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Gas und Strom werden drastisch teurer

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Von: Stefan Dickmann, Rolf Goeckel, Tobias Ketter

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Bange Blicke auf den Gaszähler werden sicherlich immer häufiger, weil die Preise massiv erhöht werden.
Bange Blicke auf den Gaszähler werden sicherlich immer häufiger, weil die Preise massiv erhöht werden. © epd

Verbraucher müssen mindestens mit einer Verdoppelung rechnen

Limburg-Weilburg/Diez -Es war still im Haupt- und Finanzausschuss der Stadt Limburg, als der Bürgermeister und Aufsichtratsvorsitzende der Energieversorgung Limburg (EVL), Dr. Marius Hahn (SPD), diese Zahlen nannte: Mit einer Mehrbelastung von 4000 bis 5000 Euro müsse eine vierköpfige Familie mit einem durchschnittlichen Verbrauch an Gas und Strom als Kunde der EVL im kommenden Jahr rechnen. Später erklärte der Abteilungsleiter Vertrieb der EVL, Marco Stingl, es werde eher auf rund 4000 Euro im kommenden Jahr hinauslaufen, aber das machte den Schock auch nicht kleiner.

Diese historisch einmaligen Preissteigerungen werden in ungefähr gleicher Größenordnung auf alle Verbraucher in der Region zukommen. Während die EVL und die Stadtwerke Weilburg schon ungefähre Zahlen nennen, hält sich der Energieversorger Süwag noch zurück, aber auch hier ist die Botschaft klar: „Mit Blick auf Anfang des Jahres 2023 ist zu erwarten, dass weitere Belastungen auf unsere Kunden zukommen“, teilt eine Unternehmenssprecherin in Frankfurt auf Anfrage mit. Den Kunden werde deshalb empfohlen, „vorzusorgen und ihre Abschlagszahlungen zu überprüfen und gegebenenfalls zu erhöhen“. Damit könnten mögliche Nachzahlungen in den nächsten Jahresrechnungen verhindert oder zumindest abgemildert werden.

Monatliche Mehrkosten von 300 bis 400 Euro

Auf Nachfrage dieser Zeitung erklärte Stingl, die EVL rechne mit einer monatlichen Mehrbelastung ihrer Kunden, die sowohl Gas als auch Strom beziehen, von 300 bis 400 Euro, bei einem durchschnittlichen Verbrauch von 20 000 Kilowattstunden bei Gas und 3000 Kilowattstunden bei Strom. Einsparungen durch einen geringeren Verbrauch seien dabei jedoch nicht berücksichtigt worden. Das heißt, wer weniger heizt, wer nicht mehr in die Badewanne geht, kürzer duscht und seine Stromverbrauch reduziert, kann diese enorme Preissteigerung zumindest ein Stück weit reduzieren.

Wie ernst die Lage ist, zeigt sich auch daran, dass die EVL noch vor der Aufsichtratssitzung Mitte Oktober schon grob die Preise nennt, die vom 1. Januar an gelten werden (alle genannten Preise sind Bruttopreise inklusive Mehrwertsteuer): Der seit dem 1. Juli geltende Basispreis beim Strom in der Grundversorgung für Bestandskunden wird sich von mehr als 29 Cent pro Kilowattstunde Strom auf 50 Cent bis 55 Cent verteuern, erklärt Stingl, also eine Preissteigerung von etwa 80 Prozent. Auch die Produktpreise (bei einer längerfristigen Bindung) werden deutlich teurer, gleichwohl aber noch unter dem Basispreis liegen.

Noch drastischer sieht es beim Erdgas aus: Der seit 1. Juni geltende Arbeitspreis der EVL im Basistarif von knapp unter neun Cent (bei einem Verbrauch von mindestens 11 000 Kilowattstunden im Jahr) werde vom 1. Januar an zwischen 20 Cent und 25 Cent liegen; darin enthalten sind bereits die drei derzeit noch vorgeschriebenen Umlagen in Höhe von 4,5 Cent. Das wäre dann sogar insgesamt eine Preissteigerung von etwa 150 Prozent.

Versorger befürchten mehr Zahlungsausfälle

Zum 1. November werde sich der Gaspreis für die Bestandskunden der Stadtwerke Weilburg etwa verdoppeln, sagt Geschäftsführer Jörg Korschinsky. Man habe die Kunden bereits angeschrieben und über die Erhöhung informiert. Ein Haushalt, der den Standardtarif nutze und einen normalen Verbrauch habe, müsse mit rund 150 Euro Mehrkosten pro Monat rechnen. Die neuen Preise seien zunächst bis zum 31. März des kommenden Jahres gültig.

Auch beim Strom drohen den Menschen deutlich höhere Kosten. Um dies abzufedern, hat der Geschäftsführer der Stadtwerke in Weilburg einen Rat: Er empfiehlt Bestandskunden, welche der Tarifgruppe Grund- und Ersatz-Versorgung angehören, einen Wechsel in die günstigere „Bürgernah-Preisregelung“. Dieser Tarif bewege sich auf einem ähnlichen Kosten-Niveau wie die Grundversorgung vor der aktuellen Preiserhöhung.

Die Politik und die Gesellschaft sollten jetzt Strategien entwickeln, um durch die „Hochpreisphase“ zu kommen. „Wir müssen neue Wege gehen, neue Ideen entwickeln und nach vorne schauen“, betont der Geschäftsführer der Stadtwerke.

Korschinsky geht aufgrund der „Hochpreisphase“ davon aus, dass sich die Zahlungsausfälle bei den Stadtwerken Weilburg verzehnfachen werden. „Wenn zahlungsunfähige Kunden uns kontaktieren, gibt es Möglichkeiten, um das Problem zu lösen. Wir bieten dann Ratenzahlungen an“, sagt der Versorger-Chef. Damit die Stadtwerke durch die Zahlungsausfälle nicht in finanzielle Not geraten, sei ein „Schutzschirm“ eine sinnvolle Lösung.

Auch die EVL in Limburg rechnet mit höheren Zahlungsausfällen, sollten Kunden ihre Rechnungen gar nicht oder nur noch zum Teil bezahlen können, nennt auf Anfrage aber keine Größenordnung. Das Gleiche gilt für die Süwag: „Zahlungsfähige Kunden sind die Grundlage unseres Geschäftsmodells“, erklärt eine Unternehmenssprecherin. „Wie groß die wirtschaftlichen Folgen jedoch sein werden, wird letztendlich stark von der Höhe der Zahlungsausfälle und weiteren politischen Entscheidungen abhängig sein.“

Und wie steht Korschinsky zur Gas-Umlage, an der wohl trotz der Verstaatlichung des Energiekonzerns Uniper zumindest zunächst festgehalten wird? „Es ist eine nötige Maßnahme, um durch den Winter zu kommen und die Versorgung sicherzustellen“, sagt er. „Die Bürger müssen bedenken, dass durch die Umlage nur ein Teil der Kosten abgedeckt wird und sie auch dabei helfen soll, dass in den Haushalten vermehrt Energie gespart wird.“

Der Geschäftsführer der Stadtwerke Diez, Peter Keßler, sieht sich derzeit außerstande, eine genaue Prognose zu den Gaspreisen ab 1. Januar 2023 abzugeben. Sicher sei nur, dass für die Bestandskunden für das Jahr 2023 noch Sonderkonditionen von langfristigen Lieferverträgen gelten, die die Stadtwerke in der Vergangenheit abgeschlossen hätten. Erst im Jahr 2024 müssten auch die Alt-Kunden mit Preisanpassungen rechnen, so Keßler. Anders sehe es bei Gas-Neukunden aus, die in die Pflichtversorgung der Stadtwerke Diez fallen. Keßler nennt ein Beispiel: Für 20 000 Kilowattstunden - der durchschnittliche Jahresverbrauch einer vierköpfigen Familie - zahlen sie nach jetzigem Stand 6000 Euro pro Jahr. Denn das Gas für diese Kunden muss zu den derzeit gültigen Konditionen eingekauft werden. Zum Vergleich: Bestandskunden zahlen für dieselbe Gasmenge gut 1700 Euro jährlich.

Neukunden haben es derzeit sehr schwer

Die Stromkunden der Diezer Stadtwerke müssen zum 1. Januar 2023 auf jeden Fall mit einer Erhöhung rechnen, kündigte Keßler an. Wie hoch diese ausfällt, werde im November vom Aufsichtsrat festgelegt. „Bei einem Strompreis von zurzeit 25 Cent pro Kilowattstunde muss auf jeden Fall etwas passieren“, sagt Keßler. Aktuell betragen die Einkaufskosten 60 Cent pro Kilowattstunde, so der Geschäftsführer. Im August waren es zeitweise sogar 1,16 Euro in der Spitze. Weil die Stadtwerke ihren Strom jedoch in Etappen einkaufen, dürfte der Preis nicht sofort auf solche Höhen steigen, erklärt Peter Keßler. Neukunden nehmen die Stadtwerke Diez derzeit nicht auf, weil das Unternehmen kein Grundversorger ist. dick/goe/tob

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