Nicht nur für ihr ganz besonderes Wartezimmer ist die Kinderarzt-Praxis der Doktores Herrmann berühmt - jetzt macht Dr. Kerstin Herrmann alleine weiter. Morgen öffnet die Praxis wieder. foto: sabine rauch
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Nicht nur für ihr ganz besonderes Wartezimmer ist die Kinderarzt-Praxis der Doktores Herrmann berühmt - jetzt macht Dr. Kerstin Herrmann alleine weiter. Morgen öffnet die Praxis in Hadamar wieder. 

Holpriger Neustart

Lange vergebliche Suche: Kinderarzt-Praxis fehlt Doktor 

  • Sabine Rauch
    vonSabine Rauch
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Anderthalb Jahre hat Kinderärztin Dr. Kerstin Herrmann aus Hadamar (Kreis Limburg-Weilburg) nach einem Partner für ihre Praxis gesucht - ohne Erfolg.

  • Kinderärztin Dr. Kerstin Herrmann aus Hadamar (Kreis Limburg-Weilburg) öffnet Praxis wieder
  • Einen Partner für ihre Gemeinschaftspraxis sucht sie seit anderthalb Jahren vergeblich
  • Patienten bleiben wegen der Corona-Krise aus

Hadamar – Andere würden vielleicht von einer Katastrophe sprechen oder vom Supergau. Dr. Kerstin Herrmann nennt es „einen holprigen Start“. Mehr als anderthalb Jahre hat sie nach einem neuen Partner für ihre Praxis für Kinder- und Jugendmedizin gesucht, jetzt hat sie sich damit abgefunden, die Praxis erst einmal alleine weiterzuführen und hat investiert - in die Renovierung der Räume im Gesundheitszentrum St. Anna in Hadamar und in die Digitalisierung, damit sie die Patienten weiter versorgen kann - ihre und die ihres Ex-Mannes.

Und nun das: Die Patienten bleiben aus, viele Eltern sagen Termine ab: Aus Angst vor dem Coronavirus verzichten sie auch auf Impfungen und Vorsorge-Untersuchungen. Wenn die Pandemie vorbei ist, müssen die dann alle nachgeholt werden. „Dann müssen wir das bewältigen“, sagt Kerstin Herrmann.

Aber das wird wohl noch dauern. Jetzt wollen sie und ihre Mitarbeiterinnen die freie Zeit nutzen, sich in das neue Computersystem einzuarbeiten. Seit Freitag ist die Praxis geschlossen - am Mittwoch (01.04.2020) wird sie wiedereröffnet. Mit neuem Computerprogramm, neuer Arbeitsteilung und neuer Betriebsstättennummer. „Ich bin ja jetzt eine Einzelpraxis“, sagt Kerstin Herrmann. Dabei hat sie das nie werden wollen.

Vor anderthalb Jahren hatte sie angefangen, nach einem anderen Kinderarzt zu suchen, nach jemandem, der den Kassenarzt-Sitz ihres Ex-Mannes übernehmen und in die Gemeinschaftspraxis einsteigen will, wenn er in den Ruhestand geht. Sie hat im Deutschen Ärzteblatt inseriert, im Hessischen Ärzteblatt, sie hat beim Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte für den Standort Hadamar geworben und bei der Praxisbörse der Kassenärztlichen Vereinigung - und sie hat persönlich vorgesprochen, bei niedergelassenen Pädiatern und in Kliniken. „Aber die wollen ihre Kollegen ja auch nicht loswerden.“ Denn es gibt ja überall zu wenig Ärzte - auch Kinderärzte, von denen es in Hessen sogar noch weniger gibt, als im Rest von Deutschland

Kinderarzt-Abdeckung im Kreis Limburg-Weilburg „statistisch vernünftig“

Im Landkreis Limburg-Weilburg seien derzeit zwölf Kinderärzte in acht Praxen tätig, teilt Karl Roth, der Sprecher der Kassenärztlichen Vereinigung, mit. Die Versorgungssituation sei im Kreisgebiet mit 99,42 Prozent „statistisch vernünftig“, auch wenn das nicht bedeute, „dass es nicht trotzdem Wartezeiten oder gegebenenfalls etwas längere Wege zum Arzt gibt“.

