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Studenten legten Grundstein für Gedenkstätte in Hadamar

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Die Gedenkfeier zum Jahrestag der Befreiung vom Nazi-Terror auf dem Mönchberg blickt zurück auf die erste Dauerausstellung über die Geschichte der NS-Euthanasie an diesem Ort des Schreckens. Mit der Präsentation begann vor 35 Jahren das kontinuierliche Erinnern an jene Menschen, die von 1941 bis 1945 in der Tötungsanstalt ermordet wurden.

Die Initiative von vier Gießener Studenten, die 1983 im historischen Keller der ehemaligen Landesheilanstalt und in unmittelbarer Nähe zu den verbrecherischen Tötungseinrichtungen die erste Ausstellung organisierten, legte den Grundstein für die heutige Gedenkstätte – eine der ersten deutschen NS-Euthanasie-Gedenkstätten überhaupt.

Gedenkstättenleiter Dr. Jan Erik Schulte erzählt: „Die jungen Männer hatten mit einfachen Mitteln Plakate gestaltet, auf denen sie Auszüge verschiedener Krankenakten und Fotos mit eigenen Texten kommentierten. Sie boten auch Führungen durch ihre Ausstellung an.“ Die Ausstellung in den Kellerräumen habe vermutlich bis 1989 bestanden und bot damit erstmals eine Kontinuität im ununterbrochenen Erinnern an die Opfer des Nazi-Terrors in Hadamar.

In den späten 1980er Jahren schuf der Landeswohlfahrtverband (LWV) als Träger der Vitos-Klinik eine erste Stelle, um den Bestand von fast 4000 Krankenakten aus der Zeit von 1941 bis 1945 zu sichten, zu sortieren und zu pflegen. Der Stelleninhaber Otto Krimm beherrschte die Sütterlinschrift und entdeckte in den alten Papieren Informationen, die sonst niemandem zugänglich waren. Während auf dem Mönchberg die persönlichen Schicksale von Patienten der Hadamarer „Irrenanstalt“ entschlüsselt wurden, forschten überall in Deutschland verschiedene Wissenschaftler zu den Ausmaßen von Euthanasie und Zwangssterilisation in der NS-Zeit und untermauerten damit die Fakten aus den Krankenakten.

„Anders als beispielsweise bei den jüdischen Opfern oder den politisch Verfolgten, fehlte diesen Opfergruppen ein Sprachrohr. Wer mochte damals offen über die Geisteskrankheit eines Angehörigen reden oder gar eingestehen, selbst von den Nazis zwangssterilisiert worden zu sein?“, verdeutlicht Schulte. So sei es schwierig gewesen, in der Öffentlichkeit ein Bewusstsein für das Leid dieser Patienten zu wecken.

Ausweitung geplant

Parallel zur Aufarbeitung der Akten wandelte der LWV einen Trakt im früheren Hauptgebäude der Landesheilanstalt zu einem dauerhaften Ort des Erinnerns für die Opfer der dort verübten NS-Verbrechen um. Für die Ausstellung gab es nun lichte und luftige Räume. Auch eine pädagogische Abteilung kam hinzu, die seither von Regine Gabriel koordiniert wird. „Im vergangenen Jahr zählten wir über 20 000 Besucher, auch für Gruppen aus Israel und den USA sind wir immer wieder ein Ziel“, freut sie sich. Allerdings brauche man unbedingt mehr Platz.

Die Voraussetzungen für eine räumliche Erweiterung werden gegenwärtig geschaffen. Im Dachgeschoss entstehen zwei Gruppenräume und der Westflügel des Gebäudes werde perspektivisch ebenfalls für die Ausstellung genutzt. „Die Gedenkstätte wird erheblich erweitert und komplett neu gestaltet“, blickt Regine Gabriel in die Zukunft. Geplant sei ein Rundgang mit Stationen beispielsweise zur medizinischen und politischen Vorgeschichte der Patientenmorde, zur Nachkriegsgeschichte und zur Busgarage. Dazu kämen Dokumentationsräume mit Namenslisten der Opfer und Biografien wie auch eine Bibliothek. „Für unsere pädagogische Arbeit werden sich ganz neue Herausforderungen stellen.“

Die Gedenkstätte bietet Führungen und Aktionen bereits für Kinder ab der 4. Grundschulklasse an. Darüber hinaus kommen Klassen aus den allgemeinbildenden und beruflichen Schulen, FSJ-Gruppen oder Jugendverbände von Kirchengemeinden oder Studierende.

„Ein Höhepunkt in der 35-jährigen Geschichte war die Anne-Frank-Ausstellung von 1999“, erinnert sich die Pädagogin. „Nicht nur, weil wir hier erstmals 10 000 Besucher zählten, sondern weil sich Heranwachsende als Begleitpersonen für Schülergruppen fanden und damit das Fundament für die freie Mitarbeiterschaft legten, ohne die unser Betrieb heute nicht mehr denkbar wäre.“

Auch die seit mehr als 25 Jahren stattfindende Veranstaltung zum Jahrestag der Reichspogromnacht böte in einem breiten Spektrum stets etwas Besonderes: von Klezmermusik über lange Filmnächte bis zu eigenen Theaterproduktionen – und das prinzipiell bei freiem Eintritt.

Am 22. März ab 18 Uhr werden anlässlich der Gedenkfeier zum Jahrestag des Einrückens amerikanischer Truppen, an dem das systematische Töten von Patienten der damaligen Landesheilanstalt auf dem Mönchberg endete, die vier Kuratoren der ersten Ausstellung in der Gedenkstätte erwartet. Sie werden erzählen, warum sie sich damals mit dem Thema befassten, wie sich ihre Arbeit gestaltete und wie sie mit den Ergebnissen umgingen.

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