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Die richtige Schräglage in den Kurven kann man üben. Mit diesem aufgerüsteten Motorrad etwa lässt sich ausprobieren, wie die Neigung des Fahrers sein muss.

Unfall-Präventionstag für Motorradfahrer

Die Grenzen der Freiheit

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Acht Menschen starben im vergangenen Jahr bei Motorradunfällen im Gelbachtal. Für die Polizei aus Montabaur und Bad Ems war das Anlass, in dieser Biker-Saison einen Unfall-Präventionstag zu veranstalten.

Für diese Situation müsste man eine dritte Hand haben, die wie ein sanft geschwungener Löffel Nacken und Kopf des Verunglückten hält, während die beiden anderen der Person sehr behutsam den Helm vom Kopf ziehen. „Der Schädel darf nicht auf den Boden knallen“, sagt Rettungssanitäter Wolfgang Zollmann, beugt sich zum Unfallopfer, stellt fest, dass es bewusstlos ist und erklärt sehr sachlich, dass jetzt der Atem kontrolliert und gegebenenfalls mit den Wiederbelebungsmaßnahmen begonnen werden müsste – wenn es sich hier um einen Menschen statt einer Puppe handeln würde. Wolfgang Zollmann und seine Kollegen vom Deutschen Roten Kreuz zeigen an diesem ersten Unfall-Präventionstag für Motorradfahrer im Geldbachtal, wie die erste Hilfe am Unfallort funktioniert.

Aber gerade um die Vermeidung von Motorradunfällen soll es bei dieser Aktion gehen, betont Volker Schmidt, Kriminaldirektor der Polizeidirektion Montabaur, bei seiner Begrüßung auf dem Gelände eines alten Wirtschaftsbetriebs im Gelbachtal. Motorradfahren sei 20-mal gefährlicher als Autofahren, sagt er. Es gebe jede Menge Gefahrenquellen. Etwa wenn die Reifen abgefahren sind, weshalb er kleine Profiltiefe-Messeleisten verteilt – „zur Selbstkontrolle“.

Gefährlich wird es Schmidt zufolge aber auch, wenn „der Sound mitfährt“, an den Maschinen also so herumgebastelt wurde. Da müsse man auch an die Lärmbelästigung für Anwohner denken, ergänzt Olaf Urban von der Polizeidirektion Bad Ems. 300 bis 400 Motorräder knattern während der Sommermonate täglich durchs Gelbachtal. Für viele Biker muss Motorradfahren laut und schnell sein.

Eine weitere Präventionsmöglichkeit ist zum Beispiel das Schräglagen-Training, wie es Heiko Brandt anbietet. Er hat eine Schräglagen-Trainingsmaschine, ein Motorrad, das aussieht als habe es Flügel, zum Präventionstag mitgebracht. Viele Unfälle ließen sich vermeiden, wenn der Fahrer in den Kurven eine Schräglage von 20 Grad einhalte, erläutert er. Besonders gefährlich seien die Rechtskurven, „weil man da in den Gegenverkehr reinrast“.

Allenfalls theoretisch ausprobieren sollte man dagegen die Wirkung einer Alkoholfahrt, die Polizist Thomas Schrupp mit einem Verkehrssimulator demonstrierte. Konzentration und Reaktionsvermögen schwinden, der Blickwinkel wird eingeschränkt. Patrik Schlemmer aus Großholbach, der mit seinem Sohn auf einem großen Motorrad zum Aktionstag gekommen ist, will es wissen. Den Genuss von einer Flasche Wein soll der Computer simulieren. Schlemmer fährt, schlingert und kracht in ein anderes Auto. Die Fahrt ist schnell vorbei.

Nein, im wirklichen Fahrerleben hatte er noch keinen Unfall, sagt Schlemmer. Auch an einem Unfallort eingreifen und erste Hilfe leisten, musste er noch nicht. „Gott sei Dank!“ Auch Karsten Feldner aus Frickhofen ist das bislang erspart geblieben. Seit 30 Jahren ist er Hobby-Biker, fährt in seiner freien Zeit „ein bisschen durch die Gegend“ und manchmal auch etwas weiter weg. Zuletzt ist er mit seiner Maschine durch die Alpen gekreuzt.

Dass ihm noch nie etwas passiert sei, liege wohl auch an den Fahrsicherheitstrainings, die er absolviert habe. „Die sind effektiv“, und „die sollte eigentlich jeder machen“, sagt er, schwingt sich auf sein schwarz-gelbes Motorrad und braust auf und davon.

Motorradfahren ist Freiheit. Davon spricht auch Pfarrer Axel Wengenroth, der – stilecht – mit seiner Maschine gekommen ist und an diesem Vormittag einen kurzen Biker-Gottesdienst feiert. Wer aber mit dieser Freiheit nicht sorgsam umgehe, könne rasch ausgebremst werden. Denn die Gesetze der Physik gelten für jeden, mahnt er.

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