Und genau die will Kerstin Herrmann ihren Patienten ersparen. Denn sie weiß genau, wie schwierig es ist, einen Kinderarzt zu finden. Deshalb verspricht sie auch, dass sich kein Patient einen neuen Arzt suchen muss. Und sie hofft auf die Gesundheitskompetenz der Eltern. Viele kämen wegen eher banaler Erkrankungen. Eltern seien heute überbesorgt, brächten Kinder in die Sprechstunde, bei denen man ruhig noch hätte abwarten können, gerade in der Erkältungszeit. „Fieber ist ein Symptom und keine Krankheit.“

Hadamar bei Limburg: Eltern gehen zu früh zum Kinderarzt

Entscheidend sei der Allgemeinzustand des Kindes und nicht die Höhe des Fiebers. „Man muss nicht unbedingt bei 38,2 Grad Fieber zum Kinderarzt“, sagt Kerstin Hermann. Es sei denn, man braucht eine Bescheinigung für den Arbeitgeber, dass das kranke Kind zu Hause eine Betreuung braucht. „Die Kunst der niedergelassenen Ärzte ist es, die wirklich Kranken herauszufischen.“

Dass sie ihre Patienten in der Regel über viele Jahre begleite, sei einer der Gründe, warum sie ihren Beruf so liebe und es sich nicht mehr vorstellen könne, in einer Klinik zu arbeiten, sagt Kerstin Herrmann. Sie müsse keine Nachtdienste mehr machen, nur noch etwa acht Dienste pro Jahr im kinderärztlichen Notdienst in Wiesbaden. „Das ist doch Luxus.“

Und dann seien da noch die Arbeitszeiten: Als niedergelassene Ärztin könne man sich die Arbeit besser einteilen. Theoretisch wäre es ja sogar möglich, dass sich zwei Ärzte einen Arztsitz teilen, ideal für Mediziner, die Teilzeit arbeiten wollen, und das seien ja nach wie vor die Frauen - und davon gibt es jede Menge in den Kliniken und Praxen.

Hadamar (Kreis Limburg-Weilburg): Auch halben Kinderarzt-Sitz wollte niemand

„Die Medizin wird immer weiblicher“, sagt Herrmann. Die Kinder- und Jugendmedizin sei es schon lange. „Aber auch für einen halben Arztsitz hat sich niemand gemeldet.“ Gerade mal eine Ärztin habe sich wirklich interessiert. Aber die wollte nicht umziehen, sondern in Wiesbaden wohnen bleiben. „Und was ist, wenn sie im Stau steht?“ Die Praxis muss ja auch am frühen Morgen oder am späten Nachmittag besetzt sein.

Kerstin Herrmann kann sich noch gut daran erinnern, wie flexibel sie sein musste, um als Ärztin zu arbeiten. Studiert hat sie in Hannover, nach der Anstellung als Arzt im Praktikum war sie erst einmal acht Monate arbeitslos, dann hatte sie einen auf ein Jahr befristeten Vertrag im Norden, von da aus ging es nach Niederbayern und dann in den Westerwald. „So was macht heute keiner mehr.“ Und es muss ja auch niemand mehr. Dafür gebe es viel zu wenige Mediziner und viel zu wenige Medizin-Studienplätze. Und offenbar viel zu wenige Menschen, die bereit sind, Verantwortung zu übernehmen. Denn das müsse man für eine Niederlassung durchaus, sagt Kerstin Herrmann. Aber dafür biete sie doch auch Vorteile: Wer will, könne sogar Job, Familie und Kinder ganz gut vereinbaren. Ein halbes Jahr bleibt der zweite Kinderarzt-Sitz erhalten. Vielleicht findet sich ja noch jemand für die Praxis. Denn eigentlich seien die Bedingungen perfekt, sagt Kerstin Herrmann.

Von Sabine Rauch

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