Eine bunte Welt im Kleinformat hat Josef Ruoff gebastelt. Sein Sohn Hans-Heiner hat das Ensemble jahrelang gepflegt und jetzt verschenkt.
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Eine bunte Welt im Kleinformat hat Josef Ruoff gebastelt. Sein Sohn Hans-Heiner hat das Ensemble jahrelang gepflegt und jetzt verschenkt.

Die Stadt wollte nicht

Hadamar: Die Mini-Kirmes-Welt dreht sich nicht mehr

  • vonAnken Bohnhorst-Vollmer
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Josef Ruoff wäre heute 100 Jahre alt geworden. Sein Sohn hat dessen Modell-Sammlung verschenkt.

Hadamar -Alles in dieser kleinen Welt ist in Bewegung. Die Schiffschaukel hebt und senkt sich im Wind, die Sitze des Kettenkarussells fliegen, die Wagen der Achterbahn rattern, Lichter blinken. Im Hintergrund brummelt ein Leierkasten, immer wieder orgelt sich Jahrmarktmusik in den Vordergrund, als wolle sie die aufgeregten Schreie der Kirmesburschen und -mädchen dämpfen. Nur Frau Meyer regt sich nicht. Sie sitzt hinter dem Fenster ihres Kassenhäuschens und beobachtet das Geschehen, das Hans-Heiner Ruoff mit ein paar Handgriffen antreibt. Ein Knopfdruck hier, ein Rädchen, das angetrieben werden muss, dort.

Es ist eine filigrane Miniaturwelt, die Hans-Heiner Ruoff in der Werkstatt seines Hauses in Bewegung setzt. Genau genommen ist es die Miniaturwelt seines Vaters Josef Ruoff, der heute 100 Jahre alt geworden wäre. Seit dem Tod des Vaters vor 25 Jahren verwaltet sein Sohn das Idyll im Kleinformat. Und ginge es nach Hans-Heiner, dann stünden die Karussells mit ihren reitenden Pferden und sämtliche andere Fahrgeschäfte sowie die stille Frau Meyer in ihrem Kassenhäuschen heute im Museum der Stadt.

Kein Platz

im Stadtmuseum

Aber daraus sei nie etwas geworden, sagt Hans-Heiner Ruoff. Er fragte beim damaligen Bürgermeister Hans Beresko nach und erhielt die Möglichkeit, einige Kostbarkeiten eine Zeitlang in einem leeren Ladengeschäft an der Borngasse auszustellen. Aber "nach ein paar Wochen war die Hälfte aller Karussells defekt". Da habe er die Stadtverwaltung angerufen und alles zurückverlangt, wochenlang und mühevoll repariert und in seinem Keller untergebracht. Dass die Stadt dem Nachlass des Vaters keinen prominenteren Platz einräumen wollte, habe ihn schon betrübt. So sehr, dass er sich nach einem anderen Abnehmer umgeschaut und die Historische Gesellschaft Bayerischer Schausteller in München gefunden hat. Die habe ein eigenes Museum und präsentiere sich jedes Jahr auf dem Münchner Oktoberfest, sagt er. Und die soll das Ensemble von Josef Ruoff bekommen, auch wenn es mit dem Oktoberfest vorläufig nichts wird.

Man müsse seine Entscheidung verstehen, sagt Ruoff, der mittlerweile selbst 75 Jahre alt ist. Und einmal will er die Anlage ja auch noch zeigen, wenigstens in der Zeitung. Auch das hätte dem Vater gefallen, jenem Mann, der in Hadamar und Umgebung "der Stabil" genannt wurde, weil er als kleiner Junge einen Stabilbaukasten, einen Metallbaukasten, geschenkt bekommen hatte. Mit acht Jahren war Josef Ruoff an Kinderlähmung erkrankt. Anstatt mit Gleichaltrigen herumzutollen, saß er in seinem Elternhaus und baute und schraubte mit seinem Baukasten die Basis für sein späteres Hobby zusammen. Da die Mechanik allein nicht reichte, absolvierte er nach der Schule eine Ausbildung zum Elektriker, legte die Meisterprüfung ab und gründete 1948 mit Fred Fichtler ein Elektrogeschäft in seiner Heimatstadt.

Fotos als

Vorlagen

In der Elektrowerkstatt entstanden dann im Laufe der Jahre die Modelle von Josef Ruoff, winzige Jahrmarktfahrgeschäfte im Maßstab von eins zu zwölf bis eins zu 15. Vorlagen für die Arbeiten waren Fotos, die der Bastler auf Volksfesten knipste und nach denen er Zeichnungen anfertigte. Das Material habe er auch aus Sperrmüll zusammengeklaubt, "und dann fing er an zu bauen". Zwei bis drei Jahre konnte es schon dauern, bis ein Modell fertig war. "Bei Josef Ruoff musste alles naturgetreu sein", sagt der Sohn nicht ohne Stolz. An diesen naturgetreuen Nachbildungen einer großen Kirmeswelt sollen sich jetzt andere erfreuen, sagt Hans-Heiner. "Ich glaube, mit dieser Schenkung habe ich im Sinne meines Vaters gehandelt, und diese schönen Dinge werden so einer breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht."

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