+
Gunter Demnig mit den Stolpersteinen für die vier ehemaligen Bewohner des Hauses Neumarkt 17.

Stolpersteine

Nazi-Opfer dem Vergessen entreißen

Bereits zum zweiten Mal verlegte Gunter Demnig seine Stolpersteine für Hadamarer Juden, die dem mörderischen Regime der Nationalsozialisten zum Opfer fielen. Die zwölf Menschen, deren Namen nun dem gesellschaftlichen Vergessen entrissen wurden, wohnten in der Borngasse, der Schulstraße und am Neumarkt.

Siegmund Rosenthal und seine Frau Johanna betrieben in der Borngasse ein kleines Kaufhaus. Noch heute kann man sich vorstellen, dass in den Schaufenstern einst Textilien, Haushaltswaren und Porzellan ausgestellt waren. Die Wohnung der fünfköpfigen Familie befand sich über dem Ladengeschäft. Bertha, eine der drei Töchter, war geistig behindert. Eine Haushaltshilfe kümmerte sich um das Mädchen.

Die Pogromnacht des Jahres 1938 verbrachte Familie Rosenthal zusammen mit anderen jüdischen Familien aus Hadamar in „Schutzhaft“, während der Mob ihr Geschäft zerstörte und die Wohnung verwüstete. Dann zogen die Rosen-thals zwangsweise in das Hadamarer Ghettohaus am Neumark 8. Von dort aus wurden sie zusammen mit fünf weiteren Juden nach Theresienstadt deportiert.

Nach Berichten einer Augenzeugin versuchte Vater Siegmund, wenigsten die Deportation der bitterlich weinenden Berta zu verhindern, was ihm jedoch nicht gelang. „Mit mir könnt ihr ja machen was ihr wollt“, soll er gerufen haben. „Aber tut doch bitte meinem Berthachen nichts an!“ Von der Familie Rosenthal überlebte lediglich Tochter Selma, alle anderen starben in Konzentrationslagern und wurden verbrannt. Das Vermögen der Familie fiel an das Reich.

In dem schmucken Fachwerkhaus der Hadamarer Schulstraße 15 lebten einst zwei jüdische Familien: Irma und Max Nordhäuser mit ihrem Sohn Ludwig sowie Ernst und Irma Irene Liebmann mit Tochter Brigitte. Alle sechs Personen haben den Holocaust nicht überlebt. Sie wurden in den Konzentrationslagern Sobibor bzw. Majdanek ermordet.

Auch Arthur Aron vom Neumarkt 31, ein engagiertes Mitglied der freiwilligen Feuerwehr, der im 1. Weltkrieg für Deutschland kämpfte und später in verantwortungsvoller Stellung am Weilburger Amtsgericht tätig war, konnte sich nicht vor der Deportation in Sicherheit bringen. Er kam ins KZ Majdanek, wo er beim Eisenbahnstreckenbau eingesetzt wurde und starb.

Die verwitwete Rosa Kahn heiratet 1923 den Sattler und Schuhhändler Adolf Neuhaus, der für ihre Tochter Lore zum Vater wurde. Die Familie sah das Drama kommen und entschied sich zur Flucht. Über Amsterdam wollten sie in die USA auswandern. Dazu kam es jedoch nicht, weil die Niederlande kurz nach ihrer Ankunft von deutschen Truppen besetzt wurden und die Ausreisewilligen kein Visum bekamen, obwohl sie die Schiffspassage im Voraus bezahlt hatten. Vater Adolf wurde festgenommen, Mutter Rosa und Tochter Lore fanden Unterstützer, die sie zusammen mit einem weiteren Mann bis zum Ende des Krieges auf ihrem Dachboden versteckten. Auch wenn es kaum Essen, Strom und Wasser gab und vor allem der Hungerwinter 1944/45 extrem schwierig war, überlebten die beiden den Holocaust.

„Opfer der Judenverfolgung sind ja nicht nur die Ermordeten, sondern auch alle, die aus ihrer Heimat vertrieben wurden“, erklärte Volker Soßdorf von der Hadamarer Stolperstein-Initiative. Es gebe über die bisher in zwei Verlegeaktionen bedachten 23 Menschen noch mindesten sieben weitere Personen, die nicht vergessen werden sollen. Deshalb hoffe man, im kommenden Jahr noch einmal Stolpersteine verlegen zu können, benötige dazu allerdings noch Spendengelder.

Viele Hadamarer Bürger begleiteten den Künstler Gunter Demnig am Mittwoch bei der Verlegung seiner mit einer Messingtafel versehen Gedenksteine, in die persönliche Daten der Opfer eingraviert sind. In 23 Ländern hat Demnig seit nunmehr über 20 Jahren 63 000 Stolpersteine verlegt.

Die Aktion wurde mit Texten, Gesang und Tanz von Viertklässlern der Herzenbergschule mitgestaltet. Vier Schüler aus dem Gymnasialzweig der Fürst-Johann-Ludwig-Schule verlasen zudem Biografien der Opfer.

Der 15-jährigen Antonia Gotthardt fiel es zu, etwas aus dem Leben von Bertha Rosenthal vorzutragen. „Die Vorstellung, wie das behinderte Mädchen bei der Deportation herzzerreißend weinte, tut mir selbst weh“, sagte sie, und dass es sie sehr traurig mache, wie hilflos die unschuldigen Juden damals dem Nazi-Terror ausgeliefert waren.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare