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„Nur in der Not gut genug“: Beliebte Kinderbetreuerin muss gehen

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Von: Sabine Rauch

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Karin Slokker arbeitet gerne mit Kindern. In Zeiten der Pandemie war das auch dringend erwünscht, jetzt ist das nicht mehr so einfach - denn sie hat nicht die geforderte Ausbildung.
Karin Slokker arbeitet gerne mit Kindern in Limburg. In Zeiten der Pandemie war das auch dringend erwünscht, jetzt ist das nicht mehr so einfach - denn sie hat nicht die geforderte Ausbildung. © Privat

Während der Corona-Pandemie stellen Kitas in Limburg ungelernte Mitarbeiter ein – die verlieren jetzt ihren Job. Ämter und Träger weisen die Schuld zurück.

Limburg-Weilburg – Am Ende sind alle unglücklich. Die Kindergarten-Chefin, weil sie eine geschätzte Mitarbeiterin verloren hat, die Kinder, weil sie ihre Karin nicht mehr haben, die Eltern, weil ihre Kinder wieder eine neue Bezugsperson bekommen und Karin Slokker, weil sie jetzt arbeitslos ist. Fast ein Jahr lang hat sie die Mädchen und Jungen in der Sterngruppe der Theodor-Fliedner-Tagesstätte in Niederhadamar betreut. Dass sie das gut gemacht hat, bezweifelt niemand.

In den Zeiten, in denen die Verordnung zum Schutz der Bevölkerung vor Infektionen mit dem Coronavirus (kurz: Coronavirus-Schutzverordnung oder auch CoSchuV) galt, offenbar auch gut genug für die Behörden. Aber die Zeiten sind vorbei. Und damit auch die Zeiten, in denen Frauen wie Karin Slokker in Kitas einfach so mit Kindern arbeiten dürfen. Denn sie hat zwar jede Menge Erfahrung, aber nicht das richtige Zertifikat. In CoSchuV-Zeiten hatte danach niemand gefragt, jetzt aber schon. Dabei sind Fachkräfte mit dem passenden Abschluss noch immer Mangelware.

Karin Slokker muss sich was anderes suchen. Das Arbeitsamt habe ihr einen Job in der Altenbetreuung angeboten, dafür reiche ein Lehrgang. „Aber ich möchte weiter mit Kindern arbeiten“, sagt Karin Slokker. So wie in den vergangenen 19 Jahren, erst in der pädagogischen Mittagsbetreuung von Grundschülern, dann in der Hausaufgabenbetreuung und seit März 2021 in der Kita. Natürlich habe man ihr gleich gesagt, dass das nur mit einer Ausnahmegenehmigung möglich sei und immer nur mit befristeten Verträgen, sagt Karin Slokker.

Not in Kita groß: Kindergartenmitarbeiterin aus Limburg darf trotzdem nicht bleiben

Aber enttäuscht ist sie trotzdem, weil sie in der Not gut genug war und sich jetzt alle auf die Vorgaben berufen und ihr vorschlagen, doch eine Ausbildung zur Erzieherin oder Sozialassistentin zu machen. Mit 60 Jahren. Für eine Weiterbildung sei sie nicht qualifiziert genug, habe man ihr mitgeteilt, da zähle die Berufserfahrung nichts, schließlich sei sie nur gelernte Bürokauffrau. Dabei sei die Not in den Kitas doch immer noch groß.

Das weiß auch das Jugendamt des Landkreises Limburg-Weilburg. Die Mitarbeiter dort waren zuständig für die Ausnahmegenehmigungen. Und sie hätten sich auch schon ans Hessische Sozialministerium gewandt und die Situation kritisiert, sagt Jan Kieserg, der Sprecher des Landkreises. Schließlich ist Karin Slokker nicht die Einzige, die Ende April ihren Job verloren hat. Insgesamt 17 Personen seien aufgrund der Ausnahmeregelung der COSchuV beschäftigt worden – bei neun Trägern. „Davon konnte nur eine Person aufgrund der fachlichen Voraussetzungen auf den Mindestpersonalbedarf angerechnet werden.“ Alle anderen mussten sich etwas Neues suchen, obwohl sie dringend gebraucht werden.

