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"Kein Einziger ist dieser Hölle lebend entronnen"

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Hartmut Traub erinnert bei der Gedenkveranstaltung mit einem Foto von "Beni" aus der Zeit, als dessen Krankheit ausbrach, und seiner Rede an seinen Onkel, der in Hadamar ermordet wurde.
Hartmut Traub erinnert bei der Gedenkveranstaltung mit einem Foto von "Beni" aus der Zeit, als dessen Krankheit ausbrach, und seiner Rede an seinen Onkel, der in Hadamar ermordet wurde. © Kerstin Kaminsky

Hadamar: Diagnose "Jugendliche Schizophrenie" wurde unter anderem für Benjamin Traub zum Todesurteil.

Hadamar -Mit dem Einmarsch der US-Soldaten endete am 26. März 1945 das systematische Morden in der unter dem Deckmantel einer Heilanstalt geführten Tötungsanstalt in Hadamar. In den Jahren 1941 bis 1945 wurden dort fast 15 000 Männer, Frauen und Kinder ermordet. Am Jahrestag der Befreiung erinnern die Gedenkstätte Hadamar, die Stadt Hadamar und Vitos Weil-Lahn jener Menschen, die die Befreiung nicht mehr miterleben konnten. Dabei soll die Rückschau auch als Auftrag für das Handeln der Gegenwart verstanden sein, wie Gedenkstättenleiter Jan Erik Schulte betonte.

"Bei 15 000 Einzelschicksalen kann man die Monströsität des Grauens nicht oft genug erwähnen", findet Andreas Jürgens, der erste Beigeordnete des Landeswohlfahrtverbandes, dem Träger der Gedenkstätte. Man könne nur ahnen, was die Patienten fühlten, wenn sie in den Keller geführt wurden, an wen sie dachten, als das Gas ausströmte. "Denn kein Einziger ist dieser Hölle lebend entronnen."

Jürgens erinnerte an den 17-jährigen Ukrainer Fedor Chapovalov, der als Zwangsarbeiter im Reichsbahnausbesserungswerk Kassel schuften musste. Unterernährt, krank und nicht mehr arbeitsfähig kam er am 11. August 1944 mit einem Transport nach Hadamar und wurde noch am gleichen Tag ermordet. "Sein Schicksal ist Teil unserer Gegenwart und Mahnung für ein friedliches und respektvolles Zusammenleben aller Menschen", sagt Jürgens.

Hauptredner Hartmut Traub (69) erinnerte an seinen Onkel Benjamin "Beni" Traub, der wie Tausende dem Rassenwahn des NS-Regimes schutzlos ausgeliefert war und in Hadamar ermordet wurde. Beni wurde am 25. November 1914 in Mühlheim/Ruhr geboren. "Er war ein ruhiges und begabtes Kind, spielte gern Schach, schrieb Gedichte und wollte Pianist werden", erzählt Traub. Als 17-Jähriger verletzte er sich beim Holzhacken und verlor ein Fingerglied. Dieses Trauma löste bei Beni eine Krise aus. Aufgrund von hysterischen Anfällen und wiederkehrenden Selbstmordabsichten kam er im August 1931 als Patient in die Heilanstalt Bedburg-Hau, wo ihm eine jugendliche Schizophrenie diagnostiziert wurde. "Mit Beginn von T 4 kam diese Diagnose einem Todesurteil gleich", so der Redner.

Im März 1940 wurde Beni nach Weilmünster verlegt. "In der hoffnungslos überfüllten Zwischenanstalt für Hadamar waren Pflege und Versorgung auf ein Minimum reduziert", berichtet Traub. Man wisse nicht viel über Benis Aufenthalt dort, doch dank seines gutmütigen Wesens und seiner recht guten körperliche Verfassung habe er diese Vorhölle ein ganzes Jahr lang überlebt.

In einem grauen Bus

nach Hadamar

Am 2. April 1941 aber bestieg Beni vermutlich arglos zusammen mit 60 Schicksalsgenossen einen grauen Bus, der ins 30 Kilometer entfernte Hadamar fuhr. Von der verschlossenen Busgarage wurden die Patienten über einen Schleusengang in die Anstalt geführt. Dort entkleideten sie sich und wurden einem Arzt vorgestellt. Ihre Krankenakten wurde auf Vorerkrankungen untersucht, um plausible Todesursachen für den Totenschein abzuleiten. Träger von Goldzähnen und medizinisch interessante Fälle wurden besonders registriert.

Nach der Untersuchung führte man die Patienten in den Keller zur Dusche und pferchte sie dort ein. Nun wurden von außen die Ventile geöffnet und tödliches Kohlenmonoxid strömte ein. "Vermutlich wurde es Beni übel, bevor die Ohnmacht eintrat und er nach wenigen Minuten erstickte", so Hartmut Traub. Während Anstaltspersonal die Toten aus der Gaskammer schleifte, begannen die Brenner am Krematorium der Anstalt bereits mit der Arbeit. Traub berichtet, dass 50 bis 60 Leichen täglich verbrannt wurden und dass dieser Vorgang pro Leiche zwischen 30 und 40 Minuten dauerte. Am 13. März 1941 wurde auch Beni verbrannt. In dem an den Vater gerichteten Trauerbrief der Anstalt war von einer Grippe mit Hirnhautentzündung als Todesursache die Rede und dass Benis Tod als Erlösung aufzufassen sei. Auf Wunsch der Familie kam die Urne mit Benis Asche nach Hause und wurde am 12. Mai 1941 beerdigt.

"Damit begann das langsame Vergessen", bedauert Traub. "Im Unterschied zu den lebendigen Kriegserinnerungen des Vaters hatte Beni keinen nennenswerten Platz in der Familiengeschichte." Traub ist dankbar, dass das Gedenken an die Geschehnisse nunmehr Teil der Erinnerungskultur geworden ist.

Kerstin Kaminsky

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