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Die Kindertagesstätte in Erbach, Stadtteil von Bad Camberg, wird durch einen Neubau ersetzt. Der wird nun wesentlich teurer als ursprünglich gedacht.

Entsetzen in Erbach

Preisexplosion beim Kita-Neubau in Erbach - wird es doppelt so teuer?

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Drei Millionen Euro waren für den Kita-Neubau in Bad Camberg geplant - jetzt zeigt die Ausschreibung: Das wird bei Weitem nicht reichen.

Erbach - Statt für drei Millionen Euro, wie im Haushaltsentwurf der Stadt veranschlagt, wird die neue Kita in Erbach, Stadtteil von Bad Camberg (Landkreis Limburg-Weilburg), für mindestens 4,6 Millionen Euro gebaut. Das hat die Ausschreibung ergeben. An der Fertigstellung zum Kindergartenjahr 2020/21 will die Stadt weiter festhalten. 

Die Preise auf dem Bausektor haben stark angezogen. Das spüren nicht nur die Bad Camberger, doch gerade beim Neubau der Kita Erbach wird die Steigerung deutlich: Fünf Angebote seien eingegangen. Die Preisspanne reiche von 4,6 bis sieben Millionen Euro, informierte Bürgermeister Jens-Peter Vogel (SPD). 

Bad Camberg: Kita-Neubau in Erbach doppelt so teuer?

Im städtischen Haushalt sind aber nur drei Millionen Euro veranschlagt. Deshalb hat Bürgermeister Vogel am Dienstagabend in einer Sondersitzung der Stadtverordnetenversammlung einen Nachtragshaushalt eingebracht, der dies berücksichtigt. Um im Zeitplan zu bleiben, sei mit dem günstigsten Bieter zunächst eine Verlängerung der Bindungsfrist bis 17. November vereinbart worden, so Vogel. Die Stadtverordnetenversammlung könnte in ihrer nächsten regulären Sitzung am 30. Oktober die Mittel bewilligen.

Das Stadtbauamt habe den unerwartet hohen Betrag mit dem aktuellen Baukostenindex abgeglichen und sei zu dem Ergebnis gekommen: Die Summe liegt im mittlerweile üblichen Rahmen. "Die aktuelle Auftragslage im Bauwesen hat leider in jüngster Zeit zu einem signifikanten Preisanstieg geführt", so der Bürgermeister. Es sei auch nicht davon auszugehen, dass sich an diesem Trend mittelfristig etwas ändern und damit die Kita günstiger gebaut werden könne.

Bad Camberg: Neue Kita in Erbach wird teurer

Eine rasche Entscheidung des Parlaments sei notwendig, um mögliche Zuschüsse nicht zu verlieren. 1,25 Millionen Euro stehen aus einem Bundesprogramm in Aussicht. "Das Förderprogramm endet am 15. Oktober. Der Antrag wurde bereits im September beim Landkreis eingereicht, von dort befürwortet und an das Regierungspräsidium weitergeleitet", so Vogel. Mit einer potenziellen Rücknahme der Ausschreibung und späterer Auftragsvergabe sei diese Förderung gefährdet. Außerdem könnte dann der avisierte Fertigstellungstermin zum Kindergartenjahr 2020/21 trotz zeitsparender Modulbauweise voraussichtlich nicht eingehalten werden. Die Kommunalaufsicht sei informiert und habe der Stadt signalisiert, die Genehmigung des Nachtrags zeitnah nach dessen Beschlussfassung (voraussichtlich am 30. Oktober) zu erteilen, damit der Auftrag zu den angebotenen Konditionen erteilt werden könne.

Bad Camberg: Kritik von CDU an Kita in Erbach

Die CDU-Fraktion werde sich der Zustimmung voraussichtlich nicht verschließen. "Wir stehen in Erbach im Wort", so der Fraktionsvorsitzende Daniel Rühl gestern im Gespräch mit dieser Zeitung. Allerdings: Die Christdemokraten erneuern ihre Kritik. Die Entscheidung, den Neubau nicht wie ursprünglich geplant in Zusammenarbeit mit der katholischen Kirche zu verwirklichen, sei nach wie vor ein Fehler. Einer, der sich jetzt finanziell noch viel stärker auswirke. 

