Flüchtlinge

Erst integrieren, dann abschieben?

Viele Unternehmen sind auch im Westerwald dem Appell gefolgt, Flüchtlinge in den Arbeitsmarkt einzugliedern. Oft hat das gut funktioniert. Doch was, wenn die neuen Mitarbeiter Deutschland verlassen müssen? Um dieses Thema geht es im November bei einem Diskussionsabend des Forums Soziale Gerechtigkeit.

Der Fachkräfte- und Arbeitskräftemangel entwickelt sich auch im Westerwald zu einem Risiko für die Entwicklung der Region. Unternehmen haben Zeit, Geld und Engagement investiert, um möglichst viele der seit 2015 in den Westerwald gekommenen Flüchtlinge in Arbeit zu integrieren. Darunter nicht nur Hilfskräfte, sondern auch dringend gesuchte Mitarbeiter mit Potenzial.

Wie die Initiative Forum Soziale Gerechtigkeit beobachtet, wächst nun der Unmut, Unternehmer fühlten sich im Stich gelassen: Denn zuerst wurde mit viel Aufwand integriert, dann sollen die Arbeitskräfte abgeschoben werden. Das Forum Soziale Gerechtigkeit lädt betroffene Unternehmen, Flüchtlingshelfer, Kommunen und weitere Interessenten zum „Westerwald-Dialog sozial“ am Dienstag, 13. November, ein, um über die Situation zu diskutieren. Dabei soll auch der mögliche „Spurwechsel“ für gut integrierte und arbeitswillige Migranten angesprochen werden. Sie sollen, so die Idee hinter „Spurwechsel“, auch im Falle nicht gegebener Asylgründe die Möglichkeit haben zu bleiben.

Organisationen und Behörden in der Region wie die Wohlfahrtsverbände, Bildungsträger sowie Industrie- und Handels- sowie Handwerkskammer haben sich engagiert, um die Hürden für eine schnelle Arbeitsmarktintegration zu senken. Sie hätten dabei die Erfahrung gemacht, so das Forum Soziale Gerechtigkeit, dass viele der jungen Leute motiviert und arbeitswillig sind. Dabei sei Integration auch sehr mühselig. Wenn sich Erfolge einstellten und die Betriebe nicht selten – mangels Alternativen auf dem heimischen Arbeitsmarkt – auf die neuen Mitarbeiter angewiesen seien, solle man ihnen auch eine Chance geben, im Betrieb weiterzuarbeiten.

Was aber tun mit den Asylbewerbern, die sich nicht integrieren wollen und die offensichtlich keine Asylgründe haben? Die müssen möglichst schnell in ihre Herkunftsländer zurückgeführt werden. Für die zuständigen Behörden ist es nach den Erfahrungen des Forums Soziale Gerechtigkeit aber häufig einfacher, gut integrierte Flüchtlinge abzuschieben: Diese gehen pünktlich zur Arbeit, anders als Integrationsverweigerer oder gar „Gefährder“.

Das Forum Soziale Gerechtigkeit nennt einige Beispiele von Asylbewerbern, die für ihre Betriebe in Westerwald wertvolle Arbeit leisten: Jamshid V. stammt aus dem Iran, ist 30 Jahre alt und macht zurzeit eine Ausbildung zum Fachlageristen bei der Firma Münz. Kürzlich hat er den Führerschein bestanden. Abbas S. (29) aus Pakistan macht gerade eine Ausbildung zum Elektriker bei der Firma Elektro Meuer in Stahlhofen. Der Betrieb hat schon 30 Jugendliche ausgebildet, den Pakistani bezeichnet die Geschäftsführung als einen der Besten. Ali N, ebenfalls aus Pakistan, ist bereits 39. Seine Leidenschaft ist das Backen, weshalb er in dem Beruf ohne Ausbildung bereits in seiner Heimat viele Jahre gearbeitet hat. In einer Bäckerei in der Verbandsgemeinde Montabaur ist er als fleißiger, zuverlässiger und immer gut gelaunter Mitarbeiter beliebt. „Was sollen wir nur ohne ihn machen?“, fragt sich der Bäckermeister, der sein Familienunternehmen gefährdet sieht, da er keine gleichwertige deutsche Arbeitskraft und keinen Auszubildenden findet. Doch Ali N.s Aufenthalt soll nach abgeschlossenem Asylverfahren beendet werden. Rechtlich nicht zu beanstanden, aber die Bäckerei möchte ihn unbedingt behalten. Der Pakistani selbst würde dort gerne noch zwei bis drei Jahre Geld verdienen, damit er seinen fünf Kindern Schule und Ausbildung finanzieren kann.

(red)

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