Gamar Said Abdullahis Weg zum Abitur mit einem Notendurchschnitt von 1,4 hatte einige Kurven. Aber rückblickend ist die junge Frau froh darüber: "Ohne das wäre ich nicht der Mensch, der ich heute bin."
+
Gamar Said Abdullahis Weg zum Abitur mit einem Notendurchschnitt von 1,4 hatte einige Kurven. Aber rückblickend ist die junge Frau froh darüber: "Ohne das wäre ich nicht der Mensch, der ich heute bin."

Abiturientin aus Hadamar

"Auf einmal kam von allen Seiten Wertschätzung"

  • Sabine Rauch
    VonSabine Rauch
    schließen

Gamar Said Abdullahi hat den Weg von der Hauptschule aufs Gymnasium gefunden. Und nun als Jahrgangsbeste der Fürst-Johann-Ludwig-Schule Abitur gemacht.

Hadamar -Ihr Realschullehrer hat immer an sie geglaubt. Daran, dass sie eine sehr gute Schülerin werden würde, daran, dass sie das Abitur schaffen könnte. Gamar Said Abdullahi hat es geschafft, als Jahrgangsbeste an der Fürst-Johann-Ludwig-Schule, mit einem Durchschnitt von 1,4. Das reicht sogar für ein Medizinstudium. Und das hatte ihr der Realschullehrer auch mal prophezeit: Dass sie einmal Kinderärztin werden und eine eigene Praxis haben würde. Wenn alles gut geht, wird Gamar Said Abdullahi bald Medizin studieren. Wenn das nicht klappt, nimmt sie den Elektro- und Informationstechnik-Studienplatz.

Ihre Grundschullehrerin hat nicht an sie geglaubt. Sie hatte Gamar nur eine Hauptschulempfehlung gegeben. "Das hatte aber nichts mit meinem Migrationshintergrund zu tun", sagt Gamar Said Abdullahi und lacht. Ihre Noten seien einfach schlecht gewesen damals, Dreien und Vieren, sie habe sich nicht wirklich angestrengt. Ihre Eltern wussten, was in ihrer Tochter steckt und meldeten sie für den Realschulzweig an der Fürst-Johann-Ludwig-Schule an. Doch das ging erst einmal gründlich schief. Schule habe sie eigentlich immer gemocht, sagt Gamar Said Abdullahi. Aber diese Klasse nicht. Sie habe sich nicht wohlgefühlt, sei nicht in die Klassengemeinschaft integriert worden. "Es ist schwer für jemanden, der etwas anders ist." Für jemanden, der ein Kopftuch trägt, für jemanden, deren Eltern vor Jahren aus Somalia geflohen waren. "Ich hatte keine Motivation, etwas zu tun." Also tat sie nur das Nötigste, "wenn überhaupt". Und auch das war nicht leicht, schon allein, weil dafür gar kein Raum war. Gamar und ihre sechs Geschwister hatten nicht jeder ein eigenes Zimmer mit eigenem Schreibtisch, damals lebte die Familie Said Abdullahi noch in einem ziemlich kleinen Haus in Hadamar. Gamar bekam die Quittung: Am Ende des Jahres verkündete ihr die Klassenlehrerin, dass sie die Zweitschlechteste der Klasse sei. "Das war eine tolle Motivation."

Auf der Hauptschule

hat sie "losgelegt"

Gamar blieb sitzen und musste in die Hauptschule wechseln. "Und da habe ich dann losgelegt." Die erste Eins hatte sie in Englisch, sie weiß es noch genau: "Ich habe mich so unfassbar gefreut." Dann kamen Einsen in Mathe und in Deutsch, "und ich habe gemerkt: "Ich kann ja auch was." Das Lernen machte Spaß, sie wurde fleißig, sie wurde Klassenbeste. Nach der sechsten Klasse haben Gamars Eltern dann den Antrag auf Wechsel in die Realschule gestellt. Doch so schnell ging das nicht: Zunächst hatte Gamar Matheunterricht in der Realschule, irgendwann auch die anderen Fächer und nach einem halben Jahr war sie dann ganz offiziell wieder Realschülerin. Die erste Physikarbeit ist ihr in guter Erinnerung. Der Lehrer sei zu ihrem Bruder gegangen und habe ihm gesagt, dass Gamar sich ihr Lieblingsessen verdient habe. Sie hatte die beste Arbeit der Klasse geschrieben. "Auf einmal kam von allen Seiten Wertschätzung." Sie wurde Klassenbeste. Schon damals hatte ihr Klassenlehrer immer wieder versucht, sie zum Besuch der Oberstufe zu überreden. Doch sie wollte nicht. "Abitur war was für die ganz Schlauen, die von Anfang an auf dem Gymnasium waren." Es sei ihr niemals in den Sinn gekommen, Abitur zu machen. Auch nicht, als sie ihren Realschulabschluss mit 1,0 in der Tasche hatte. Zahnarzthelferin wollte sie werden, Krankenschwester oder zur Not Bauzeichnerin oder Chemielaborantin. "Ich hatte nie einen Traumberuf", aber ihre Praktika hatte sie alle im medizinischen Bereich gemacht. Mehr als ein Dutzend Bewerbungen hat Gamar Said Abdullahi geschrieben. Niemand wollte sie nehmen. Ein Zahnarzt hat ihr erklärt, dass das Kopftuch "aus hygienischen Gründen" nicht erlaubt sei, einer war offener: Er hat ihr geraten, dass sie "über ihren Schatten springen" und auf das Kopftuch verzichten solle, sonst habe sie keine Chance.

Kein klassischer

Abi-Jahrgang

Gamar Said Abdullahi will nicht auf das Kopftuch verzichten. Und so blieb ihr eigentlich nichts anderes übrig, als weiter zur Schule zu gehen. Sie sei froh, dass sie Abitur gemacht habe. "Ich war mit 16 noch nicht bereit für das Arbeitsleben", sagt sie. Und dass sie froh sei, dass die Fürst-Johann-Ludwig-Schule ihr und 20 anderen Realschülern die Chance gab, dort Abitur zu machen. Denn eigentlich war das nicht geplant.

Die Schule hatte vor acht Jahren von G 8 auf G 9 umgestellt, einen klassischen Abi-Jahrgang gab es nicht. Auch nicht die üblichen Wahlmöglichkeiten in der Oberstufe. Leistungskurse waren entweder Mathe und Englisch oder Mathe und Geschichte. Gamar Said Abdullahi entschied sich für Mathe und Geschichte, ihre Prüfungsfächer waren Deutsch, Englisch und Spanisch. Ihr Lieblingsfach? "Eigentlich alle." Aber vor allem Mathematik und Biologie. Und sie weiß: "Die Noten sagen nichts über die Intelligenz des Menschen aus."

Sie sei unheimlich froh, dass sie mal in der Hauptschule war. Dass sie sich ein Ziel setzen konnte, die ganzen Niederlagen erlebt hat und wieder aufstehen musste. "Ohne das wäre ich nicht der Mensch, der ich heute bin." Und ohne die Menschen, die an sie geglaubt haben, vermutlich auch nicht.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare