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Pfarrer Sascha Jung vor seiner bisherigen Gemeindekirche St. Gallus in Flörsheim.

Lieber Kind als Kirche

Flörsheimer Priester steigt aus: So reagiert das Bistum Limburg

Pfarrer Sascha Jung träumt davon, eine Familie zu gründen. Deshalb verzichtet er auf seine Pfarrei Flörsheim und auf sein Amt als Pfarrverwalter für Hochheim.

Update, 14. März, 15: 14 Uhr: Auch das Bistum Limburg, in dem Jung als Pfarrer angestellt war, hat sich nun zu Wort gemeldet. Man "habe den Wunsch ernst genommen und Respekt davor", heißt es in einer schriftlichen Stellungnahme. "Bischof Dr. Georg Bätzing bete mit Sascha Jung." 

In den vergangenen fünf Jahren hätten sich im Bistum Limburg gegen das priesterliche Leben entschieden. "Als Grund dafür wurde jedoch nicht die zölibatäre Lebensform benannt", heißt es vonseiten des Bistums. Im Bezug auf die Abschaffung des Zölibats hält sich die Pressestelle mit einer klaren Positionierung zurück.

"Über die Abschaffung des Zölibats muss diskutiert und beraten werden", heißt es in der schriftlichen Mitteilung. "Eine Lösung nur auf Ebene des Bistums Limburg kann es in dieser Fragestellung nicht geben."  

Kolpingfamilie Main-Taunus stellt sich hinter Flörsheimer Priester    

Update, 14. März, 11 Uhr: Der Verzicht des jungen Pfarrers auf seinen Beruf, um eine Familie gründen zu können, wird heftig diskutiert. So hat sich die Kolpingfamilien, Bezirksverband Main-Taunus, jetzt zur Wort gemeldet. In seiner Jahreshauptversammlung fordert er nicht weniger. als die Abschaffung des Zölibats. 

Erstmeldung, 13. März: Flörsheim - Er ist ein Priester, wie ihn sich viele Katholiken wünschen. „Er ist offen, er ist ehrlich, kann Gefühle zeigen, steht für eine Kirche, die uns nichts vormacht“, beschreibt die Pfarrgemeinderatsvorsitzende Bettina Kilb-Fessler Flörsheims katholischen Pfarrer (43). Doch der will nun nicht länger so weitermachen wie bisher. 

Er hat Bischof Georg Bätzing um eine Beurlaubung vom Priesterlichen Dienst gebeten, weil er Zeit haben möchte, für sich zu klären, ob er diesen Dienst überhaupt weiter ausüben will und kann. Denn Jung ist seit seiner Diakonenweihe vor elf Jahren und der wenig später in Rom erfolgten Priesterweihe nicht klargekommen mit dem, was ihm seine Kirche als Lebensform abverlangt.

Zweifel am Zölibat: Pfarrer hat Familienwunsch

Er habe seinen Entschluss zur Weihe damals „mit bereitem Herzen getroffen“, hat der Pfarrer am Sonntag nach seinem letzten Gottesdienst in der Pfarrkirche St. Gallus den Gläubigen gesagt, doch in all den Jahren seitdem hätten ihn „auch Anfragen und Zweifel begleitet“. Er hat sich ihnen gestellt, nach Antworten gesucht. „Doch bei jeder Trauung, bei jeder Taufe“, sagt Jung im Gespräch mit dieser Zeitung, sei er im Grunde wieder konfrontiert gewesen mit der Frage nach der eigenen Lebensform.

 „Das hat er nie verborgen“, kann Bettina Kilb-Fessler nur bestätigen, dass Jung auch gegenüber den Gemeindemitgliedern offen seine Zerrissenheit thematisiert hat, aus ganzem Herzen Priester sein zu wollen und sich zugleich nicht mit der Einsamkeit abfinden zu können, die ihm das Zölibatsversprechen abverlangt.