Rühl: "Die Stadtverordnetenversammlung hat damals mehrheitlich eine für die Stadt wirtschaftlich schlechte Entscheidung getroffen." Die bereits fertiggestellte Planung der Kirche sei von rund 2,5 Millionen Euro Kosten ausgegangen. "Die gemeinsame Partnerschaft mit der katholischen Kirche wäre vorteilhaft gewesen."

Bad Camberg: Kita in Erbach sehr teuer

Dies auch mit Blick auf die Tatsache, dass die Stadt Bad Camberg, um am Investitionsprogramm der Hessenkasse teilzuhaben, ihre Kassenkredite von jetzt rund 2,5 Millionen Euro zum Jahresende auf Null senken will. Nur dann stünden ihr die in diesem Programm möglichen Zuschüsse des Landes zu. Die Zusammenarbeit mit der Kirche hätte hier Spielraum geschaffen, sagt Rühl: "Die katholische Kirche hätte die gesamten Baukosten in voller Höhe vorfinanziert und unter dem Strich 50 Prozent final getragen."

Der Neubau sei notwendig. Zu den jetzigen Konditionen müsse man sich aber auch fragen, zu welchen Lasten die Preissteigerung gehe, sprich: Was kann sich die Stadt dafür künftig nicht mehr leisten?

Bad Camberg: SPD nimmt Stellung zu Kita in Erbach

"Hier werden Äpfel mit Birnen verglichen", nimmt SPD-Fraktionsvorsitzender Jürgen Eufinger gegenüber unserer Zeitung Stellung. "Wir sind nicht begeistert, dass die Kosten so gestiegen sind." Dies auch deshalb, weil es die finanziellen Möglichkeiten der Stadt an anderer Stelle einschränke.

Allerdings habe es sich bei der Vorlage der katholischen Kirche von 2015 um eine Kostenschätzung in Höhe von 2,9 Millionen Euro gehandelt - "lediglich eine Schätzung, Angebote lagen da noch nicht vor", so Eufinger. Im Landkreis sei bei anderen Bauprojekten erkennbar, dass die Preise ähnlich lägen. Zum Thema Äpfel und Birnen: Die neue Planung der Stadt unterscheide sich erheblich von der der Kirche. So sei auf Wunsch der Erbacher eine große Selbstversorgerküche berücksichtigt worden, die Größe der Mehrzweckräume habe sich auf 120 Quadratmeter mehr als verdoppelt. Es gebe Intensivräume für jeden Gruppenraum und einen Bistro-Bereich. "Da unterscheidet sich einfach das Projekt. Erbach wird eine sehr, sehr gute Ausstattung haben. Das ist zukunftsweisend." Angesichts der geschätzten Bevölkerungsentwicklung mit Blick auf das Neubaugebiet und die jetzt schon starke Nachfrage sei erkennbar, dass dieser Bedarf bestehe.

Grüne in Bad Camberg: Besser ohne Kirche

Dieter Oelke, Fraktionsvorsitzender von Bündnis 90/Die Grünen, erklärt auf Anfrage dieser Zeitung: "Wir sind nach wie vor der Auffassung, dass es richtig ist, wenn die Stadt Träger des Kindergartens ist." Die katholische Kirche habe sich finanziell immer weiter zurückgezogen, wolle aber die Entscheidungsgewalt behalten. Das passe auch mit Blick auf die Bedeutung der Katholiken in der heutigen Gesellschaft nicht zusammen. "Kindergärten sollten kommunale Einrichtungen sein", so Oelke. Finanziell sei die unerwartete Kostensteigerung erheblich. "Doch wir sehen keine Alternative, leider."

Dass es Streit um den Kita-Neubau gibt, ist nichts Neues. Bereits Anfang 2019 bekamen sich Stadt und Kirche in die Wolle.

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