Abstand halten ist nicht immer möglich - für Liane Bergemann und ihre Kolleginnen in der Theodor-Fliedner-Kindertagesstätte sehen auch in diesen Zeiten die Bedürfnisse der Kinder im Vordergrund.
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Abstand halten ist nicht immer möglich - für Liane Bergemann und ihre Kolleginnen in der Theodor-Fliedner-Kindertagesstätte sehen auch in diesen Zeiten die Bedürfnisse der Kinder im Vordergrund.

Herausforderungen in der Pandemie

Kindergärten: Was man von der Pandemie lernen kann

  • Sabine Rauch
    vonSabine Rauch
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Die Pandemie bietet für Erzieherinnen und Erzieher in Hadamar auch Chancen: Zum Beispiel die intensive Betreuung der Kinder, die die Kitas noch besuchen.

Hadamar – Keine Zwischen-Tür-und-Angel-Gespräche mit den Eltern, die Frühförderung fällt flach, es darf noch nicht einmal gesungen werden. Und dann noch das ständige Händewaschen und desinfizieren und die Frage, was überhaupt erlaubt ist. Kindergarten in Zeiten von Corona ist kein Spaß. "Wir können nicht mehr wirklich bedürfnisorientiert arbeiten", sagt Liane Bergemann, Erzieherin in der Theodor-Fliedner-Kindertagesstätte in Hadamar. Dabei sei doch genau das der Bildungsauftrag: Jedes Kind solle möglichst früh, optimal und nachhaltig gefördert werden - und zwar ganz individuell. Und da fängt es ja schon an: Etwa acht bis zehn Kinder besuchen derzeit eine der drei Gruppen in der Kita - nicht 25 pro Gruppe. "Die Eltern arbeiten sehr gut mit und halten sich an die Empfehlung, die Kinder nur in Notfällen in die Kita zu schicken."

Das bedeutet aber auch, dass ein paar Kinder zu Hause bleiben, für die ein Kindergartenbesuch vielleicht besser wäre, weil manche Eltern gar nicht wissen, wie sie eine gute Betreuung ihrer Kinder gewährleisten sollen. Weil sie selbst arbeiten müssen - oder weil sie nicht in der Lage sind. Schon alleine, damit alle Kinder die Chance auf Kindergarten haben, möchte Liane Bergemann nicht, dass die Kitas schließen.

Corona in Hadamar: Kita-Mitarbeiter können nicht ins Homeoffice gehen

Und natürlich auch, weil sie auf ihr Gehalt angewiesen ist. Sie fühle sich privilegiert, weil sie weiterarbeiten könne, nicht in Kurzarbeit muss oder ins Homeoffice. "Ich gehe gerne arbeiten", sagt sie. Auch in diesen Zeiten. "Ich komme mal raus, kann mich mit meinen Kolleginnen austauschen." Wenn auch nur mit der Maske. Das Masketragen mache ihre Arbeit sehr schwer. Die Mimik und das Mundbild fehlen den Kindern in ihrer sozialen und sprachlichen Entwicklung, "und uns fehlt auch irgendwann die Luft".

Immerhin könne sie die Maske in ihrem Gruppenraum ausziehen und auf Abstand achten. Aber natürlich schubst sie kein Kind weg, wenn es auf ihren Schoß klettert oder beim Spazierengehen die Hand nimmt. "Wir haben jeden Tag Kinder auf dem Schoß." Wie groß ihr Infektionsrisiko sei, wolle sie eigentlich gar nicht wissen. "Ich versuche, mir keine großen Sorgen zu machen."

Kindergarten während Corona: Probleme bei der Sprachförderung in Hadamar

Liane Bergemann findet es vor allem schwierig, dass manche Bedürfnisse der Kinder zu kurz kommen und das über eine so lange Zeit. Dass der wichtige Austausch mit den Eltern fehlt, darüber, wie es dem Kind geht, ob zu Hause alles in Ordnung ist, was es gespielt hat. Dass die Förderung brach liege, sei ebenfalls ein großes Problem.

Schließlich sollten die Kinder so früh wie möglich den Anschluss kriegen. Zum Beispiel in Sachen Sprache: Die Sprachförderung ist nicht immer leicht, weil viele Kinder in Familien leben, in denen Deutsch nicht die Muttersprache ist. Und die, die in die Kita kommen, müssen Sprache lernen, ohne immer das Mundbild sehen zu können. Der Vorlaufkurs für Kinder mit Migrationshintergrund fällt aus, weil die Schulen zu sind. Singen geht auch nicht: "Wir reden unsere Lieder."

Die Bewegungsangebote sind ebenfalls eingeschränkt. Allerdings ist jetzt viel Zeit zum Spazierengehen. Oder zum Arbeiten mit Schnee. Vor ein paar Tagen haben die Kinder Schneebälle von draußen mitgebracht, zu Bällen geformt, angemalt und beobachtet, was passiert. "Solche situationsorientierten Angebote stehen immer auf unserem Plan, aber je kleiner die Gruppen sind, umso spontaner können die Erzieherinnen sein", sagt Liane Bergemann.

Offenes Gruppensystem gibt es derzeit in Kindergärten in Hadamar nicht

Aber natürlich fehlen den Kindern auch die Kontakte zu ihren Freunden aus den anderen Gruppen: Normalerweise arbeiten die Erzieherinnen in der Theodor-Fliedner-Kita nach dem halboffenen System: Jedes Kind hat eine Bezugsgruppe, muss aber den Raum und damit die Gruppe wechseln, wenn es zum Beispiel malen, ein Buch anschauen oder etwas bauen will. Das ist jetzt verboten. Jetzt sind alle Räume mit allen Materialien ausgestattet, die Kinder bleiben unter sich. Das habe auch Vorteile, sagt Liane Bergemann. "In den festen Gruppen können wir einen genaueren Blick auf die Kinder haben." Und die Kinder lernen Gruppendynamik einmal anders: Sie müssen mit ihrer Gruppe klarkommen.

Auseinandersetzungen gibt es auch in Zeiten wie diesen. Weil auch Kinder besonders unter Stress stehen - auch wenn die Gruppen im Moment traumhaft klein sind: Zwei Erzieherinnen für zehn Kinder - in normalen Zeiten lässt der Personalschlüssel das nicht zu. Liane Bergemann genießt nicht nur die Lautstärke, die das bedeutet, sondern auch die intensive Arbeit mit den Kindern. "Jetzt ist es leichter, individuell auf jedes Kind einzugehen." Weil sie und ihre Kolleginnen jetzt ausreichend Zeit haben, um so zu arbeiten, wie es im Bildungsplan steht. Aber diese Zeiten sind vermutlich irgendwann auch wieder vorbei. Trotzdem: "Es wäre schön, wenn die Verantwortlichen aus der Pandemie lernen, und noch einmal über den Personalschlüssel in Kitas nachdenken."

Von 927 kommen derzeit rund 260 Kinder - Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter fast alle im Einsatz

Weniger Kinder, die mehr Erzieherinnen brauchen, Teamgespräche nur noch digital. "Die Arbeitsbedingungen der Erzieherinnen haben sich grundlegend geändert", sagt Stephan Schnelle, Sprecher des Bistums Limburg. Insgesamt zwölf Kitas in Limburg, Dehrn und Elz stehen unter der Trägerschaft des Gesamtverbandes der Kirchengemeinden in Limburg. In normalen Zeiten werden dort insgesamt 927 Kinder betreut - derzeit sind es rund 260. Trotzdem sind von den rund 198 pädagogischen Mitarbeitern fast alle im Einsatz, nur drei fallen aus, weil sie zu den Risikogruppen gehören. Denn wegen der separierten Gruppen habe sich der Personalbedarf unabhängig von der in der Gruppe betreuten Kinderzahl erhöht, teilte das Bistum mit. Damit die Erzieherinnen keine Überstunden machen müssen, wurde in manchen Einrichtungen die Betreuungszeit verringert.

Damit die Kinder und ihre Erzieherinnen vor dem Virus geschützt sind, sind die Gruppen kleiner und vor allem konstant. "Es werden homogene Gruppen in immer gleichen Settings zusammengestellt, um das Infektionsrisiko zu senken und auf einzelne Gruppen zu beschränken." Und es gibt für alle Einrichtungen ausgeklügelte Hygienekonzepte und natürlich Masken in unterschiedlichen Ausführungen. Um Ansammlungen von Eltern zu vermeiden, sollen die Kinder an die jeweiligen Außentüren der Gruppenräume gebracht und dort auch wieder geholt werden - jedenfalls in den Kitas, wo das möglich ist.

Kindergarten während Corona: Katholische Kitas in Hadamar zeigen sich zufrieden

Falls alle Hygienekonzepte nicht helfen, ist das Vorgehen klar: Vorgeschrieben sind "zeitnahe Meldungen an das Kreisgesundheitsamt, den Arbeitsstab Corona des Bistums und den Träger". Die Erzieher haben die Möglichkeit sich regelmäßig testen zu lassen. Das Bistum weiß aber nicht, wer davon Gebrauch macht.

Offenbar sind die Mitarbeiter der katholischen Kitas auch in diesen Zeiten zufrieden mit ihren Arbeitsbedingungen, jedenfalls erreichen den Träger nur wenige Beschwerden, "weil vieles versucht wird, die Arbeitsbedingungen gut zu halten", so Schnelle. Schließlich sollen die Kitas offen bleiben. Die am Anfang der Pandemie praktizierten Homeoffice-Aufgaben sind erledigt und keine wirkliche Option mehr. Die digitale Betreuung von Kleinkindern stößt schnell an ihre Grenzen. "Trotzdem zeigen die pädagogischen Kräfte viel Kreativität im Umgang mit der Situation." Und darüber freut sich auch der Träger: "Über die Haltung des Personals freuen wir uns und sind auch ein wenig stolz auf unsere Mitarbeitenden." sbr

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