+
Wenn Eltern die unabänderlichen Defizite im Gehirn der Pubertierenden verstehen, können sie besser damit umgehen. Kursleiterin Claudia Ufken erklärt die Zusammenhänge.

Baustelle im Kopf

Darum benehmen sich Pubertierende so seltsam

Wenn Eltern wissen, was im Hirn ihres pubertierenden Kindes vor sich geht und warum der oder die Heranwachsende sich oftmals gar nicht anders verhalten können, ist diese Phase ein Stück leichter zu ertragen. Deshalb hatte die katholische Familienbildungsstätte Limburg nach Hadamar zu einem Elternabend geladen.

Sie sind launisch, antriebslos und wortkarg. Sie schwören auf schrille Haarfarben und verschanzen sich in ihrem chaotischen Zimmer. Sie vernachlässigen die Schule, und bisherige Interessen geraten zur Nebensache. Trotz allem: Jugendliche Innovationskraft und Wagemut haben die Menschheit schon immer vorangebracht.

Seit moderne bildgebende Verfahren einen Blick ins Gehirn ermöglichen und erkennen lassen, wie und wann die verschiedenen Areale bei Gefühls- und Entscheidungsprozesse beteiligt sind, ist das oft rätselhafte Verhalten von Kindern und Jugendlichen auf ihrem Weg zum Erwachsenwerden verständlicher geworden. Denn hinter der Stirn von Pubertierenden findet ein riesiges und zudem zeitlich versetztes Umbauprojekt statt. Diese Großbaustelle dauert bis ins 25. Lebensjahr oder sogar noch darüber hinaus.

„Früher glaubte man, das Gehirn sei bereits im frühen Grundschulalter voll entwickelt“, erklärt Claudia Ufken, die den Kurs „Abenteuer Pubertät“ der katholischen Familienbildungsstätte Limburg in Hadamar leitete. Dieser gehört zum Kess-Programm der Arbeitsgemeinschaft für katholische Familienbildung: Das steht für kooperativ, ermutigend, sozial und situationsorientiert erziehen. Tatsächlich sei dann zwar das Mengenwachstum der Hirnmasse weitgehend abgeschlossen, doch beginne mit der einsetzenden Pubertät ein Prozess, bei dem selten genutzte Verknüpfungen zwischen den Nervenzellen ab- und viel genutzte Synapsen aufgebaut werden.

„Damit entwickeln und verbessern sich Fähigkeiten, die einen Jugendlichen zum Erwachsenen machen. Das sind vor allem die Impuls- und Emotionskontrolle, Planungsfähigkeit oder das abstrakte Denken“, fasst Claudia Ufken zusammen. Auch das Belohnungszentrum, welches unter anderem für die Motivation zuständig ist, verändere sich. „Jugendliche brauchen einen viel höheren Kick, um das gleiche Belohnungsgefühl zu haben wie Kinder oder Erwachsene“, begründet die Expertin die hohe Risikobereitschaft von Heranwachsenden. Der Gegenspieler im Kopf – also die für Vernunft und Regeln zuständige Großhirnrinde – entwickele sich nämlich erst später. Das Gehirn formiere sich neu in zeitversetzten Bauphasen.

Begann die Pubertät vor der Industrialisierung durchschnittlich mit 15 oder 16 Jahren, kommen heute vielfach schon zehnjährige Mädchen in diese Entwicklungsphase. Das habe wahrscheinlich mit der Ernährung zu tun, denn erst ein gewisser Körperfettanteil gebe quasi den Startschuss. „Für die Kinder ist es oft dramatisch, wenn sie sich schon so früh den Herausforderungen der Pubertät stellen müssen“, sagt die Kursleiterin. Denn die evolutionäre Aufgabe dieses Lebensabschnitts sei es ja, sich aus dem familiären Nest zu lösen und sich damit auf das eigene Erwachsensein vorzubereiten.

Somit sei es ganz natürlich, dass Pubertierende rebellieren, alles infrage stellen und sich kaum noch über Verbote steuern lassen. „Halten Sie trotzdem an Regeln fest“, ermutigt Claudia Ufken die Eltern. Die Jugendlichen wollen das – und wenn auch nur, um sich dagegen auflehnen zu können. „Wenn es nämlich gar keine Regeln mehr gibt, drängt sich bei den Heranwachsenden ein Gefühl auf, dass sich niemand mehr für sie interessiert.“

Trotzdem sollten die Familien nicht vergessen, dass ein Pubertierender schon naturgemäß nicht in der Lage ist, „richtige“ Entscheidungen zu treffen. Denn das sich entwickelnde Gehirn ist eine Zeitlang außerstande, realistisch die Folgen des Handels abzuschätzen. Zudem fehlt dem unreifen Emotionszentrum im Hirn die Fähigkeit, Impulse korrekt zu steuern und Gefühle angemessen auszudrücken. „Die Jugendlichen sind immer zu 100 Prozent traurig oder lustig oder verknallt oder wütend. Sie sind ihren Emotionen hilflos ausgeliefert“, verdeutlicht Ufken.

Mit dem Wissen, dass der Nachwuchs über Jahre hinweg eine Baustelle im Kopf hat, könne es den Eltern leichter fallen, mit einem neuen Verständnis auf den Pubertierenden zuzugehen. „Auch wenn es oft unerträglich scheint: Die Pubertät hat einen Sinn. Und es ist für den Heranwachsenden wichtig, diese Zeit der Irrungen und Verwirrungen im Schutz der Familie zu erleben“, betont die Kursleiterin. Abschließend gibt sie den Eltern noch etwas Nachdenkliches auf den Weg: „Menschen, die aufgrund von Not oder Krieg keine Pubertät durchleben konnten, wird auch das Erwachsenenleben nie richtig gelingen.“

In der Reihe „KESS erziehen“ bietet die katholische Familienbildungsstätte Limburg an den Samstagen 3. und 17. November zwei weitere Kurse „Abenteuer Pubertät“ an. Sie dauern jeweils von 9.30 bis 16 Uhr und finden in Hadamar im Bernardusweg 6 statt. Die Teilnahme kostet 45 Euro. Weitere Infos und Anmeldungen sind unter Telefon:  (0 64 33) 8 87 75 erhältlich.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare