Zweiter Weltkrieg

Geht nach Hause!

Vielleicht hat Bernhard Kurz aus Kirberg sein Leben einer kurzen Begegnung zu verdanken und der Aufforderung eines erfahrenen Feldwebels: „Macht, dass Ihr nach Hause kommt.“

Bernhard Kurz war zu diesem Zeitpunkt auf dem Weg an die Front, die der Heimat immer näher kam. Er gehörte zur „Panzervernichtungsbrigade Hessen-Nassau“. Was sich nach einer militärischen Einheit beziehungsweise Formation anhört, war in den Tagen, in denen sich die alte Ordnung in kompletter Auflösung befand, jedoch alles andere als eine schlagkräftige Einheit. Es waren vor allem Jungs, Angehörige der Hitler-Jugend, die unter diesem Begriff zum „Endsieg“ antraten.

Wie Bernhard Kurz, geboren am 4. Mai 1929, schildert, waren die Vertreter der Hitler-Jugend zuvor in einem Hof in Kirberg zusammen- gerufen worden. Von dort aus sollte zu einem Sammelpunkt gefahren werden, um für den Endsieg zu kämpfen. Als Waffe wurde vor allem auf die Panzerfaust gesetzt. Und mit der Panzerfaust wussten die Jugendlichen durchaus umzugehen, das hatten sie zuvor schon vermittelt bekommen.

Die Jugendlichen kamen in ihren Uniformen zu dem Treffpunkt. Und als sie den Lastwagen besteigen wollten, schreibt Kurz auch in seinem Beitrag zum Kirberger Heimatbuch, kam der Arzt des Ortes hinzu und holte seinen Sohn wieder ab. Und zu Bernhard Kurz kam er auch, der war nämlich Führer der HJ und trug eine entsprechende grün-weiße Führerschnur und Schulterklappen. Die riss der Arzt ihm ab und sagte noch: „Wenn Dich die Amerikaner so sehen, wirst Du gleich erschossen. Am besten wäre es, Ihr würdet alle daheim bleiben“.

Aber von den jungen Männern glaubten die meisten noch an den Endsieg, räumt Kurz ein. Also wurde der Lastwagen bestiegen und auf ihm fuhren sie in ein Waldstück bei Bad Camberg. Dort sollte die Einheit zusammengestellt werden.

Von dem Sammelpunkt ging es zu Fuß in Richtung Weiltal. „Da ich als HJ-Führer nicht in Reih und Glied marschieren musste, sondern nebenher gehen konnte, unterhielt ich mich mit dem uns begleitenden Soldaten, einem verwundeten Panzer-Feldwebel mit einer Beinprothese“, so Kurz. Es gab noch weitere Gespräche, zum Beispiel mit einer Besatzung eines Panzers, der mit Kettenschaden am Straßenrand stand. Einer der Soldaten fragte den Jugendlichen aus Kirberg, wo es hingehen soll. Und Kurz antwortete voller Stolz: „Wir sind die Panzervernichtungsbrigade Hessen-Nassau und wir werden jetzt irgendwo bewaffnet, um eingesetzt zu werden“. Als Antwort bekam Kurz dann zu hören, dass er und die anderen der Gruppe zusehen sollten, nach Hause zu kommen. Und der Feldwebel, der ihm den Rat gab, schob noch hinterher, dass die amerikanischen Panzer schon zwischen Nastätten und Katzenelnbogen unterwegs seien, der Krieg sowieso verloren sei und keiner mehr die amerikanischen Panzer aufhalten könne. „Erst jetzt glaubte auch ich nicht mehr an den Endsieg“, beschreibt Bernhard Kurz seinen Erkenntnisprozess. Und der hatte Folgen. „In der kommenden Nacht türmten alle, die aus unserer Gegend waren“, so Kurz. Der Weg zurück wurde mit Hilfe von Landwirten in Angriff genommen, die die jungen Männer auf ihren Gespannen mit nach Walsdorf nahmen. Am frühen Morgen ging es für die Fahnenflüchtigen dann weiter in Richtung Heimat.

In der folgenden Nacht waren die jungen Männer schon zu Hause in Kirberg, als noch einmal mit Handsirenen Alarm gegeben wurde. Alle noch wehrfähigen Männer, die noch oder schon zu Hause waren, sollten sich einfinden. Doch der Alarm verfehlte sein Ziel, nach der Erinnerung von Bernhard Kurz kam niemand mehr. Nur die Persönlichkeiten der Partei oder der SA kamen noch zusammen, blieben aber unter sich und flüchteten.

Am nächsten Morgen ging Bernhard Kurz mit anderen jungen Leuten, die ebenfalls erst am Vortag heimgekommen waren, auf die Burg. Dort hatten sich zuvor stets Kriegsgefangene befunden, doch von denen war niemand mehr da. Von der Burg aus wollten die jungen Männer Blick auf die Panzer der US-Armee nehmen, die entweder aus Richtung Limburg oder von Hahnstätten kommend sich dem Ort näherten. Von dem Bediensteten der Gemeinde hatten sie den Auftrag erhalten, sofort die weiße Fahne zu hissen, wenn der erste Panzer zu sehen ist.

Die ersten Panzer kamen über die Kaltenholzhäuser Straße angefahren. „Wir hissten die weiße Fahne und machten, dass wir auf dem schnellsten Weg nach Hause kamen“, so Kurz. Die Panzer kamen auch am Wohnhaus der Familie Kurz vorbei. Die Familie hatte, so schreibt es Kurz, in den letzten Kriegstagen eine so genannte Halbjüdin aufgenommen, die sich verstecken musste. Die Frau hatte einige Jahre in Amerika gelebt und sprach so gut Englisch, dass sie sich mit den Soldaten unterhalten konnte. Die Soldaten seien sehr freundlich gewesen und die Nachbarin habe ihnen eine Schüssel mit rohen Hühnereiern angeboten. Die Soldaten nahmen die Eier und bedankten sich mit Schokolade und Zigaretten, erinnert sich Kurz. Es sei kein einziger Schuss bei der Einnahme von Kirberg gefallen. jl

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