Schlosskultur in Hadamar mit Benedikt Fröhlich (Piano), Niklas Gogolok (Saxophon) und der Autorin Katja Bohnet.
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Schlosskultur in Hadamar mit Benedikt Fröhlich (Piano), Niklas Gogolok (Saxophon) und der Autorin Katja Bohnet.

Auftakt der "Schlosskultur" in Hadamar mit Literatur und Musik

Sechs Leichen für 25 Gäste

  • VonAnken Bohnhorst-Vollmer
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Weniger als drei Monate benötigte die Stadt Hadamar, um ein respektables Kulturprogramm zu schmieden und zu realisieren mit Musik, Kabarett, Puppentheater und mit Literatur. Gespielt, gesungen und gesprochen wird im Freien und stets unter dem Titel "Schlosskultur". Denn die Bühne steht auf dem Platz neben dem Schloss, und dass Kultur in der Stadt mittlerweile einen hohen Stellenwert genießt, bewiesen die Stadtverordneten erst vor wenigen Wochen, als sie sich mehrheitlich für ein neues Museumskonzept aussprachen.

So viel ist den Mandatsträgern im Parlament die Präsentation von Kunst und Kultur in ihrer Stadt wert, dass sie dafür rund 940 000 Euro berappen wollen.

Das Sommerprogramm Schlosskultur ist dagegen deutlich günstiger, zumal sich das Hessische Ministerium für Wissenschaft und Kunst an der Finanzierung beteiligt. Offenkundig ist die Schlosskultur für die Vertreter aus Verwaltung und Politik aber auch deutlich unwichtiger: Nicht eine Handvoll von ihnen waren zur Auftaktveranstaltung am Freitagabend erschienen.

Interpretation des "Tatort"-Themas

Dabei hatten die Organisatoren zur Eröffnung Katja Bohnet eingeladen, eine in Hadamar lebende Autorin. Die nahm den überschaubaren Zuspruch mit Humor, bat die etwa zwei Dutzend Zuhörer Platz zu nehmen - man könne rasch durchzählen, um herauszufinden, ob alle anwesend seien, rief sie vergnügt. Ebenfalls unverzagt waren die beiden jungen Musiker, Benedikt Fröhlich (Piano) und Niklas Gogolok (Saxophon), die die Gäste mit einer Interpretation des "Tatort"-Themas auf den Abend einstimmten.

Ermittlerteam des Landeskriminalamts

Schließlich geht es in Bohnets aktuellem Buch "Fallen und Sterben" um ein Attentat auf dem Berliner Alexanderplatz. Innerhalb von 30 Minuten werden sechs Menschen ermordet, während in der Stadt ein Kongress der Polizeiorganisation Interpol stattfindet.

Rosa Lopez und Viktor Saizew, das Ermittlerteam vom Landeskriminalamt, verfolgt mögliche Spuren und droht dabei, einander zeitweise zu verlieren. Etwa als Viktor Saizew, dem der "Fluch der Unsterblichkeit" die Lebensfreude zu nehmen scheint, vorübergehend in eine geschlossene psychiatrische Einrichtung einzieht. Oder als Rosa Lopez die Last und Lieblosigkeit ihres Privatlebens zu überwinden versucht. Hier beschreibt sie ihre Charaktere mit jener Lakonik, die sich insbesondere durch skandinavische Kriminalromane zieht und die den Boden bereitet für unfassliche Abartigkeiten.

Im Buch von Katja Bohnet sind dies die verschiedenen Spielarten des Kannibalismus, mit denen sie ihre Ermittler und deren lesende Begleiter konfrontiert. So grenzt sie mit geradezu wissenschaftlicher Gelassenheit die religiös motivierte Menschenfresserei von ritueller ab, beschreibt Kannibalismus als Kampfhandlung, um einen Feind auszutilgen, als Folge einer oder mehrerer sexueller Störungen oder als überlebensnotwendige Reaktion "in extremen Notlagen". Der kleine musikalische Einschub von Benedikt Fröhlich und Niklas Gogolok: "It could happen to you". Dass ihr Buch, aus dem sie an diesem Abend vorliest, bereits im vergangenen Jahr erschienen und somit in Kannibalismus-Kreisen als gut abgehangen gelten kann, ist da nur ein weiteres Details einer bemerkenswerten Komposition.

Wer der Mörder vom Alexanderplatz ist, verrät die Autorin von "Fallen und Sterben" den Zuhörern auf dem Hadamarer Schlossplatz selbstverständlich nicht. Nur dass die Realität dennoch stets die Vorstellungskraft sprengt, das stellt sie klar. Und für alle, die nach der knapp zweistündigen Lesung zweifeln, betont sie, "volles Risiko" dem Perfektionismus vorzuziehen. Als kleine Zugabe vorbereitet hatte Katja Bohnet einige literarische Miniaturen, die sie auf ihren Reisen sammelt und die - wen wundert es nach der Einführung in die Welt des Kriminal-Kannibalismus - einen hohen Fleischanteil aufweisen. Zum Beispiel bei ihrer Phantasie über eine Welt der Mettbrötchen . . .

Der Hadamarer Bürgermeister Michael Ruoff (CDU) hatte zu Beginn des Abends bei seiner Begrüßung mit Blick auf die geringe Anzahl der Gäste im Publikum festgestellt, die Veranstaltung hätte mehr Besucher verdient. Er hatte recht. Kunst und Kultur können auch außerhalb der Museumsmauern belebt und gepflegt werden. anken bohnhorst

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