Flörsheim: Pfarrer steigt aus und bittet Bischof um Auszeit

Sein Entschluss, den Bischof um eine Auszeit zu bitten, sei bereits im Dezember bei einem Insel-Urlaub gereift, sagt Jung. Nein, sagt er klar, eine konkrete Frau, die dahinter stehen könnte, gebe es nicht. „Ich werde auch nicht Vater, wie es in Flörsheim jetzt schon gleich manche wissen wollen“, setzt er lächelnd hinzu. Dass es auch Katholiken gibt, die ihn, längst nicht nur wegen seines Engagements in der Fastnacht, kritisch sehen und gern auch mal anonym angehen, ist lange bekannt.

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Sein Eindruck: „Du wirst ja gebraucht“, habe ihn lange abgehalten, dem eigenen Wunsch nach einer Auszeit nachzugeben. Das Zusammenwachsen der Flörsheimer Gemeinden zu einer Pfarrei, immer neue Verwaltungsaufgaben, die neue Anforderung als Pfarrverwalter im benachbarten Hochheim – all das ließ ihn zögern, ihn aber auch fragen, was da noch übrig bleibe für seine eigentliche Berufung, Seelsorger zu sein.

Jung träumt von einer modernen Kirche.

Zu schaffen machte Jung dazu aber auch noch die Situation der katholischen Kirche insgesamt, zumal je mehr das Ausmaß von Missbrauch sich zeigte. „Ich habe wirklich unter der Kirche gelitten“, sagt Jung. Geschämt habe er sich für sie, „für das, was da passiert ist. Dafür fand ich wirklich keine Worte.“ Und: „Das hat in mir noch das Gefühl verstärkt: Mensch, Du musst erst mal bei Dir aufräumen.“

Pfarrer geht es gut mit Entscheidung - Gespräch mit Bätzing

Zugleich habe er mehr Distanz zur Kirche und zum Priestersein für sich gewollt. „Ein Gemeindemitglied kann als Reaktion mal ein paar Wochen nicht in den Gottesdienst gehen. Das geht bei mir nicht“, sagt Jung. In Bischof Georg Bätzing, mit dem er im Januar das Gespräch suchte, sei er „auf einen sehr verständnisvollen Menschen gestoßen“. Ihm selbst gehe es nun „gut mit der Entscheidung“. Auf seine Pfarrei Flörsheim hat Jung verzichtet, seit gestern ist er zudem auch kein Pfarrverwalter für Hochheim mehr. Das Bistum hat den Ruheständler Pfarrer Franz Lomberg zum Pfarrverwalter bestimmt. Die Pfarrstelle, die künftig die Flörsheimer und Hochheimer Pfarrei umfassen wird, ist ausgeschrieben und soll zum 1. September neu besetzt werden.

Flörsheim: Pfarrer träumt von moderner Kirchenform

Und Jung? Er wird in einigen Tagen aus der Pfarrer-Wohnung in Flörsheim ausziehen, anderswohin. Im Recollectio-Haus der Benediktiner in Münsterschwarzach will er sich über seine Situation klarer werden. Ob er künftig noch Priester sein wird, weiß er heute noch nicht. Sein Traum von Kirche? „Eine, in der ich verheiratet bin, Kinder haben kann, wo es nicht geweihte Menschen gibt, die in Amt und Würden stehen und die wirklich frei das Evangelium so vorlebt, dass es keine Beanstandungsgründe gibt, mit Weltzugewandheit und Modernität.“ Ein Wechsel zur evangelischen Kirche ist für ihn keine Option. Dazu sei er zu tief im Katholischen verwurzelt, sagt Jung. Und er hofft, dass seine Entscheidung auch ein Zeichen ist an die Kirchenoberen wie an die Gemeinden. „Dass es etwas bewegt und sich an den Strukturen etwas verändert.“ Er selbst will solange aber nicht mehr warten.

von Barbara Schmidt

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