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Pferde für Körper, Geist und Seele

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Von: Sabine Rauch

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Sattelfest: Ivar Brethouwer hilft da, wo es nötig ist ? ansonsten sollen alle Reiter in seinem Stall so selbstständig wie möglich sein.
Sattelfest: Ivar Brethouwer hilft da, wo es nötig ist ? ansonsten sollen alle Reiter in seinem Stall so selbstständig wie möglich sein. © Rauch, Sabine

Pferde als Psychotherapeuten, Pädagogen und Physiotherapeuten: Beim heilpädagogischen Reiten ist nicht ganz klar, wer eigentlich wen erzieht – der Reiter das Pferd oder umgekehrt. Im Historischen Gestütstall in Hadamar können Menschen jedenfalls jede Menge von Islandpferden lernen.

Natürlich sieht es nicht besonders spektakulär aus, wenn Nora und Logi eine Runde nach der anderen drehen. Doch die junge Frau ist glücklich, sie strahlt. Und korrigiert sofort die Haltung, wenn sie auf dem Pferderücken verrutscht. „Das Reiten ist gut für Noras Psyche“, sagt Barbara Witt. Und natürlich für ihren Körper. Die Spastiken ihrer Tochter werden schwächer, wenn sie reitet. Aber vor allem mache der Umgang mit den Islandpferden ihr Kind fröhlich, sagt Noras Mutter. Seit mehr als acht Jahren kommt Nora oft mehrmals in der Woche in den Historischen Gestütstall Hadamar. Einmal privat und dann noch einmal mit der Lebenshilfe. Den Wallach Logi hat Nora am liebsten. Weil sein Rücken nicht so hoch ist; weil er nicht einfach stehenbleibt, wenn sie sich verkrampft. Weil es einfach passt zwischen den beiden.

Genau das schätzt Ivar Brethouwer so an seinen Pferden: dass sie duldsam sind und empfindsam. Und die meisten besonders ruhig. „Das kommt durch die jahrelange Arbeit mit ihnen“, sagt Ivar Brethouwer. Und dadurch, dass die Isländer in der Herde und im offenen Stall gehalten werden. Seine Pferde könnten sich wälzen und rennen, miteinander spielen und toben. „Das müssen sie dann nicht mehr mit den Menschen machen.“ Mit Menschen sind die großen Tiere ganz behutsam. Sie lassen sie einfach machen, sind geduldig, vertrauensvoll. Auf jeden Fall nehmen sie den Reiter so wie er ist. Das ist es auch, was Nora Witt gut tut. Und ansonsten bereitet ihr der Umgang mit den Pferden und den anderen Reitern einfach Freude.

Von Therapie zum Hobby

„Man bekommt Vieles zurück von den Pferden“, sagt Ivar Brethouwer. Der Reittherapeut kann von vielen Kindern berichten, bei denen der Umgang mit den Pferden wahre Wunder bewirkt hat. Von Dennis zum Beispiel, einem Autisten, der erst nur im Sägemehl sitzen, mit niemandem sprechen und in Ruhe gelassen werden wollte. „Am Anfang musste ich ihn an der Kapuze zum Pferd ziehen, inzwischen reitet er selbstständig und spricht mit Menschen.“ Seit zehn Jahren komme der Junge in seinen Reitstall. „Längst ist die Therapie nebensächlich. Jetzt ist das Reiten einfach ein Hobby für ihn.“ Und da ist der Junge, dessen Eltern so verzweifelt waren, dass sie es mit einer kostspieligen Delfintherapie versuchten. Davon waren sie enttäuscht. Von der Reittherapie nicht: Inzwischen reitet der Junge mit Ivar Brethouwer ins Gelände. Vom Pferd könnten Menschen Verlässlichkeit und Kommunikationsstrategien lernen. Denn Pferde reagieren immer gleich, „und man muss nicht mit ihnen sprechen.“

Natürlich sei das Reiten nur für jene Menschen geeignet, die keine Angst vor Pferden haben und nicht allergisch sind, sagt Ivar Brethouwer. Aber ansonsten sei der Pferdestall ein guter Ort für alle Menschen mit geistigen, körperlichen und psychischen Beeinträchtigungen. Und es geht ja nicht alleine ums Reiten, um die Gangarten, die richtige Haltung: Der Umgang mit dem Pferd bringt Selbstvertrauen. „Man kann es putzen, man kann die Hufe hochheben, und das große Tier bleibt stehen und genießt das.“ Man kann sich um ein Pferd kümmern, Verantwortung übernehmen. Der zehnjährige Kevin zum Beispiel kommt nicht nur zum Reitens, sondern auch, um im Stall zu helfen, den Tieren Heu zu geben, um auszumisten – um sich nützlich zu machen. „Das macht genauso viel Spaß wie Reiten“, sagt er.

Andere Reiter kommen, weil sie vor allem die Bewegung auf und mit dem Pferd schätzen. Eine Frau zum Beispiel, die sich nach dem Schlaganfall und der halbseitigen Lähmung entschieden hat, endlich ihren Traum vom Reiten in die Tat umzusetzen. Jetzt macht es ihr nicht nur Spaß, sondern erhält wichtige Körperfunktionen. Denn das Reiten ist gut für das Gleichgewicht, für die Beweglichkeit, die Kondition, die Koordination und die Körperwahrnehmung.

„Eins zu werden mit dem Pferd – das ist das Ziel“, sagt Ivar Brethouwer. Und dem einen gelingt das eben schneller als dem anderen. „Reiten lernt man ein Leben lang.“ Je besser der Reiter ist, umso geschmeidiger geht das Pferd.

Reitpädagoge

Ivar Brethouwer reitet, seit er ein kleiner Junge war, mit zwölf Jahren kaufte er sich sein erstes eigenes Pferd, ein Islandpony. 900 Mark hatte er gespart. Seitdem hat er immer Pferde gehabt, und schnell stand sein Berufswunsch fest. „Ich wollte immer was mit Pferden und Menschen machen.“ Also machte er nach der Schule eine Ausbildung zum Erzieher, dann eine Reitlehrerausbildung und schließlich die Ausbildung zum Reitpädagogen. Vor 22 Jahren hat er den Historischen Gestütstall gekauft, seitdem haben ungezählte Kinder und Erwachsene auf seinen Islandponys Reitunterricht bekommen, in Spielgruppen den Umgang mit dem Pferd gelernt – oder haben beim heilpädagogischen Reiten etwas für Körper, Geist und Seele getan.

„Von der Abhängigkeit zur Selbstständigkeit“ nennt Ivar Brethouwer das pädagogische Konzept. Um die persönliche und soziale Entwicklung des Menschen geht es. Und die ist nicht nur was für Mädchen: Ungewöhnlich viele Jungs sind in den Reitgruppen des Gestütstalls und beim therapeutischen Reiten. Vielleicht liegt das an der unkomplizierten Stimmung im Stall, vielleicht aber auch daran, dass der Reitlehrer ein Mann ist. „Der einzige männliche Reittherapeut mit Islandpferden und eigenem Reitbetrieb auf der ganzen Welt“, um genau zu sein.

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