Paul und Nadja Norkowski aus Niederhadamar suchen einen Kindergartenplatz für ihren schwerbehinderten Sohn Philipp - in der selben Kita, in die sein Zwillingsbruder Erik geht.

Fachkraft fehlt

Kita nimmt schwerbehinderten Jungen nicht auf - Eltern sehen Diskriminierung

Eine junge Familie aus Niederhadamar will ihr dreijähriges schwerbehindertes Kind im Kindergarten betreuen lassen. Einen Kita-Platz hat der Junge auch. Aufgenommen werden kann er allerdings erst, wenn die Einrichtung eine Integrationsfachkraft hat. Die Eltern halten das für Diskriminierung.

Hadamar - Paul und Nadja Norkowski wollen das für ihre Kinder, was sich alle Eltern wünschen: Dass der Start ins Leben gelingt - auch wenn dieser Start so schwer ist wie bei ihrem Sohn Philipp, der im Mai 2016 mit schweren körperlichen und geistigen Behinderungen zur Welt kam. Trotzdem soll Philipp wie sein gesunder Zwillingsbruder Erik an einem normalen Leben teilhaben und einen Kindergarten besuchen. Dafür kämpfen die Eltern, allerdings mit wachsender Verzweiflung und mit allen Mitteln. Auf Verständnis stoßen sie dabei nicht überall. Aber der Reihe nach.

Kurz vor der Geburt der Jungen im Mai 2016 wurde bei Nadja Norkowski das äußerst seltene Fetofetale Transfusionssyndrom (FFTS) diagnostiziert, das bei eineiigen Zwillingen zu schwerwiegenden Durchblutungs- und Ernährungsstörungen führen kann. Untersuchungen in den ersten Lebenstagen erhärteten die Befürchtung. Philipp ist stark entwicklungsverzögert, hat motorische Defizite, wird nicht sprechen oder laufen können und ist blind. Seinem Bruder Erik fehlt nichts.

Schwerbehinderter Philipp: Plätze beantragt

Die Eltern wussten, dass es schwierig werden würde, den Alltag mit den Zwillingen zu stemmen. Aber sie nahmen die Herausforderung an und begannen bereits im Spätherbst 2017, sich um einen Kindergartenplatz in Hadamar zu bemühen. Ohne Erfolg. "Auch zu Kitas in Elz und Limburg hatten wir Kontakt, jedoch nehmen Elzer Kitas nur Elzer Kinder auf und Limburger Kitas nur Limburger Kinder, auch die integrative Kita am Schafsberg", sagt Paul Norkowski. Die Sorge der Eltern um eine adäquate Betreuung der Kinder stieg. Im Sommer 2018 wandte sich die Familie an die Stadt Hadamar und beantragte zwei Kita-Plätze ab Mai 2019, wenn die Söhne drei Jahre alt sein würden.

Der für die Kita-Verwaltung zuständige Sachbearbeiter Klaus Steinebach schaltete sich ein und vermittelte der Familie zwei Ü3-Plätze im Kindergarten St. Peter in Niederzeuzheim. Dessen Leiter Philipp Homberg sagt: "Wir wollen beide Kinder gerne betreuen." Das Team sei sich einig, "wir trauen uns das zu". Voraussetzung sei allerdings eine zusätzliche Integrationskraft für die Kita, "weil bei uns bereits zwei weitere Integrationsmaßnahmen laufen".

Die Stelle einer professionellen Integrationskraft mit heilpädagogischer oder heilerzieherischer Ausbildung wurde ausgeschrieben. Der Plan von Kita, Stadt, Jugendamt und Integrationsfachdienst war, kurzfristig einen Fachmann oder eine Fachfrau einzustellen. Tatsächlich ging aber nur Erik unmittelbar nach seinem Geburtstag in den Kindergarten. Philipp nicht. Denn trotz verstärkter Anstrengungen fand sich keine Integrationskraft.

Das wollen Paul und Nadja Narkowski nicht hinnehmen. Die Elternzeit für seine Frau sei inzwischen abgelaufen, berichtet der 32-jährige Familienvater, und "konnte nur aufgrund der Großzügigkeit ihrer Arbeitgebers verlängert werden". Was für ihn aber schwerer wiegt als die wirtschaftliche Belastung ist die Ungerechtigkeit, die er empfindet. Sein Sohn Philipp werde diskriminiert.

Keine Betreuung für schwerbehinderten Philipp: "Eine Schande"

"Es ist eine Schande, dass ein behindertes Kind in Hadamar nicht betreut werden kann", sagt Paul Narkowski. Die Stadt sei in der Verantwortung, "für jedes Kind einen Kita-Platz zur Verfügung zu stellen oder eine adäquate Betreuung zu gewährleisten". Sechs Stunden täglich und gebührenfrei. Darauf bestehe ein rechtlicher Anspruch, den die Familie notfalls einklagen will. Narkowskis schalteten einen Anwalt ein und wandten sich in einem offenen Brief an die Stadt.

Klaus Steinebach von der Kita-Verwaltung versteht die Verzweiflung der Eltern, nicht aber deren Reaktion auf das Engagement der Stadt und erst recht nicht die öffentlich formulierten Vorwürfe, die so auch nicht stimmen würden. Denn der Kita-Platz in Niederzeuzheim sei vorhanden und für Philipp so lange offen, bis eine Integrationskraft gefunden sei. Dafür laufen Vorstellungsgespräche, und Kita-Leiter Homberg ist zuversichtlich, dass das Team ab September Verstärkung bekommt.

Die Zeit bis dahin sei ebenfalls geregelt, sagt Steinebach. Das Jugendamt habe "den Eltern kurzfristig angeboten, ihr Kind gegebenenfalls in Tagespflege betreuen zu lassen", bestätigt Jan Kieserg, Sprecher des Kreises, dem das Jugendamt zugeordnet ist. Tatsächlich habe man eine Tagesmutter gefunden zur "Überbrückung des Zeitrahmens, bis eine Integrationskraft in der Kindertagesstätte zur Verfügung steht". Auch die Kosten hierfür dürften Klaus Steinebach zufolge demnächst geklärt sein. Wenn der Kreis eine Lösung vorschlage, werde er auch über die Finanzierung entscheiden.

Das Kindeswohl rangiere an oberster Stelle, betont er. Dass auch der Start ins Kita-Leben für Philipp schwer ist, weiß Steinebach. "Die Kita-Verwaltung der Stadt schöpft alle Möglichkeiten aus, um mit Gesprächen mit den zuständigen Behörden die Familie zu unterstützen, um die Ü3-Betreuung von Philipp zu ermöglichen."

VON ANKEN BOHNHORST

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