Stephan Engelhardt

Essen wie die Tiere im Wald

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Wenn er Hunger hat, geht er in der Natur spazieren, um Nahrung zu sammeln. Stephan Engelhardt (49) stellte vor Jahren seine Ernährung radikal auf Wildkräuter um.

Stephan Engelhardt hat ein ganz gewöhnliches Leben geführt und war bei verschiedenen Firmen im Frankfurter Raum erfolgreich als Informatiker tätig. Irgendwann hat der heute 49-Jährige aber derart mit Arthrose, Entzündungen und Dauerschmerzen im Knie zu kämpfen gehabt, dass ihm jeder Schritt wehtat und er kaum noch Treppen laufen konnte. Ärzte eröffneten ihm, dass er damit rechnen müsse, den Rest seines Lebens irgendwann im Rollstuhl zu verbringen. Ein Schock für den Oberselterser, der immer ein sportlicher Mensch und früher erfolgreicher Sprinter bei der LSG Goldener Grund in Niederselters war. Doch der erste Schock erwies sich für das weitere Leben des Bad Cambergers als Befreiung.

Stephan Engelhardt hatte keine Lust mehr auf die Schulmedizin und darauf, sich nur mit schmerzstillenden Spritzen vollpumpen zu lassen. Er recherchierte auf eigene Faust im Internet und in Fachbüchern, um Wege zu finden, seinen Gesundheitszustand zu verbessern. Doch all dies brachte ihn nicht richtig weiter. Daher machte er einen Selbstversuch und probierte es einfach mehrere Wochen mit fleischloser Kost. Plötzlich fühlte er sich körperlich wie neu geboren, und er hatte recht schnell keinerlei Schmerzen mehr. Als er einmal rückfällig wurde und sich ein saftiges Rumpsteak gönnte, kamen noch am selben Tag die alten Schmerzen wieder. Engelhardt nahm dies als Zeichen, sein Leben radikal zu verändern.

Vegetarier und Veganer gibt es ja mittlerweile schon viele in unserer Gesellschaft, doch der Oberselterser geht noch einen deutlichen Schritt weiter. Er setzt nicht auf Gemüse aus dem eigenen Garten, sondern holt sich seine Nahrung ausschließlich aus der Natur. Überwiegend besteht seine heutige Ernährung aus Wildkräutern, die nach seinen Angaben alle Inhaltsstoffe haben, die der Mensch für ein gesundes Leben braucht. Sein Essen ergänzt er lediglich um Obst, gekeimte Nüsse und Samen. Dabei sieht er seine Ernährungsweise keineswegs dogmatisch und isst gelegentlich auch Gemüse oder gekochtes Getreide, allerdings mit dem Wissen, dass das eher schwere Nahrung für ihn ist.

Stephan Engelhardt hat aber nicht nur seine Ernährung umgestellt, sondern sein ganzes Leben verändert. Denn für seine Gesundung war das stressige, bewegungsarme Büroleben in Frankfurt letztendlich Gift; folglich hat der Oberselterser seine neue Lebensphilosophie zu seinem Beruf gemacht und eine Naturschule eröffnet. Hier kann er seine Erfahrungen in Vorträgen, Seminaren und Exkursionen an andere Interessierte weitergeben. Wenn er Hunger verspürt, fährt er nicht in den nächsten Supermarkt, sondern geht in der Natur spazieren. Ganz alleine draußen in der Natur zu sein, sei sehr gut fürs eigene Wohlbefinden, weiß Engelhardt. Viele Menschen würden sicherlich denken, im Winter finde man dort nichts Essbares mehr, doch die Natur biete zu jeder Jahreszeit Nahrung genug, so Engelhardt. Selbst bei minus 20 Grad geht er raus, pflückt seine Pflanzen und trocknet sie daheim.

Viele Menschen werden kaum glauben, wie gut Löwenzahn, Brennnessel, Spitzwegerich, Giersch und Ringelblumenblüten schmecken können. Auch viele von Engelhardts Freunden sind skeptisch und können seine Einstellung zum Leben nicht nachvollziehen. Deshalb bleiben sie lieber bei Grillwurst zum Bier. Stephan Engelhardt sagt dazu, er sei kein Fanatiker und möchte sich nicht in das Leben anderer Menschen einmischen. Wenn jemand Tipps haben wolle, gebe er sie ihm aber gerne. Doch greife er niemanden an, der weiter Fleisch esse. Für sich selbst hat Stephan Engelhardt aber eine endgültige Entscheidung gefällt. Er möchte nichts mehr an seinem neuen Leben ändern, „denn ich fühle mich so fit wie nie und ich werde auch nicht mehr krank, seitdem ich meine Ernährung komplett verändert habe“.

Dass das Leben in unserer modernen Zivilisation nicht unbedingt gesund ist, sieht Engelhardt in seinem Umfeld. In fast jedem Haus lebe ein kranker Mensch. Vielen sei es egal, wenn ihr Körper Warnsignale gebe, dass ihr Leben nicht richtig sei. Sie gingen dann zum Arzt und ließen sich Pillen verschreiben. Ärzte behandelten häufig nur Symptome, nicht aber deren Ursachen. Patienten, die danach fragten, was falsch in ihrem Leben laufe, dass sie Probleme bekommen hätten, bekämen oft keine Antwort.

Für Engelhardt ist das der völlig falsche Ansatz. Für ihn ist neben der optimalen Ernährung ein ausgeglichenes Leben wichtig. Denn Stress und Ärger seien neben falscher Ernährung und wenig Bewegung für viele Wohlstandskrankheiten die Auslöser. Nachdem Engelhardt zunächst erfolglos an sich mehrere vegane Ernährungsformen getestet hatte, orientiert er sich heute an der Futtersuche der Wald-Tiere, die im Gegensatz zu vielen Menschen noch instinktiv wüssten, was gut für sie sei. Anfangs habe er Angst gehabt, mit Kräutern allein nicht satt zu werden oder auf die Dauer Mangelerscheinungen zu bekommen, verrät Engelhardt. Doch habe er eine dreijährige Kräuterausbildung absolviert, so dass er nach vielen Jahren der täglichen Ernährung aus der Natur nun wisse, dass die Wildkräuter und seine anderen Nahrungsmittel ihn jederzeit gut versorgten. Aus Löwenzahn, Gänseblümchen und Brennnesseln entsteht ein leckerer und reichhaltiger Salat. So habe eine Brennnessel beispielsweise 25 Mal mehr Vitamin C als ein Apfel. Er habe sich zur eigenen Beruhigung durch Blutuntersuchungen bestätigen lassen, dass ihm in seinem Körper nichts fehle, berichtet der 49-Jährige. Der Oberselterser sagt aber, dass jeder Mensch anders sei und selbst herausfinden müsse, was das Beste für ihn in Sachen Ernährung ist.

Anfängern im Wildkräuterbereich rät er, erst einmal mit bekannten Pflanzen beim Sammeln anzufangen, bei denen man sich absolut sicher sei. Die Wildkräuter über Bücher kennenzulernen, hat bei Stephan Engelhardt nicht funktioniert. Deshalb empfiehlt er, sich einen Wildkräuterexperten zu suchen, denn es gibt natürlich auch giftige Pflanzen in der Natur. Solides Grundwissen sei daher unbedingt notwendig.

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