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Hadamar: Die Einheit von Körper, Geist und Seele respektieren

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Ein Mediziner zum Anfassen: Dr. Jürgen Birmanns mit seinem Arbeitswerkzeug.
Ein Mediziner zum Anfassen: Dr. Jürgen Birmanns mit seinem Arbeitswerkzeug. © Privat

Vortrag über Naturheilkunde und klassische Schulmedizin als gleichberechtigte Zweige der Gesundheitserhaltung

Hadamar -Auf Einladung der Generationenhilfe Hadamar und des Awo-Sozialzentrums Hadamar plädierten die beiden Referenten Dr. med. Jürgen Birmanns und Dr. phil. Mathias Jung für eine ganzheitliche Gesundheitsvorsorge, welche die Einheit von Körper, Geist und Seele respektiert.

Nicht schlecht staunten die zahlreich im großen Saal der Hadamarer Stadthalle erschienenen Interessentinnen und Interessenten, wie unterhaltsam, inspirierend und zugleich tiefsinnig das Themenfeld "Krankheit, bewusste Lebensführung und Gesundheitserhaltung" von den beiden Dozenten des Dr. Max-Otto-Bruker-Hauses, dem Zentrum für Gesundheit und ganzheitliche Lebensweise auf der Lahnhöhe in Lahnstein, aufbereitet und präsentiert wurde.

Dabei erwies sich Dr. med. Birmanns, ärztlicher Leiter des Lahnsteiner Gesundheitszentrums, als geerdeter Mediziner zum Anfassen, der mit viel Humor, Empathie und Enthusiasmus die nach wie vor bestehende Gültigkeit der zivilisationskritischen Naturheilkunde Pfarrer Kneipps anhand zahlreicher Beispiele aus der ärztlichen Praxis nachwies.

Der aus einfachen Verhältnissen stammende Autodidakt Kneipp, Zeit seines Lebens von der tradierten Hochschulmedizin mit Skepsis betrachtet, therapierte nach der Devise "Lebe so natürlich wie möglich!" Heute hat seine auf fünf Säulen basierende Gesundheitslehre unter den klassischen Naturheilverfahren einen herausragenden Stellenwert. Nicht nur das: Auch seitens der naturwissenschaftlich orientierten Heilkunde erfahren viele seiner Ideen zunehmende Wertschätzung.

Achtsamer Umgang eher die Ausnahme

Ohnehin betonten beide Referenten - trotz erkennbarer Distanz zur zeitgenössischen Apparate- und Rezeptmedizin -, dass ihr Ansatz der sogenannten Ganzheitsmedizin durchaus nicht im Widerspruch zur gegenwärtigen Praxis der Humanmedizin steht. Allerdings: Der nachhaltig-achtsame Umgang mit sich und seiner Umwelt ist im heutigen vorrangig betriebswirtschaftlich ausgerichteten Gesundheitswesen eher die Ausnahme als die Regel, zumal im entfremdenden Takt der üblichen "Fünf-Minuten-Sprechstunde" kein gleichberechtigtes Bündnis mit dem behandelnden Arzt herstellbar sei. Dabei sei gerade die seelische Befindlichkeit des Patienten bei Anamnese, Diagnose und Therapie immer miteinzubeziehen. Darüber hinaus setzt der konstruktiv-sorgsame Umgang mit der eigenen Person - so Dr. Birmanns - eine angemessene Vorsorge voraus. "Vorsorge heißt nicht, sich vorher Sorgen zu machen, sondern rechtzeitig etwas für seine Gesundheit zu tun, damit Sorgen erspart bleiben!"

Ein Feuerwerk an Aphorismen, Geistesblitzen und Lebensweisheiten brannte Dr. phil. Mathias Jung, Gestalttherapeut und freiberuflicher Publizist, im zweiten Teil des Abends in seinem Beitrag "Kranksein und Gesundwerden" ab. Der Autor zahlreicher Werke zu Paartherapie, Sucht, Sinnsuche und seelischen Verwundungen jeglicher Art, rückte dabei exemplarisch den geistig-seelischen Zustand des hilfsbedürftigen Menschen bei Anamnese, Diagnose und Therapie von Gebrechen vielfältiger Natur in den Vordergrund. Ein Ansatz, der in der modernen "Reparaturmedizin" viel zu kurz komme, denn diese habe den Menschen an sich aus den Augen verloren. Eine reine Apparate-Medizin habe zwangsläufig eine eindimensionale Apparate-Diagnostik zur Folge, der Aufstieg des modernen Gesundheitswesens sei unmittelbar mit der Abwertung der körperlich-seelischen Ganzheit des Individuums verbunden.

Als eindrucksvolles Beispiel aus der eigenen Praxis führte er den Fall einer dramatisch magersüchtigen jungen Frau an, welche mit diesem Verhalten die eigene Weiblichkeit verleugnete, um so der menschenverachtenden Herabsetzung der Mutter und eigenen Person durch den brutalen Vater entgegenzuwirken. Nach Bewusstwerdung dieses Zusammenhangs im Therapiegespräch und Distanzierung vom Familienvater sei sie zu einer wirklichen Schönheit aufgeblüht.

Ansprache an die Männer

Ein verantwortungsvoller Arzt als Leib- und Seelsorger ist also mehr als ein bloßer Körper-Klempner, denn zur gelingenden Therapie gehöre die seelische Anamnese. Dazu zählten Fragen wie "Bist du glücklich?", "Hast du Lebensfreude?", "Was hat sich vor Ausbruch der Krankheit ereignet?", "Was bekümmert mich / den Patienten aus tiefstem Herzen?". Der produktive Umgang mit der Krankheit sieht diese als Folge erlittener Kränkung, als (Selbst-)Appell zur Veränderung, als allgemeiner Weckruf oder gar als schöpferischer Akt.

Wir selbst seien für unseren Körper und das eigene seelische Wohlbefinden verantwortlich, positive und negative Gefühle gehörten zum Leben dazu und dürften nicht verdrängt werden, womit Dr. Jung besonders die Männer ansprach, die als höchste Risikogruppe mit der geringsten Lebenserwartung oft auf bloßes Funktionieren bis zum bitteren Ende abgerichtet seien. "Viele Männer werden erst warm im Krematorium."

Besonders wohltuend: Dr. Jung verzichtete bei seinen Ausführungen auf den erhobenen Zeigefinger und oberlehrerhafte Attitüde, vielmehr sparte er Hinweise auf eigene persönlich schmerzhafte Erfahrungen und Niederlagen nicht aus. Körperliche und seelische Gesundheit ist offenbar ein fragiles Gut und keine Selbstverständlichkeit. Ein pulsierendes Leben schließt Höhen und Tiefen mit ein. Mit Zitaten von Goethe und Rilke endete ein eindrucksvoller Abend.

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