Gretes Weg:

Im Keller der Tötungsanstalt

  • schließen

Wie die Familie eines Opfers der NS-Krankenmorde von Hadamar nach 80 Jahren Gewissheit findet - Teil 1: Im Keller der Tötungsanstalt.

1. Im Keller der Tötungsanstalt

An einem Nachmittag im Spätsommer 2017 steht Christa Diebig an der Treppe, die in den Keller der Psychiatrischen Klinik von Hadamar führt. Vor gut 80 Jahren ist ihre Großtante diese Treppe hinabgestiegen. Wahrscheinlich trug sie dabei nichts als einen Armeemantel. Unten erwarteten sie die "Pfleger" der Tötungsabteilung.

„Es ist schlimm, an diesem Ort zu stehen“, sagt Christa Diebig. Sie steigt die Treppe trotzdem hinab, langsam, eine Stufe nach der anderen.

Der Keller mit den weißgetünchten Wänden ist in mehrere Räume aufgeteilt. Links befindet sich die Gaskammer, dahinter der Sezierraum. Hierhin schleppten die „Leichenbrenner“ ausgewählte Tote, hievten sie auf die Tische, wo Ärzte ihnen die Schädel aufsägten und die Gehirne entnahmen. Eine Lorenbahn verbindet diesen Teil des Kellers mit dem gegenüberliegenden, wo die Verbrennungsöfen standen.

Christa Diebig lässt sich durch den gesamten Keller führen. Ausführlich erklären die Mitarbeiter der Gedenkstätte, wie das Töten ablief. Diebig hört zu. Ein paar Mal fragen die Mitarbeiter, ob sie aufhören sollen. Will sie das alles wirklich wissen? Will sie wissen, dass die „Leichenbrenner“ den Toten die Goldzähne mit Zangen herausbrachen, bevor sie sie in die Öfen schoben?

Ja, sagt Christa Diebig – alles. „Das bin ich Grete schuldig.“

Am Ende dieses Nachmittags sitzt Diebig an der Haltestelle unter der Psychiatrischen Klinik und wartet auf den Bus. Es ist immer noch brütend heiß. Sie spürt die Hitze nicht. „Ich war wie aus der Zeit gefallen“, sagt sie. „Nach Jahrzehnten wusste ich endlich, was mit Tante Grete geschehen war.“

Teil 1:

Teil 2:

Teil 3:

Teil 4:

Teil 5:

Teil 6:

Quellen:

Private Unterlagen aus dem Nachlass von Margarete M.

Baader et al.: "Verlegt nach Hadamar". Die Geschichte einer NS-"Euthanasie"-Anstalt. Kassel 2009

George et al.: Hadamar. Heilstätte, Tötungsanstalt, Therapiezentrum. Marburg 2006

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare