Gretes Weg

Das Familiengeheimnis

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Wie die Familie eines Opfers der NS-Krankenmorde von Hadamar nach 80 Jahren Gewissheit findet - Teil 2: Das Familiengeheimnis.

2. Das Familiengeheimnis

Christa Diebigs Reise zur T4-Tötungsanstalt in Hadamar (siehe Teil 1: ) steht am Ende einer Spurensuche, die Monate zuvor auf dem Speicher eines Bauernhauses in der Nähe von Göttingen begonnen hat.

Beim Sortieren des Nachlasses der Eltern stößt Diebigs Schwester auf eine Schublade voller Unterlagen. Briefe und Notizzettel, Postkarten und Fotografien, Urkunden und Testamente. Die Dokumente reichen bis weit ins 19. Jahrhundert zurück.

Diebig ist die Ahnenforscherin in der Familie, deshalb landet die Lade bei ihr. Wochenlang steht sie im Schuppen ihres Hauses am Rande des elterlichen Hofes. Dann kommen die Sommergewitter.

„Es wurde schwül, ich hatte Angst, dass die Feuchtigkeit die Unterlagen angreifen könnte“, erzählt Diebig. „Deshalb habe ich die Schublade ins Haus geholt und angefangen, die Dokumente durchzusehen. Und dabei bin ich auf Grete gestoßen.“

Margarete M., genannt Grete, ist das Geheimnis der Familie. Christa Diebig und ihre Schwestern wissen fast nichts über die ältere Schwester ihrer Großmutter – nur, dass sie „seelisch erkrankt“ war und während des Krieges „von den Nazis ermordet“ wurde. Immerhin ihre Züge kennen sie, von wenigen Fotos, die über Generationen in der Familie vererbt wurden: Eine schlanke Frau mit dunklen Augen und streng zurückgebundenem Schopf. Im Gegensatz zu ihren Eltern und Geschwistern lächelt Grete auf den Fotografien nie.

Beim Durchsehen der Lade stößt Diebig auf zwei Hinweise: Zum Einen eine Konfirmationsurkunde aus dem Jahr 1897, auf der Gretes Geburtstag vermerkt ist: 9. November 1882. Zum Anderen ein Testament aus dem Jahr 1925. Darin verfügen Gretes Eltern – Diebigs Urgroßeltern –, dass ihre „unverheiratete Tochter Margarete“, die derzeit sich in der Provinzialheil- und Pflegeanstalt Hildesheim befinde, eine umfangreiche Ausstattung bekommen solle. „Sie wollten, dass Grete alleine zurechtkommt.“

Nach Jahren der Unsicherheit will Diebig jetzt mehr über ihre Großtante erfahren. Wer war sie? Wie hat sie gelebt? Und wie ist sie ermordet worden? Diebig kontaktiert das Projekt „Vernetztes Erinnern Hildesheim“. Fragt, ob Informationen zu Margarete M., geboren 1882, vorliegen. Nach ein paar Wochen erhält sie Rückmeldung. Ja, es gibt Informationen – in Berlin, beim Bundesarchiv, wo der Großteil der Dokumente aus der Zeit des Nationalsozialismus aufbewahrt wird. Insbesondere solche, die Opfer betreffen.

An diesem Teil der Geschichte angelangt, stockt Christa Diebig. Nimmt einen Schluck von ihrem Kaffee. Schaut aus dem Fenster. „Ich habe gezögert, nach Berlin zu schreiben“, sagt sie. „Ich hatte Angst vor dem, was ich erfahren würde. Aber nach ein paar Wochen habe ich mich durchgerungen und einen Antrag gestellt.“

Wiederum einige Wochen später liegt ein Umschlag auf ihrem Küchentisch: Kopien aller im Bundesarchiv enthaltenen Akten über Margarete M.

„Ein komischer Moment“, sagt Diebig. „Jahrelang wussten wir nichts – und jetzt lag auf einmal alles da.“

Teil 1:

Teil 2:

Teil 3:

Teil 4:

Teil 5:

Teil 6:

Quellen:

Private Unterlagen aus dem Nachlass von Margarete M.

Baader et al.: "Verlegt nach Hadamar". Die Geschichte einer NS-"Euthanasie"-Anstalt. Kassel 2009

George et al.: Hadamar. Heilstätte, Tötungsanstalt, Therapiezentrum. Marburg 2006

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