaft droht sich zu verändern und damit auch die Gesellschaft und das Dorfleben", glaubt er. Das würde nun einmal durch Konzerte, Feste und sportliche Veranstaltungen getragen. "Dass im letzten Jahr so viele Veranstaltungen weggefallen sind, ist dramatisch", findet Faßbender. Chöre mit einem sehr hohen Durchschnittsalter werden es schwer haben, wieder in den Probenbetrieb reinzukommen. Dabei sei gerade der Chorgesang ein generationsübergreifendes Hobby, bei dem alle integriert sind, egal ob Jung oder Alt. Nicht ohne Grund spreche man von einer "Chorfamilie". "Vereine sind der Kitt für unsere Gesellschaft, für unser Zusammenleben", sagt er. "Wir müssen weiter zusammenhalten, immer wieder Ziele definieren und darauf hinarbeiten". Erfreut hat er festgestellt, dass die Solidarität untereinander sehr groß sei. "Jüngere helfen den Älteren mit den Computer-Programmen, damit auch sie an den Online-Proben teilnehmen können". Diese Online-Proben sind oft zweigeteilt. Zuerst wird an neuer Literatur gearbeitet, dann bietet sich Raum für Gespräche und ähnliches.

Bei der "Harmonie" in Lindenholzhausen hat man sich beispielsweise alte Dias und Filme von vergangenen Reisen gemeinsam angeschaut, was im alltäglichen Probenbetrieb kaum möglich ist. "Das weckt positive Erinnerungen und motiviert für künftige Aktionen", freut sich Faßbender. Besonders froh ist er über die Loyalität und Solidarität seiner Chöre, die ihn weiterhin unterstützen. "Trotzdem fehlt uns allen unglaublich das gemeinsame Singen mit allem, was dazugehört, was bedeutet, sich live zu hören, sich zu spüren, miteinander zu atmen, sich gegenseitig in Schwingung zu versetzen. Das kann kein digitales Medium leisten." Sich treffen und zusammen singen wird hoffentlich bald wieder möglich sein. Andreas E. Müller

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