Berufsbetreuer

Gesetzliche Betreuung ist keine Entmündigung, führt aber zu Grenzsituation

Was passiert, wenn jemand nicht in der Lage ist, seinen Willen zu formulieren? Wenn er die eigenen Dinge nicht mehr regeln kann und kein Angehöriger da ist, um dies zu übernehmen? Dann werden hauptamtliche Betreuer wie Harald Kalteier eingesetzt. Er ist Berufsbetreuer.

Manchmal ist der Grat, auf dem sich Harald Kalteier bewegt, sehr schmal. Dann geht es um leben oder sterben. Der hoch aufgeschossene Mann aus Niederhadamar muss dann entscheiden: Möchte ein Schwerstkranker, der keine Vorsorgeverfügung getroffen hat und sich selbst nicht mehr äußern kann, weiterleben? Was ist sein „mutmaßlicher Wille“? Harald Kalteier muss diese Frage beantworten.

Er ist Berufsbetreuer für Menschen, die vorübergehend oder dauerhaft nicht in der Lage sind, ihre gesundheitlichen, finanziellen oder gesetzlichen Angelegenheiten zu bewältigen, und regelt diese Dinge. Mehr als 1,3 Millionen Menschen werden derzeit in Deutschland rechtlich betreut, teilt der Bundesverband der Berufsbetreuer mit. In der Region Limburg-Weilburg gibt es 40 Berufsbetreuer, Männer und Frauen also, die professionell eine Unterstützung für das Leben anbieten. Oder eben für das Sterben.

Allerdings sei die rechtliche Betreuung keine Entmündigung, betont Harald Kalteier. Es sei eine Betreuungsvariante für Menschen, die physisch, psychisch oder körperlich überfordert sind. Die Betreuungsbedürftigkeit stellt das zuständige Amtsgericht fest, das auch über die Kosten der Betreuung urteilt. Ist der Betreute vermögend, so muss er die anfallenden Kosten wenigstens teilweise tragen. Andernfalls bezahle der Staat die rechtliche Betreuung, erklärt der Bundesverband.

Betreuungsbehörde ist die Kreisverwaltung. Die wählt einen Betreuer aus. „Der Gesetzgeber räumt zunächst der ehrenamtlichen Betreuung – insbesondere innerhalb familiärer Strukturen – den Vorrang ein“, sagt Kreissprecher Jan Kieserg. „Sollte keine Person innerhalb dieser Strukturen bereitstehen, ist auf den Personenkreis der ehrenamtlichen Betreuer zurückzugreifen. Dies sind Personen, die sich bereiterklärt haben, ehrenamtlich Betreuungen zu übernehmen.“ Steht auch hier niemand zur Verfügung, schlägt die Behörde dem Amtsgericht einen Berufsbetreuer vor.

Der muss fachlich qualifiziert sein und „in der Regel über eine einschlägige Berufsausbildung oder ein einschlägiges abgeschlossenes Hochschulstudium, insbesondere aus den Professionen Sozialarbeit, Sozialpädagogik, Pädagogik, Behindertenpädagogik, Psychologie, Medizin, Recht, Berufe aus Verwaltung und Betriebswirtschaft, Erzieher und pflegerische Berufe, verfügen“, sagt Jan Kieserg.

Harald Kalteier hat diese Qualifikation. Jahrelang war der diplomierte Verwaltungsfachwirt in der Behindertenarbeit tätig; seit 20 Jahren ist er Berufsbetreuer. Knapp 50 Menschen betreut der 74-Jährige im Augenblick. Er arbeitet mit den Amtsgerichten in Limburg, Weilburg, Diez, Westerburg und Montabaur zusammen. Er will die

Menschen kennenlernen

, die er oft jahrelang betreut. Zum Beispiel jenen 90-jährigen Junggesellen, der seit mehreren Jahren in einem Heim lebt und dessen gesundheitlicher Zustand vor Kurzem so kritisch war, dass er ins Krankenhaus verlegt wurde. Weil der schwerkranke Mann sich selbst nicht mehr äußern konnte, musste Kalteier entscheiden: Soll dem Mann eine weitere Operation zugemutet oder sollen lediglich die Schmerzen gelindert werden. „Wenn man ordentlich gearbeitet hat, weiß man, was der Betroffene in dieser Situation will“, sagt er.

Vor zwölf Jahren hat er die Betreuung für den Senior übernommen, sich um dessen wirtschaftliche Belange gekümmert und solange das noch möglich war viel mit ihm gesprochen. Nein, habe der alte Herr immer wieder versichert, Operationen und an Schläuchen hängen, das würde er nicht wollen. Schmerzfrei leben und einschlafen dürfen, wenn es so weit ist, das war sein Wunsch. Dem kam Harald Kalteier nach und lehnte einen Eingriff ab. Der Mann wurde medikamentös behandelt und wird in einem Altenheim gepflegt.

Bisweilen könne die Situation dennoch brenzlig werden. Wenn etwa eine „unschöne Nachricht überbracht werden muss“, formuliert Kalteier vorsichtig. Wenn es nicht um die Unterstützung eines hilfsbedürftigen, sondern um die Einweisung eines gefährlichen Menschen in eine geschlossene Anstalt, um eine Zwangsmaßnahme, geht. Das ist auch für den Berufsbetreuer eine Ausnahmesituation, die ein mulmiges Gefühl hinterlässt. Es ist eine Grenzsituation, sagt er.

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