Zweimal wöchentlich kommt das mobile Klassenzimmer zu den Zirkuskindern nach Hadamar.
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Zweimal wöchentlich kommt das mobile Klassenzimmer zu den Zirkuskindern nach Hadamar.

Eine ganz besondere Schule

Hadamar: Das rollende Klassenzimmer

Die Kinder des Zirkus Jonny Alexis werden im Lernmobil unterrichtet

Hadamar -Wie für alle Kinder in Hessen, hat auch für Jenna (8) und Giulia (7) in dieser Woche die Schule wieder begonnen. Doch beide Mädchen vom Zirkus Jonny Alexis, der wegen der Corona-Pandemie vor einem halben Jahr in Hadamar hängenblieb, gehen auf eine ganz besondere Schule. Oder besser gesagt: Die Schule samt Klassenzimmer und Lehrer kommt zu ihnen auf den Platz.

Die Schule für Kinder berufliche Reisender (SfKbR) unterrichten Kinder von Schaustellern, Artisten, Gauklern und Zirkusleuten, soweit sie in Hessen gemeldet sind. Vom Vorschulalter bis zur Klasse 10 werden sie zwei- bis dreimal wöchentlich in zum vollwertigen Klassenzimmer umgebauten Wohnmobilen und Kleinbussen unterrichtet. Zusätzlich halten die Lehrer über Fernunterricht engen Kontakt zu den Schülern und ihren Familien.

Alfred Spitz (65) ist seit nunmehr sechs Jahren Lehrer an der SfKbr. Er ist ausgebildet für Haupt- und Realschule sowie Förderschule. Derzeit unterrichtet er insgesamt neun Kinder im Alter zwischen 7 und 16 Jahren. "Das ist hier so ähnlich wie früher in der Volksschule. Da saßen ja auch die Kinder vom ersten bis zum letzten Schuljahr gemeinsam in einem Klassenraum", erklärt er. In seinem Lernmobil sind es aber maximal drei Schüler, mehr gäbe der Platz nicht her.

Kein Sportunterricht für die Kinder

Giulia und Jenna sind gerade in die zweite und dritte Klasse gekommen. Wie in der normalen Grundschule auch, liegt der Unterrichtsschwerpunkt auf den Fächern Deutsch, Mathematik und Sachkunde. Gemalt wird selbstverständlich auch. Auf Sport wird weitgehend verzichtet, da das artistische Training ja zum Alltag der Zirkuskinder gehört.

"Heute, am ersten Schultag, starten wir gemächlich und wärmen den zuletzt gelernten Stoff wieder auf", sagt Lehrer Spitz. Zwar sei der Unterricht auf die regulären hessischen Lehrpläne abgestimmt, doch berücksichtige man den Leistungsstand und die Lebensbedingungen jedes einzelnen Kindes. Natürlich gibt es auch Zeugnisse. "Die sehen ganz genauso aus, wie die Zeugnisse an jeder anderen Schule", so Spitz

Aufgrund des Infektionsschutzes musste viele Wochen lang auch in der SfKbr auf Präsenzunterricht verzichtet werden. Deshalb lief der gesamte Unterricht über ODL, eine Plattform für das Lernen auf Distanz. "Home-Schooling ist für die Kinder beruflich Reisender ganz normal", weiß der Lehrer. Allerdings hätte Mamas Handy nicht ausgereicht, damit beide Kinder angemessen mit ihrem Lernstoff vorankommen. Deshalb hatte die SfKbr der Zirkusfamilie einen Laptop mit integrierter SIM-Karte zur Verfügung gestellt. "Normalerweise statten wir die Schüler erst ab der weiterführenden Schule mit Hardware aus", sagt Lehrer Spitz. Die Corona-Situation habe das aber auch für Grundschulkinder nötig gemacht.

Da Feste und Märkte überwiegend in den Sommermonaten stattfinden, macht auch die fahrbare Schule eine lange Winterpause. "Herr Spitz will sich darum kümmern, dass Jenna und Guilia im Herbst auf die Grundschule in Hadamar gehen können", sagt Cindy Meier. Auch wenn die Mädchen ihren Lehrer innig lieben, so würden sie sich doch auch sehr über die Gemeinschaft in einem Klassenverband freuen. Als der Zirkus Jonny Alexis für den Weihnachtszirkus im Vorjahr für längere Zeit in Staffel gastierte, hätten sie auch dort die Grundschule besucht.

In die Freude, dass die Kinder bald in die nur wenige Gehminuten entfernte Schule gehen können, mischt sich bei der Mutter auch eine kleine Sorge. "Da wir seit Monaten nicht arbeiten können und kein Geld verdienen, ist es auch mit der Anschaffung von Schulsachen schwierig. Dabei würde Jenna , zum Beispiel einen neuen Ranzen benötigen". kka

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