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Im Mittelgang des Denkmals steht die beklemmende Frage ?Wo bringt Ihr uns hin??

Vor Residenzschloss

Bus aus grauem Beton erinnert an die Vernichtungsaktion der Nazis

An prominentester Stelle mitten in Hadamar, direkt am Haupteingang des Residenzschlosses, steht bis Ende Januar 2019 ein graues Ungetüm. Der Bus aus grauem Beton ist ein Mahnmal für die unethische Politik des Nationalsozialismus. Es ist jenen grauen Bussen nachempfunden, die überall in Deutschland insgesamt 70 000 ahnungslose und vermeintlich geisteskranke Menschen in die insgesamt sechs Tötungsanstalten der sogenannten „Aktion T 4“ brachten.

Im Jahr 1941 gehörten die grauen Busse für die Hadamarer Bürger zum alltäglichen Stadtbild. Genauso wurde auch die Ermordung von fast 15 000 Männern, Frauen und Kindern auf dem Mönchsberg zum Alltag. „Das unübersehbare Denkmal im Stadtzentrum soll auch verdeutlichen, wie viele Menschen in den Massenmord eingebunden waren“, betonte Gedenkstättenleiter Jan Erik Schule. „Nicht Hunderte – nein, letztendlich waren es Tausende“. Von den Beamten der Berliner T4-Organisationszentrale bis zum Busfahrer, von Arbeitern, die die Ermordeten aus dem Duschräumen wegschafften, bis zu Schreibkräften, die verlogene Briefe an die hinterbliebenen Familien verfassten. „Das Verbrechen war in Deutschland kein Geheimnis“, ist sich Schulte sicher.

Das Offenkundige belegt auch eine Passage aus dem Roman von Maria Mathi „Wenn nur der Sperber nicht kommt“, aus dem Bürgermeister Michael Ruoff zitierte. Die Heimatschriftstellerin beschreibt detailliert den Weg eines Busses durch die Gassen der Stadt und über die Nepomuk-Brücke, wo ihm eine Gruppe junger Frauen ängstlich ausweicht. Sie erkennen im Fahrzeug Kindergesichter mit traurigen Augen und wissen genau: „Die gehen jetzt in den Feuerofen…“

„Wo bringt Ihr uns hin?“, mögen die Kinder gedacht haben. Genau diese eindringliche Frage steht im Mittelgang des Bus-Denkmals. Diese Frage wurde bei der Eröffnung des Denkmals in Hadamar auch sehr ergreifend von zehn Schülerinnen der Theodor-Koch-Schule Grünberg als Theaterperformance umgesetzt. Die Mädchen verlasen Namen und Daten von Ermordeten, immer wieder unterbrochen von dem verzweifelten Aufschrei: „Wo bringt ihr uns hin?“ Weg vom Zuhause, von den Eltern, von der Familie. Am Ankunftsort dann die fassungslose Feststellung: Hierher habt ihr uns also gebracht. Was dann folgte, waren Ausgrenzung, Leid und Tod.

Das menschenverachtende Gedankengut begann nicht erst 1933, und es endete auch nicht 1945, sagte der Kreisbeigeordnete Helmut Jung. Auch heute gebe es Diskussionen über Inklusion und Ausgrenzung, Rassismus und Deutschtum. „Das Denkmal der Grauen Busse hält uns einen Spiegel vor“, so Jung. Es erinnere, wie zerbrechlich die Demokratie sein kann und dass uns schon einmal die gesellschaftlichen Leitplanken verloren gingen. Von Hadamar gehe aber auch ein Zeichen der Hoffnung aus. Denn wer sich auf die Auseinandersetzung mit der Gedenkstätte einlasse, der verändere zwangsläufig seine Einstellung zu Minderheiten, sagte Michel Thiele vom Vorstand des Fördervereins.

MdB Martin Rabanus, der kulturpolitische Sprecher des SPD-Bundestagsfraktion, bedauerte, dass Berlin sich nicht an den Kosten für Transport und Aufstellung des Hadamarer Denkmals beteiligt hatte. Seiner Meinung nach sollte die Politik neben den großen Erinnerungsorten wie der Holocaust-Gedenkstätte auch dezentrale Orte des Gedenkens besser fördern.

Das Denkmal der grauen Busse wurde im Jahr 2007 zusammen von den Künstlern Dr. Horst Hoheisel und Andreas Knitz entwickelt. Es gibt drei Modelle. Zwei sind fest installiert, das dritte ist immer in Bewegung. Hoheisel gab einen Überblick über die bisherigen

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. Je heterogener die Gruppen seien, die das Denkmal zeigen wollen, umso lebendiger und interessanter gestalte sich das ganze Drumherum, so seine Erfahrung. Es freue ihn sehr, dass der Bus nun in Hadamar Station mache, denn Stadt und Gedenkstätte hätten gemeinsam ein spannendes Begleitprogramm zusammengestellt.

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