Das habe der Kreis auch dem Landtag mitgeteilt, sagt Jan Kieserg. „Die Kritik wurde insbesondere mit den weiterhin vorhandenen coronabedingten Einschränkungen in der Kindertagesbetreuung (insbesondere bei fortgesetztem Ausfall von Personal) und nun zusätzlich auch mit den Auswirkungen des Krieges in der Ukraine begründet.“ Bei der Kindertagesbetreuung könnten die Jugendämter auf die Auswirkungen des Ukraine-Krieges reagieren, zum Beispiel, in dem sie die Gruppen erweitern und zusätzliche Kinder aufnehmen, „hinsichtlich des Personals sind Ausnahmeregelungen jedoch nicht mehr vorgesehen“.

Kita-Träger in Limburg ist hilflos: Unterschriftenaktion ohne Erfolg

So ähnlich formuliert es auch Kerstin Vollmerhausen, Geschäftsführerin der Gemeindeübergreifenden Trägerschaft (GÜT) Kindertagesstätten des Evangelischen Dekanats an der Lahn, zu der die Theodor-Fliedner-Kita gehört. Sie habe aufgrund der Rechtsgrundlage keine Möglichkeit, Karin Slokker weiter zu beschäftigen, heißt es in einem Brief an die Eltern. „Leider sehe ich keine andere Handlungsmöglichkeit.“

Mit einer Unterschriftenaktion hatten Kita-Eltern versucht, die GÜT dazu zu bewegen, Karin Slokker weiter zu beschäftigen. „Es muss doch Mittel und Wege geben, eine Mitarbeiterin zu halten, mit der alle glücklich sind, weil sie so engagiert und empathisch ist“, sagt Nadine Schreiber, eine Sterngruppen-Mutter. Und die gibt es offenbar durchaus, allerdings nur zusätzlich.

Karin Slokker könne auch weiterhin über den personellen Mindestbedarf hinaus als unterstützende Kraft in einer Kindertagesstätte eingesetzt, aber nicht auf den Fachkraftschlüssel angerechnet werden, sagt Jan Kieserg. Es sei Sache des Trägers, entsprechende Fortbildungen anzubieten, um Karin Slokker zumindest in Zukunft nach den Vorgaben des Hessischen Kinder- und Jugendhilfegesetzbuchs einsetzen zu können. „Darauf hat unser Amt für Jugend, Schule und Familie den Träger hingewiesen und ihn diesbezüglich auch beraten.“

Streit um Kitamitarbeiterin in Limburg: Amt und Träger schieben sich Schuld gegenseitig zu

Und noch mehr: „Im Rahmen der Fachaufsicht hat unser Amt für Jugend, Schule und Familie über diesen gesetzlichen Rahmen eine weitere Beschäftigung bis zum Ende des aktuellen Kindergartenjahres befürwortet“, erklärt Jan Kieserg. Das Amt habe auch eine weitere perspektivische Regelung nicht ausgeschlossen.

Nadine Schreiber formuliert es so: „Es kann doch nicht sein, dass eine Kirche keine Chance hat, so jemanden noch ein paar Jahre zu beschäftigen.“ Doch, das sei so, sagt Dekan Ulrich Reichard, Chef des Evangelischen Dekanats an der Lahn und damit auch Chef der GÜT. Die Pandemie habe Türen geöffnet, die mit Abklingen der Pandemie wieder geschlossen worden sind. „Nicht von uns, sondern von den für die Genehmigung eines solchen Einsatzes zuständigen Ämtern.“

Die GÜT-Geschäftsführung habe die Situation „fürsorglich und sehr verantwortlich zusammen mit Frau Slokker“ erörtert und auch über eine nachträgliche Qualifizierung gesprochen. Das habe Karin Slokker aber abgelehnt, „wofür man Verständnis haben muss“. Nadine Schreiber ist die Einzige, die offen sagt, dass ihr das Verständnis fehlt: „Wo bleiben denn da die Nächstenliebe und die Fürsorgepflicht?“ (Sabine Rauch)

Neben Mitarbeiterinnen fehlt es auch an Räumen für die Kita-Kinder. In Limburg steht nun die Frage im Raum, wann die neue Kita kommen soll.

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